Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Gewalt statt Ökonomie

Merkels Afrikareise

Von Jörg Kronauer
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Merkel unter Baldachin in Ghana

Nur ein gutes Jahr ist es her, da grassierte in Berlin eine ungewohnte Art von Afrika­fieber. Es fliehen immer mehr Menschen vom südlichen Nachbarkontinent nach Europa? Na, da muss man doch wohl die Fluchtursachen bekämpfen und der Wirtschaft der afrikanischen Staaten auf die Beine helfen, tönte die Bundesregierung großspurig. Die Chance, die Förderung des Afrikageschäfts deutscher Firmen als humanitäre Tat zu verkaufen, war verlockend. Und so startete die Wirtschaftsministerin ihre »Pro! Afrika«-Initiative, der Kollege aus der Entwicklungsabteilung entwickelte einen »Marshallplan mit Afrika«, und die Kanzlerin rief den vom Finanzminister kreierten »Compact with Africa« aus. »With«, also »mit«, nicht »für«: Sogar in Berlin hatte es sich herumgesprochen, dass auch in den Ländern Afrikas niemand gern bevormundet wird. Gleich drei brandneue Initiativen »mit« Afrika: Deutschland, sollte das heißen, nahm die Dinge in die Hand.

Ein gutes Jahr später ist die Kanzlerin auf dem Kontinent unterwegs. Drei von insgesamt 54 afrikanischen Hauptstädten in knapp drei Tagen, jeweils wenige Stunden in Dakar, Accra und Abuja – mehr ist nicht drin bei Merkels erster und wohl einziger Afrikareise 2018. Und worum geht’s? Darum etwa, das dank »Marshallplan«, »Compact« & Co. neu boomende deutsche Afrikageschäft zu feiern? Nun ja. Eine gerade einmal elfköpfige Unternehmerdelegation begleite die Kanzlerin, hieß es vorab aus Regierungskreisen. Größere Investitionen werde man nicht verkünden können. Ghana, einer der drei »Compact«-Partner der Bundesrepublik, verzeichnete zuletzt einen Rückgang im Handel mit Deutschland. Bilfinger, der einzige deutsche Konzern mit einer wirklich bedeutenden Präsenz in Nigeria, hat sich wegen eines Korruptionsskandals von seiner gut vernetzten Tochterfirma Julius Berger Nigeria verabschiedet; seitdem ist die deutsche Wirtschaft in Afrikas zweitgrößter Volkswirtschaft kaum noch präsent. Und der »Compact«? Der sei langfristig angelegt, redeten sich einige in Berlin heraus.

Was bleibt also für Merkels Reise? Senegal, Ghana, Nigeria: Das sind drei der fünf Länder Afrikas, die die größten Exilcommunities in Europa stellen. Die zwei anderen, Somalia und Südafrika, sind Sonderfälle. Es geht bei Merkels Reise also schlicht darum, das weitere Wachstum der größten Exilcommunities einzudämmen. Die Kanzlerin befasst sich deshalb – abgesehen von einem PR-Fototermin mit Jungunternehmern aus Accra fürs heimische Publikum – mit der Flüchtlingsabwehr und am heutigen Freitag in Abuja auch mit dem Antiterrorkrieg, genauer: mit dem Krieg gegen Boko Haram, den Berlin mit Militärberatern in Nigeria unterstützt. Die Kraft reicht scheinbar nicht mehr für eine machtvolle Wirtschaftsexpansion; die Bundesregierung weicht deshalb zunehmend auf die Felder von innerer Repression und Militär aus. Gewalt statt Ökonomie: Das ist der neue deutsche Weg, Kontrolle über Afrika zu erlangen.


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