Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 4 / Inland

Europaweit Solidarität mit Seenotrettern

Am Wochenende finden in mehr als 20 deutschen Städten Aktionen für sichere Fluchtwege statt

Von Kristian Stemmler
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Seit Wochen sind sie auf der Straße: Demonstrantin der »Seebrücke«-Bewegung in Frankfurt am Main (7.7.2018)

»Schafft sichere Häfen«, »Build bridges not walls«, »Seenotrettung ist kein Verbrechen« – seit Wochen finden mit Slogans wie diesen in Deutschland Aktionen und Demos statt. Seit dem vergangenen Sonnabend mobilisiert die Bewegung »Seebrücke« in ganz Europa Menschen, die gegen das Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer und gegen die Abschottungspolitik der EU auf die Straße gehen. Das reichte von Edinburgh über Paris, Barcelona, Warschau und Wien bis nach Athen. An diesem Wochenende finden nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Zürich, Paris, Valletta sowie in vier polnischen Städten Kundgebungen statt.

Allein in Deutschland werden sich in mehr als 20 Städten Menschen mit Geflüchteten und mit privaten Seenotrettungsmissionen solidarisieren, die sich zum großen Teil 2015 angesichts des Todes Tausender Menschen im Mittelmeer gegründet hatten – weil die EU-Behörden ihrer Verpflichtung, Leben zu retten, nicht nachkamen.

In Hamburg hat die Bewegung den größten deutschen Seehafen ins Visier genommen. Mit einer Großdemonstration, zu der mehrere tausend Teilnehmer erwartet werden, soll die Forderung an die Landesregierung aus SPD und Grünen unterstrichen werden, dass sich die Hansestadt nach dem Vorbild von Barcelona und Palermo zum »sicheren Hafen« erklärt, also im Mittelmeer gerettete Flüchtlinge aufnimmt. Das teilte das Bündnis Seebrücke am Mittwoch mit. Es hatte sich im Juni gegründet, als die »Lifeline« mit 234 Geflüchteten an Bord vor Malta festgehalten wurde und nicht anlegen durfte.

Die Hamburger Großdemo beginnt am Sonntag nachmittag an den Landungsbrücken. Von dort geht es zum Millerntorstadion, wo nach dem Ende des Heimspiels viele Fans des FC St. Pauli zur Demonstration hinzukommen wollen. Die Abschlusskundgebung findet ab 17.30 Uhr auf dem Rathausmarkt statt. Der »Kiezklub« hat sich in einer ungewöhnlichen Aktion mit den Flüchtlingen solidarisiert: Auf die Homepage des Vereins wurde ein Foto gestellt, auf dem die gesamte Fußballmannschaft der 2. Bundesliga sowie die Mitarbeiter und Sportler anderer Abteilungen das Symbol der Seenotretter tragen: eine orangefarbene Schwimmweste. In einer Erklärung heißt es: »Der FC St. Pauli als engagierter gesellschaftlicher Akteur mit all seinen Gremien, seinen Mitarbeitern und seinen Abteilungen kann und will nicht zusehen, wie Menschen sterben, deren Überleben man mit einfachsten Mitteln sichern könnte.« Der Verein ruft ausdrücklich zur Teilnahme an der Demonstration und zu Spenden für die Organisation Sea-Watch auf, durch Behörden Italiens und Maltas an ihrer Arbeit gehindert wird.

Zu den Rednern bei der Auftaktkundgebung gehört die evangelische Bischöfin Hamburgs, Kirsten Fehrs. »Es ist ein Grundgebot der christlichen Seefahrt, dass Menschen in Seenot gerettet werden müssen«, sagte sie am Freitag gegenüber jW. Mitarbeiter der Seemannsmission erzählten ihr immer wieder, »wie belastend es für Seeleute auf Containerschiffen ist, wenn sie schiffbrüchigen Flüchtlingen nicht helfen können«. Jeder Mensch habe das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Zwar sei es legitim, über verschiedene Konzepte von Zuwanderung und Integration politisch zu streiten, so Fehrs weiter. »Aber deswegen darf man weder Flüchtlinge auf See ertrinken lassen, noch darf man sie auf der Straße anpöbeln oder gar zusammenschlagen«, erklärte sie mit Blick auf die Hetzjagden auf Geflüchtete seit dem vergangenen Wochenende im sächsischen Chemnitz. Sie hoffe, »dass wir mit dieser Botschaft die Mitte der Gesellschaft erreichen«, sagte Fehrs und fügte hinzu: »Denn wenn wir beim Lebensrecht für Menschen auch nur irgendeine Unklarheit lassen, sind wir schon auf dem Weg in die Barbarei.«

In den vergangenen Wochen und Monaten mussten die Schiffe von Seenotrettungsorganisationen immer wieder mit Hunderten Geflüchteten an Bord viele Tage auf dem offenen Meer verharren, weil ihnen das Einlaufen in einen Hafen verweigert wurde. Insbesondere die italienische Regierung diffamiert die Helfer immer wieder als Schlepper. Obwohl es keinerlei Belege für die Behauptung gibt, griffen auch Vertreter der Bundesregierung solche Anschuldigungen auf.

Großdemo in Hamburg am Sonntag: Beginn 14.30 Uhr Landungsbrücken

Alle Aktionen: seebruecke.org


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