Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 7 / Ausland

Fans zurück im Stadion

Ägypten lockert Zuschauerverbot für Fußballspiele. Ultras bleiben vorerst fern

Von Sofian Philip Naceur, Kairo
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Zäsur für ägyptischen Fußball: Beim Massaker im Stadion von Port Said starben mehr als 70 Menschen (1.2.2012)

Es waren ungewohnte Szenen am Samstag im Kairoer Petrosport-Fußballstadion: Erstmals seit Jahren hatten die Behörden wieder Zuschauer bei einem Spiel der ägyptischen Premiere League zugelassen. Etwa 3.000 Fans feuerten auf den Rängen ihre Mannschaften an und feierten ausgelassen ihre Rückkehr auf die Tribünen. Rund um den von Polizisten abgeriegelten Spielort im noblen Vorort New Cairo blieb es ruhig, die in Ägypten bei Fußballspielen nicht unüblichen Reibereien zwischen Einsatzkräften und den Ultras blieben aus.

Das Ergebnis der Partie – der Spitzenclub Zamalek SC gewann gegen die zum gleichnamigen Erdölkonzern gehörende Mannschaft von ENPPI verdient mit vier zu eins – geriet dabei fast zur Nebensache. Denn erst im August hatten sich die Regierung, der Fußballverband EFA und die Clubs darauf geeinigt, das bereits 2012 erlassene und 2015 nur kurzweilig aufgehobene strikte Zuschauerverbot bei Ligaspielen zu lockern und vorerst bis zu 5.000 Fans in die Stadien zu lassen.

Seit den Ereignissen von Port Said im Februar 2012 wurden Spiele vor Geisterkulissen ausgetragen. Damals wurden 72 Fans des Rekordmeisters Al-Ahli getötet, nachdem teils bewaffnete Anhänger des gegnerischen Teams Al-Masri den Gästeblock attackiert hatten. Das Massaker gilt als Zäsur im ägyptischen Fußball. Den Einsatzkräften wird vorgeworfen, absichtlich nicht eingegriffen sowie die Tore des Gästeblocks nicht geöffnet zu haben. Es wird vermutet, dass sie sich damit an den Ultras Ahlawi (UA07) – der größten derartigen Gruppierung – für deren tragende Rolle während des Aufstandes gegen das Regime von Expräsident Hosni Mubarak im Januar 2011 rächen wollten.

Die Ultras der beiden großen Kairoer Clubs – UA07 und Ultras White Knights (UWK) von Zamalek – gelten spätestens seit 2011 als einzige Kräfte, die es vermochten, sich den prügelnden Polizisten wirksam in den Weg zu stellen. Vor allem die UA07 hatten bei Fußballspielen immer wieder mit beeindruckenden Choreographien auf den Rängen Kritik an Regierung und Repressionsapparat geübt und sind dem Regime schon deshalb ein Dorn im Auge.

Hunderte Ultras wurden mittlerweile verhaftet, strafrechtlich verfolgt und verurteilt, oft auf Grundlage absurder Vorwürfe. Zamaleks Vereinspräsident Mortada Mansur, ein Anhänger des Regimes und entschiedener Gegner der organisierten Fangruppen, hatte mehrfach versucht, die Ultras als Terrororganisationen einstufen zu lassen – allerdings erfolglos.

Die jüngste Lockerung hat mehrere Gründe: Die Versuche, Fußballspiele von privaten Sicherheitsfirmen betreuen zu lassen, seien zwar im Sand verlaufen. Doch die aktuelle Situation sei für die Vereine auch finanziell nicht mehr tragbar gewesen, meint der Sportjournalist und Kodirektor des Instituts für Fankultur der Universität Würzburg, James Dorsey, gegenüber junge Welt. Ausbleibende Ticketeinnahmen hätten die Clubs unter Druck gesetzt. Die WM 2022 in Katar rücke laut Dorsey die Region zudem ins Rampenlicht; Vereine und Länder wollen gut auftreten, und das ist ohne die Unterstützung der Fans schwierig.

Die UA07 haben im April angekündigt, ihre Aktivitäten bis auf weiteres einzustellen. Die UWK gaben kurz darauf gar ihre offizielle Auflösung bekannt. Das Regime ist damit seinem Ziel, die Fankultur im Land zu entpolitisieren, ein Stück nähergekommen. Doch es bleibt unklar, ob sich die Ultras wirklich aufgelöst haben. »In sozialen Netzwerken sind sie weiterhin sehr aktiv«, erklärte Dorsey. »Dieses sehr kontrollierte Zulassen einer sehr begrenzten Anzahl an Fans in den Stadien lässt vermuten, dass die Regierung die Ultras immer noch ernst nimmt. Wie ernst sie sie wirklich nehmen sollten, wird sich zeigen, wenn die Stadien wieder geöffnet werden«, so Dorsey.

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