Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 7 / Ausland

Fragwürdige Meldung

Berichte über Lieferung iranischer Raketen an den Irak sorgen für Aufregung

Von Knut Mellenthin
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Propaganda mit Raketen und Ajatollah Khamenei im September 2017 in Teheran

Der Iran hat einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters dementiert, wonach seine »Kuds-Truppe« – die Spezialabteilung der Revolutionsgarden für Auslandseinsätze – Raketen an schiitische Milizen im Irak geliefert habe. Die Darstellung sei »falsch, bedeutungslos und lächerlich«, hieß es in einer Stellungnahme, die am Sonnabend vom Sprecher des Teheraner Außenministeriums, Bahram Ghassemi, verbreitet wurde. Der Bericht ziele nur darauf ab, »Befürchtungen unter den Ländern der Region zu erregen« und »Irans außenpolitischen Beziehungen, vor allem den Verbindungen mit seinen Nachbarn, zu schaden«.

Etwas ergiebiger sind die irakischen Reaktionen. So zitierte die iranische Nachrichtenagentur Fars ebenfalls am Sonnabend einen nicht näher bezeichneten irakischen Vertreter mit der Aussage: »Diese Berichte sind ungenau. In dem, was gemeldet wurde, gibt es einen Fehler. Die Raketen wurden von Haschd Al-Schaabi« – einer der mit dem Iran kooperierenden schiitischen Milizen im Nachbarland – »hergestellt und während einer Parade zur Feier des Sieges über den ›Islamischen Staat‹ vorgeführt«. Die Raketen hätten nur eine Reichweite von 50 Kilometer und stellten für andere Länder keine Gefahr dar. Der Sprecher habe, so Fars, die Sorge geäußert, dass mit solchen Anschuldigungen der Weg zu Angriffen gegen »gewisse irakische Gruppen und Personen, die den Einsatz von US-Truppen im Irak ablehnen«, geebnet werden könnte.

Dass Raketen iranischer Bauart von irakischen Milizen in mehreren näher bezeichneten Fabriken hergestellt würden, war auch ein zentraler Punkt in dem Reuters-Bericht. Bei mindestens einer dieser Produktionsstätten handele es sich um eine Anlage aus der Zeit der Herrschaft von Saddam Hussein. Hingegen liege die Zahl der Raketen, die der Iran nach den Informationen der Nachrichtenagentur in den Irak geschafft haben soll, nur im Zehnerbereich. Es seien Exemplare von drei verschiedenen, genau bezeichneten Typen, deren Reichweite zwischen 200 und 700 Kilometern liege. Reuters wies eigens darauf hin, dass letztere die israelische Stadt Tel Aviv und die saudische Hauptstadt Riad erreichen könnten – »wenn die Waffen im südlichen oder westlichen Irak aufgestellt würden«.

Offenbar gab die auffallend niedrige Zahl dieser angeblichen iranischen Raketen selbst den Verfassern der Meldung zu denken. Zur Erklärung wurden nicht überzeugende Spekulationen entfaltet, dass der Iran damit Israel und die USA von Militärschlägen abschrecken wolle. Eine andere Überlegung liegt näher: Laut Reuters waren in den am Freitag veröffentlichten Bericht Informationen von drei Iranern sowie von je zwei irakischen und westlichen Geheimdienstleuten eingeflossen, von denen keiner namentlich genannt wurde. In dieser Breite in entsprechenden Kreisen zu recherchieren, ist für eine Nachrichtenagentur so gut wie unmöglich, aber für einen Geheimdienst wie den israelischen Mossad oder auch die CIA mit etwas Aufwand machbar.

An diesem Punkt kommt eine schon etwas ältere Meldung ins Spiel, die Israels Medien am 21. Juli unter Bezug auf die kuwaitische Tageszeitung Al-Dscharida verbreiteten. Das Blatt hatte behauptet, dass Israel im Besitz einer Liste mit Zielen auf irakischem Territorium sei und dass es »exklusive Fotos« von einigen dieser Ziele erhalten habe, darunter zwei Grenzübergänge zum Iran.

Sofern die ganze Geschichte nicht einfach ausgedacht war, reflektierte sie vermutlich israelische Informationen oder Desinformationen, die der Zeitung gezielt zugespielt worden waren. Das beabsichtigte Signal an die Regierung in Bagdad könnte gewesen sein, dass Israel, nachdem es schon über 100 Ziele in Syrien angegriffen hat, auch zu Militärschlägen gegen den Irak bereit wäre, falls dieser nicht seine Beziehungen zum Nachbarland reduziert und die schiitischen Milizen unter stärkere Kontrolle stellt. Auf Journalistenfragen nach dieser Option antwortete Israels Verteidigungsminister Avigdor Liberman am Montag: »Israels Freiheit ist total. Wir behalten uns diese Aktionsfreiheit vor.«


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