Aus: Ausgabe vom 03.09.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Rufschädigende Vorfälle

Materialreich, aber mit fragwürdigen Deutungen: Ein neues Buch zur Geschichte der Treuhandanstalt ist erschienen

Von Jörg Roesler
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Feindliche Übernahme geglückt: Sitz der Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße in Berlin (14. Mai 1991)

Über die Treuhandanstalt (THA) ist bereits viel geschrieben worden. Was hat den Autor bewogen, dem Thema erneut einen gewichtigen, mehr als 750 Seiten umfassenden Band zu widmen? Sein Anliegen erläutert Marcus Böick im Vorwort: Das Urteil der Autoren über die THA sei sehr unterschiedlich ausgefallen. Die einen betrachteten sie als Ursache der ostdeutschen Deindustrialisierung, die anderen lobten das Engagement der Treuhandmitarbeiter, die einen Auftrag »ohne historisches Vorbild«, zu dem es »keine Alternative« gab, erfolgreich bewältigt hätten.

Einen Weg aus diesem »verschlungenen Dickicht von Deutungen und Meinungen« über die Treuhand könne man nur finden, meint Böick, indem man nicht ausschließlich nach ökonomischem Erfolg oder Misserfolg der Privatisierung frage, sondern sich der Analyse der Treuhand anders als bisher, nämlich »dezidiert zeithistorisch«, zuwende. Das bedeute, so Böick, die Frage zu stellen, »wie, durch wen und auf welche Weise der Übergang vom planwirtschaftlichen Sozialismus zum marktwirtschaftlichen Kapitalismus von den verantwortlichen Politikern konzeptionell gedacht, durch das Treuhandmanagement organisiert und von den mitgestaltenden Mitarbeitern der THA akzeptiert und gedanklich verarbeitet wurde«. Welche Bedeutung Böick jeder einzelnen der drei von ihm behandelten Ebenen der Treuhandanalyse beimisst, lässt sich anhand des Umfangs erkennen, den der Autor in seiner Publikation den drei Analysebereichen zuerkannt hat: Die Hälfte entfällt auf das Thema Organisation. Je ein Viertel ist der Konzeptionierung und der Charakterisierung des Denkens und Handels des Treuhandpersonals gewidmet.

Eingeleitet hat Böick sein Buch mit einer Darstellung der ihm zur Verfügung stehenden und von ihm genutzten Quellen. Dieser Teil umfasst mehr als 70 Seiten, was nur im ersten Moment erstaunt, denn zum Thema Treuhand ist inzwischen mehr als ein Vierteljahrhundert lang publiziert worden. Böick hat – zumindest für die Buchpublikationen lässt sich das sagen – fast alles, was zum Thema erschienen ist, erfasst und sich dabei unvoreingenommen gezeigt, also alle zitiert, egal ob sie die Geschichte der Treuhand als grandiose Erfolgs- oder totale Misserfolgsgeschichte beschrieben haben.

Angesichts der Vielfalt der von Böick aufgespürten und durchgesehenen Quellen enttäuscht das vom Autor auf den letzten zehn Seiten des Buches angebotene »Fazit« dann doch insofern, als die Frage nach Erfolg oder Nichterfolg der Treuhand, bezogen auf die von Kanzler Kohl versprochenen »blühenden Landschaften«, die durch ihre Tätigkeit in Ostdeutschland angeblich erreicht werden sollten, eigentlich nicht beantwortet wird.

Die Bedeutung von Böicks Buch liegt auf einem anderen Gebiet, dem er auch den größten Teil seiner Ausführungen gewidmet hat. Es handelt sich um Schilderungen darüber, wie die Treuhand funktionierte, wie ihre aus den unterschiedlichsten Milieus stammenden verantwortlichen Mitarbeiter zusammenfanden, welche Methoden sie zur Bewältigung ihrer Aufgaben anwendeten, welche Institutionen sie entwickelten, um den ihnen übertragenen Privatisierungsauftrag, für den es auf der Ebene einer Volkswirtschaft kein Vorbild gab, zu erfüllen. Das interessiert Böick beim Abfassen des Buches vor allem. Das erklärt auch, dass er seitenmäßig den weitaus größten Teil seines Buches der Treuhand als Managementinstrument und als soziales Gebilde – als »soziales Erlebnis«, wie das bei ihm heißt – gewidmet hat.

In dieser Hinsicht mehr zu wissen, ist sicher nicht unwichtig und kann nützlich sein, wenn wieder einmal in großem Umfang und rasch privatisiert werden soll. Aus neoliberaler Sicht gibt es da ja selbst in Europa noch viel zu tun. Unterbelichtet geblieben bei einer solchen Ausrichtung der Analyse der Treuhandtätigkeit sind allerdings in Böicks Band erstens die materiellen Schäden, die die ostdeutsche Volkswirtschaft im Ergebnis der rigorosen Privatisierungspolitik erlitten hat. Zweitens äußert sich Böick nur am Rande über die sozialen Schäden, die die brutale Treuhandprivatisierung verursacht hat, kaum auch über den Widerstand verzweifelnder Betroffener. Bischofferode wird als »Vorfall« dargestellt, der das Bild von der effektiv arbeitenden Privatisierungsbehörde bedauerlicherweise beschädigt hat.

Ebenfalls beschädigt habe den Ruf der THA ein Anfang 1993 in Halle durch Gewerkschaftsvertreter aufgedecktes Korruptionsgeflecht, das, so Böick entschuldigend, »in der weitgehend regellosen Treuhand-Frühzeit« entstanden war und das für die Arbeit der Privatisierungsbehörde, so soll der Leser wohl schlussfolgern, ebenso untypisch war wie der energische Widerstand der Bischofferöder. Dem Konzept seines Buches entsprechend lässt sich Böick, statt zu untersuchen, wie weit westdeutsche Konzernbetriebe mittels von ihnen in die THA entsandter Manager deren Entscheidungen beeinflussten, lieber ausführlich darüber aus, wie diese Manager dank des Jobs bei der Treuhand weiter an ihrer »industriell-unternehmerischen Aufstiegserzählung« arbeiten konnten.

Hinsichtlich der dem Leser gebotenen Informationen ist Böicks Buch eine Fundgrube und verdient Anerkennung. Eigenes Nachdenken über die Leistungen und Fehlleistungen der Treuhandanstalt erspart der Band dem interessierten Leser jedoch nicht.

Marcus Böick: Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994. Wallstein, Göttingen 2018, 767 Seiten, 79 Euro


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