Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Die Vermögensverwalter

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise
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Proteste gegen den IWF vor dem G-20-Finanzministertreffen in Buenos Aires (21.7.2018)

Am Mittwoch rief der argentinische Staatspräsident Mauricio Macri den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu Hilfe. Der Fonds möge doch bitte die Auszahlung des genehmigten Hilfskredits beschleunigen. Im Juni hatte der IWF den größten jemals mit einem einzelnen Land vereinbarten Einzelkredit in Höhe von 50 Milliarden Dollar gebilligt, aber wie üblich nur einen Teilbetrag ausgezahlt. Vom Hilferuf nach Washington erfuhren die Argentinier und die Finanzmärkte aus dem Fernsehen. Die argentinische Notenbank erhöhte den Leitzins von 45 auf satte 60 Prozent und versprach, ihn bis zum Ende des Jahres nicht zu senken, also eine Vollbremsung der argentinischen Wirtschaft vorzunehmen. Und dennoch fiel der argentinische Peso einen Tag später um weitere acht Prozent. Auf Bloomberg erklärte uns ein Experte – es war Martin Lück, der deutsche Chefstratege beim größten Vermögensverwalter der Welt, Blackrock: »Argentinien braucht eine Rezession.« Nur so könne die Inflation (derzeit ungefähr 80 Prozent jährlich) zurückgeführt und die argentinische Wirtschaft »dedollarisiert« werden, was wohl heißen soll, dass die Unternehmer des südamerikanischen Landes dazu veranlasst werden sollen, nicht jeden vereinnahmten Peso sogleich und möglichst schnell in Dollar zu tauschen. Das scheint auch Herrn Macris Auffassung zu sein.

Auch die türkische Lira hatte am Donnerstag einen schlechten Tag: minus vier Prozent zum Dollar und zum Euro. Allerdings steuern die türkische Regierung und ihr Präsident keine Rezession an. Die vom Finanzmarkt verlangte Leitzinserhöhung ist bisher ausgeblieben. Die türkische Regierung ist auch deshalb weniger erpressbar, weil die Staatsschuld des Landes relativ gering ist (nur etwa 28 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt). Die hohen Schulden der türkischen Unternehmen in ausländischer Währung (270 Milliarden Dollar und 152 Milliarden Euro zu Ende des 1. Quartals) sind das Problem. Sie werden, gemessen in Lira, mit jedem Kursrutsch der Währung größer. Die Kommentare in deutschen Gazetten zur Türkei wurden zuletzt freundlicher. Die Chancen, profitable türkische Unternehmen billig zu übernehmen, die ihre Auslandsschulden nicht bezahlen können, sind groß. Da könnte es besser sein, das Land nicht allzutief in die Rezession zu schubsen.

Wir blicken auf jene, die das Schubsen betreiben oder unterlassen: Auf dem vom Handelsblatt veranstalteten »Bankengipfel« befragte Chefredakteur Sven Afhüppe auch Axel Weber. Der Herr war bei Ausbruch der Finanzkrise 2007 Präsident der Deutschen Bundesbank – er hatte sich dabei durch verblüffende Fehleinschätzungen von Konjunktur und Finanzmarkt ausgezeichnet – und ist nun schon seit einigen Jahren Verwaltungsratsvorsitzender der größten Schweizer Bank UBS. Die Bank war bis zur Krise die größte Vermögensverwaltungsfirma des Globus, wurde in der Krise vom Schweizer Staat gerettet und als größter Vermögensverwalter Lücks Blackrock abgelöst. »Wir bei der UBS erzielen in der Vermögensverwaltung eine Eigenkapitalrendite von rund 50 Prozent«, sagte Weber. Im schriftlichen Text des Interviews wird nicht deutlich, ob der Mann dabei schamrot wurde. Hat er gelogen? Das wäre harmlos. Aber wenn es der Wahrheit nahe kommt oder sogar wahr ist, kann eigentlich die nächste Finanzkrise nicht mehr weit entfernt sein.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main


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