Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 15 / Geschichte

Ein bedeutender Schritt

Vor sechzig Jahren stellte die kubanische Rebellenarmee nach langer Diskussion mit den »Marianas« eine erste Fraueneinheit auf

Von Volker Hermsdorf
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Frauenbataillon während der Parade anlässlich des zweiten Jahrestags der Kubanischen Revolution (Havanna 6.1.1961)

Wer in einem kubanischen Betrieb erwähnt, dass Frauen in Deutschland für gleichwertige Arbeit im Schnitt mehr als 20 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer, erntet meist ungläubige Blicke. In Kuba ist das Prinzip »gleiches Entgelt für gleiche Arbeit« seit dem Sieg der Revolution eine Selbstverständlichkeit. Doch auch auf der Karibikinsel wurde den Frauen die Gleichstellung nicht geschenkt. Sie haben sich ihre Rechte in Jahrzehnten erkämpft. Eine Vorreiterrolle spielte dabei die aus Frauen bestehende Guerillaeinheit »Las Marianas«, die am 4. September 1958 auf Initiative Fidel Castros gegründet worden war.

Das vorrevolutionäre Kuba war durch den im Zuge des spanischen Kolonialismus importierten Machismo geprägt. Der Mann galt als aktiver Ernährer, der die Entscheidungen traf, die Frau hatte passiv zu sein. Vor 1959 waren nicht einmal zehn Prozent der Frauen berufstätig. Von denjenigen, die einer Arbeit nachgingen, waren wiederum fast drei Viertel als Dienstmädchen beschäftigt. Die in ihrer Mehrzahl meist sehr armen Mädchen wurden oft Opfer sowohl gesellschaftlicher als auch sexueller Unterdrückung. Vorenthaltener Lohn war ebenso an der Tagesordnung wie Vergewaltigungen – die nur in seltenen Fällen juristische Folgen für die Täter hatten.

Die über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen prägten auch die Rebellenarmee. Trotzdem spielten Frauen von Anfang an eine bedeutende Rolle in dieser Phase der Kubanischen Revolution. So nahmen Haydée Santamaría und Melba Hernández im Oktober 1953 am Angriff auf die Moncada-Kaserne teil und wurden gemeinsam mit Fidel und Raúl Castro und 26 weiteren Männern zu Haftstrafen verurteilt. Nach ihrer Freilassung schlossen sich die beiden der »Bewegung des 26. Juli« an und wurden wie Celia Sánchez, Vilma Espín und zahlreiche andere Frauen in der Guerilla aktiv.

Waffen vorenthalten

Während die Revolutionärinnen der ersten Stunde durch ihre Nähe zur Kommandantur Leitungsaufgaben übernahmen, erlebten die jüngeren Guerilleras, dass die Strukturen der Machogesellschaft sich auch bei den Rebellen reproduzierten. Zu ihnen gehörten die Bauerntochter Isabel Rielo Rodríguez und ihre jüngere Schwester Lilia. Weil Isabel Pharmazie studiert hatte, wurde sie in der Krankenstation eingesetzt. Lilia arbeitete in der Sierra Maestra als Lehrerin und unterrichtete die Bauern. Die Männer der Truppe kämpften zur gleichen Zeit gegen die Soldaten des Diktators Fulgencio Batista. Auch Delsa Esther Puebla, genannt Teté, stammte aus einer einfachen Bauernfamilie. Sie war im Juli 1957 in die Sierra Maestra gegangen, um sich der Guerilla anzuschließen. Doch Fidel und Raúl Castro erlaubten ihr zunächst nicht, aktiv zu kämpfen. Che Guevara setzte Teté in seiner Kolonne als Melderin ein, was oft mit riskanten Touren durch feindliches Gebiet verbunden war. Im Mai 1958 startete Batista eine Offensive, der Terror in den Bergen nahm zu. »Wo immer die Soldaten auftauchten, wurden Frauen vergewaltigt, Kinder getötet, ganze Dörfer bombardiert und niedergebrannt. All diese Verbrechen erfüllten uns mit Wut«, berichtete Teté Puebla später der US-Journalistin Mary-Alice Waters. Obwohl die Frauen wichtige Aufgaben erfüllten, seien sie zunehmend frustriert gewesen, weil sie nicht mit der Waffe in der Hand kämpfen durften. »Wir beschlossen, uns aktiv an den Kampfhandlungen zu beteiligen«, so Isabel Rielo gegenüber der Schriftstellerin Margaret Randall. Unterstützt von Celia Sánchez, intervenierten die Frauen beim Oberkommandierenden Fidel Castro. »Wenn die Revolution für die vollständige Gleichstellung der Frauen eintritt, warum dürfen wir dann nicht in der gleichen Art und Weise wie die Männer für diese Revolution kämpfen?«

Am 4. September 1958 rief Fidel Castro die führenden Mitglieder der Guerillatruppen zu einer Besprechung in seinem Hauptquartier zusammen. Isabel Rielo erinnert sich, wie Fidel die Versammlung mit den Worten begann: »Hört ihr den Kanonendonner des Feindes? Die können sich überhaupt nicht vorstellen, was wir hier tun. Sie haben keine Ahnung, dass sich jetzt auch Frauen aufstellen, um gegen sie zu kämpfen.« Der Comandante en Jefe hatte sich offenbar schon entschieden. FeuertaufeIn der siebenstündigen Diskussion versuchte Fidel, die Skeptiker zu überzeugen. Isabels jüngere Schwester Lilia schrieb 2013 in der Gewerkschaftszeitung Trabajadores: »Fidel erinnerte an die Rolle der Frauen in den Unabhängigkeitskriegen, zitierte Karl Marx, Lenin und Clara Zetkin, sprach über die besondere Unterdrückung von Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft und endete damit, dass all das die Frauen zu den entschiedensten Kämpferinnen für eine andere Gesellschaft mache. Die Rebellenführer, die zuerst gegen unsere Bewaffnung waren, schwiegen daraufhin beschämt.«

Am selben Tag wurde die zunächst aus 13 Mitgliedern bestehende erste Fraueneinheit der Rebellenarmee unter dem Kommando von Isabel Rielo und mit Teté Puebla als stellvertretender Kommandeurin gebildet. Fidel schlug vor, sie nach der Freiheitskämpferin Mariana Grajales, der Mutter des in Kuba wegen seiner Unbeugsamkeit als »Titan aus Bronze« bezeichneten Generals der Unabhängigkeitskriege, Antonio Maceo, zu benennen. Im Oktober 1958 befahl Castro dem Comandante Eddy Suñol, der zu den Gegnern des Projektes gehört hatte, die »Marianas« bei einem Angriff in der Stadt Holguín in seine Truppe zu integrieren. Als Suñol sich weigerte, drohte Fidel ihm: »Dann gehst Du auch nicht!« Später schrieb Suñol dem Comandante en Jefe: »Ich habe mich getäuscht. Ich wünschte, Du hättest die Frauen sehen können. Wenn die Männer zögerten, stürmten sie voran. Ihr Mut nötigt uns allen für immer den höchsten Respekt ab.« – »Das war für uns alle ein sehr bedeutender Schritt, vor allem aus politischen Gründen«, erklärte Isabel Rielo später. Die Gründung der Guerillaeinheit »Las Marianas« sei »ein entscheidender Schritt für die Beteiligung, die Anerkennung und den Respekt für unsere Frauen im weiteren revolutionären Prozess« gewesen. Mit dieser Entscheidung habe Fidel eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft der Kubanischen Revolution vollzogen.

Am 4. September 1958 wurde die Einheit »Las Marianas« auf Initiative Fidels gegründet. Der Comandante en Jefe hatte diesen Namen sozusagen als Ehrerweisung für Mariana Grajales, der Mutter des Generals Antonio Maceo ausgewählt. Sie war eine außergewöhnliche Frau, die zur Heldin unserer Unabhängigkeitskriege wurde.

Einige Genossen reagierten ziemlich ungehalten, weil ihnen die Idee für den Aufbau einer eigenen Fraueneinheit nicht gefiel. Zu den größten Gegnern gehörten Eddy Suñol und der Arzt Bernabé Ordaz. Sie waren nicht damit einverstanden, dass Frauen Waffen erhalten sollten, solange es noch unbewaffnete männliche Rebellen gab. Sie trauten uns nicht zu, dass wir kämpfen können, und sagten, dass wir die Waffen fallenlassen und uns dem Feind ergeben würden, sobald wir nur eine Kröte oder Eidechse zu Gesicht bekämen.

Doch da griff Fidel ein. Er rief den Generalstab der Rebellenarmee zu einer Versammlung in La Plata zusammen. Fidel sagte den versammelten Rebellen, dass wir Frauen sogar noch bessere Kämpfer als die Männer seien, weil Frauen viel stärker unter der Unterdrückung des Batista-Regimes litten und zudem diskriminiert würden. Als Zeichen seines Vertrauens ernannte er uns zu seiner Leibgarde, ordnete an, dass wir moderne M-1-Karabiner erhielten und bildete uns persönlich daran aus. Später, wenn wir in der Sierra an irgendeinem Ort auftauchten, sagten die Leute: Die Marianas sind gekommen, das bedeutet, dass der Comandante hier ist.

Delsa Esther (Teté) Puebla Viltre, zit. n. Luis Báez: Secretos de Generales, Barcelona 1997, S. 473 f.


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