Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 7 / Ausland

Reformbedarf am Nil

Ägyptens Regierung will Gesundheitsversorgung verbessern. Krankenversicherung angekündigt

Von Sofian Philip Naceur, Kairo
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Ein kleiner Junge mit seiner Mutter am 4. Januar 2017 in einem öffentlichen Kinderkrankenhaus in Kairo

Kaum ein Bereich der sozialen Grundversorgung in Ägypten ist in einem derart schlechten Zustand wie das Gesundheitssystem. Zugang zu ärztlicher Versorgung mit gut ausgebildeten Medizinern und adäquat ausgestatteten Krankenhäusern haben in der Regel nur diejenigen, die sich die teure Behandlung in den modernen Privatkliniken des Landes leisten können oder berechtigt sind, in Militärkrankenhäusern behandelt zu werden. Der Großteil der Bevölkerung hingegen ist auf meist nur notdürftig ausgerüstete und chronisch überfüllte öffentliche Kliniken angewiesen.

Wer kann, meidet staatliche Einrichtungen. Als zu groß betrachten viele Menschen die Risiken, sich hier Infektionen einzufangen oder mit den Folgen stümperhafter Behandlungen leben zu müssen. Selbst in Universitätskrankenhäusern, die zu den besten öffentlichen Kliniken in Ägypten zählen, gehören Engpässe bei der Versorgung mit Hygienehandschuhen, Medikamenten, Verbandsmaterialien und sogar Blutkonserven zum Alltag. »Unser Kontingent an Handschuhen ist meist Mitte des Monats aufgebraucht, wir versorgen Patienten anschließend mit bloßen Händen«, erzählte ein Mediziner des Kairoer Ain-Schams-Universitätsklinikums, der anonym bleiben möchte.

Die Löhne in öffentlichen Einrichtungen sind derart niedrig, dass vor allem das besser ausgebildete Personal ins Ausland abwandert – nach Europa, aber insbesondere in die Golfstaaten. In öffentlichen Krankenhäusern angestellte Ärzte, die im Land bleiben, heuern meist zusätzlich in Privatkliniken an oder eröffnen eigene Praxen und tauchen nur noch sporadisch an ihren Arbeitsplätzen in staatlichen Einrichtungen auf – mit weiteren gravierenden Folgen für die Leistungsqualität dort.

Angesichts dieser Zustände will die Regierung von Ägyptens Präsident Abdel Fattah Al-Sisi das Gesundheitssystem grundlegend reformieren und eine für alle verpflichtende Krankenversicherung einführen. Ein entsprechendes Gesetz wurde bereits im Dezember vom Parlament verabschiedet und im Januar von Al-Sisi in Kraft gesetzt. Ziel der ambitionierten Reform sei die Herstellung einer universellen Gesundheitsvorsorge für die gesamte Bevölkerung – ohne Diskriminierung und gleichberechtigt, sagt Dr. Alaa Ghanaam von der ägyptischen Menschenrechtsorganisation EIPR der jungen Welt.

Durch die Reform solle ein progressives Beitragssystem etabliert und Einkommensschwache sollten von den Gebühren befreit werden. Andererseits soll die Vervielfachung der Gesundheitsausgaben dabei helfen, die Qualität der Leistungen im Gesundheitssektor zu verbessern. Außerdem soll der Anteil an den Kosten stark reduziert werden, den die Patienten aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass heute rund 60 Prozent aller Ausgaben im Gesundheitsbereich in Ägypten von keiner Versicherung gedeckt sind und von den Kranken beglichen werden müssen.

Die Mittel für die geplante Verfünfzehnfachung der Gesundheitsausgaben sollen künftig zu je einem Drittel durch Beiträge, Staatszuwendungen und neue zweckgebundene Steuern auf Tabakwaren oder Alkohol gedeckt werden. Ob die Rechnung aufgeht, ist jedoch fraglich. »Diese Steuereinnahmen werden das heutige Defizit decken können, aber nicht mehr«, meinte der Mediziner der Ain-Schams-Klinik.

Der Berufsverband der Ärzte fürchtet derweil, das Gesetz könne den Einfluss des Privatsektors auf den Gesundheitsbereich weiter ausweiten und der Privatisierung staatlicher Krankenhäuser den Weg ebnen. Die neu geschaffene Kontrollbehörde im Gesundheitssektor, GHASA, darf Kliniken nämlich das Recht entziehen, Mittel aus den Töpfen der Krankenversicherung zu erhalten, oder ihre Lizenz aufheben, sollten die Krankenhäuser nach Ablauf der Übergangsfrist im Jahr 2032 nicht den neuen Standards entsprechen. Der Verband befürchtet, dass diese Häuser anschließend von privaten Betreibern übernommen werden sollen.

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