Aus: Ausgabe vom 25.08.2018, Seite 15 / Geschichte

Drei Schüsse in Moskau

Vor 100 Jahren wurde Lenin bei einem Attentat schwer verletzt

Von Leo Schwarz
Lenin_attempt.jpg
Das Attentat in der Darstellung des Malers Wladimir Pchelin aus dem Jahr 1927

Viele Elemente des politischen Stils, den die russischen Kommunisten in den ersten Monaten nach der Oktoberrevolution entwickelten, sind lange vergessen. Im revolutionären Moskau des Jahres 1918 war es zum Beispiel üblich, dass alle irgendwie abkömmlichen führenden Bolschewiki an jedem Freitag in die Betriebe gingen, um mit den Arbeitern zu sprechen. Lenin führte als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare nach der Übersiedlung der Regierung von Petrograd nach Moskau bis zum Sommer etwa 140 derartige Auftritte durch. Am 30. August 1918 war das nicht anders. Gegen 21 Uhr traf er verspätet zu einer dieser Veranstaltungen ein: in einer Abteilung des Michelson-Werkes im Arbeiterstadtteil Samoskworetschje.

Obwohl er schon von dem nur wenige Stunden zuvor erfolgten tödlichen Anschlag auf den Petrograder Tscheka-Chef Moissej Urizki erfahren hatte, machte er sich in diesem proletarischen Umfeld keine Sorgen um seine Sicherheit. Er bewegte sich ohne einen einzigen Leibwächter. Nur sein Fahrer Stepan Gil war bewaffnet, und der wartete im Automobil.

Lenin sprach ungefähr 20 Minuten und beantwortete anschließend Fragen, die, wie es Brauch war, auf Zettelchen geschrieben und dann dem Redner zugesteckt wurden. Nach etwa einer Stunde – es war inzwischen dunkel geworden – trat er, in ein Gespräch vertieft, auf den unbeleuchteten Fabrikhof, wo Gil im Auto und mit laufendem Motor wartete. Als Lenin wenige Meter vor dem Fahrzeug war, fielen, aus einer Entfernung von nur ein paar Schritten, drei Schüsse. Eine Frau wurde angeschossen, Lenin in die linke Schulter und in den Hals getroffen. Er stürzte und blieb regungslos liegen. Die Menge stob auseinander. Gil zog seinen Revolver und warf sich über Lenin, der stark blutete und benommen war. Mit einigen Helfern lud er ihn in das Auto und eilte in den Kreml. Rotgardisten des Michelson-Werkes nahmen derweil auf dem Fabrikgelände oder in dessen Nähe mehrere Personen fest, die ihnen verdächtig vorkamen. Darunter war auch eine Frau »mit einer Aktentasche und einem Sonnenschirm«.

»Revolutionärer Terrorismus«

Ihr Name war Fanja Kaplan. Bereits im ersten Verhör, noch vor Mitternacht, erklärte sie, auf Lenin geschossen zu haben. Sie sei Sozialistin und Anhängerin der im Januar 1918 aufgelösten konstituierenden Versammlung. Sie habe allein gehandelt. Angaben zum Tathergang konnte oder wollte sie nicht machen. Jakow Swerdlow, als Vorsitzender des gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees der ranghöchste Funktionär im Kreml, machte daraufhin noch in der Nacht in einem Funktelegramm (»Alle, alle, alle«) die Partei der Sozialrevolutionäre für die Schüsse auf Lenin verantwortlich.

Das wirkt reflexhaft, war aber nicht ganz abwegig. Die Sozialrevolutionäre waren die Partei des »revolutionären Terrorismus«. Im August 1918 waren sowohl die rechten als auch die linken Sozialrevolutionäre faktisch Bürgerkriegsgegner der Bolschewiki. Vor allem während der Revolution von 1905/06 hatten Mitglieder dieser in der Narodniki-Tradition des 19. Jahrhunderts stehenden Partei hunderte Attentate durchgeführt. Die häufig weiblichen Täter waren so gut wie nie Einzelgänger, sondern handelten auf Weisung und bereiteten die Anschläge mit Helfern in allen Einzelheiten vor. Wegen ihrer persönlichen Opferbereitschaft wurden diese meist sehr jungen Frauen, die mit einem Revolver in der Hand hohen Staatsbeamten und ihren kosakischen Leibwächtern entgegentraten, auch von den Gruppen und Parteien der russischen Linken respektiert, die den individuellen Terrorismus ablehnten. Viele von ihnen besaßen nicht nur Mut, sondern auch politisches Format – die »schöne Terroristin« Marija Spiridonowa etwa, deren Fall 1906 auch den deutschen Reichstag beschäftigte, war 1917/18 der führende Kopf der linken Sozialrevolutionäre.

Über Kaplan lässt sich dergleichen allerdings nicht sagen. Sie war in der organisierten Linken bis 1918 nie prominent hervorgetreten. 1906 war sie als 19jährige verhaftet worden, als in einem Kiewer Hotel ein Sprengsatz detonierte, an dem sie mit zwei Anarchisten herumgebastelt hatte. Ein Zimmermädchen starb, für Kaplan folgten elf Jahre Verbannung in Sibirien. Hier erblindete sie 1909 vollständig und erlangte erst nach Jahren einen Teil ihrer Sehfähigkeit zurück. Nach der Februarrevolution kehrte sie im Frühjahr 1917 in das europäische Russland zurück. Im Februar 1918 verlor sie einen eben erst erhaltenen Posten als Verwaltungsangestellte in Simferopol, nachdem die Bolschewiki dort die Macht übernommen hatten. Sie übersiedelte nach Moskau und fand dort bald Kontakt zu ehemaligen Haftkameradinnen. Was genau sie zwischen März 1918 und ihrer Verhaftung am 30. August tat, ist ungeklärt. Es ist nicht einmal sicher, wo sie zuletzt politisch stand.

Wenn ihre mitunter konfus wirkenden Aussagen authentisch sind, dann neigte sie wohl zu den rechten Sozialrevolutionären bzw. zu der im Juni 1918 gebildeten Gegenregierung in Samara. Sicher ist auch das nicht. Der britische Historiker Jonathan Smele nannte Kaplan 2015 in seiner ausgezeichneten Geschichte des russischen Bürgerkrieges »clearly unhinged«, was mit »offensichtlich verwirrt« vielleicht noch etwas zu schwach übersetzt ist. Auf die Tscheka-Angehörigen, die sie zuerst vernahmen, machte sie einen »hysterischen« Eindruck; auch sie bemerkten, dass sie nur schlecht sehen und hören konnte. Sie trug bei ihrer Festnahme keine Waffe bei sich.

»Roter Terror«

Bedenkt man das und den nicht ganz unwichtigen Umstand, dass kein einziger Zeuge sie tatsächlich auf Lenin schießen sah, dann gibt es immerhin Zweifel, ob ihrer Selbstbezichtigung zu trauen ist. Dass sie – in welcher Rolle auch immer – an dem Attentat beteiligt war, dürfte hingegen feststehen. Erst 1922 wurde der Versuch gemacht, den Anschlag in einem Prozess gegen die Führungsgruppe der rechten Sozialrevolutionäre in allen Einzelheiten gerichtlich aufzuklären. Hier wurde gefolgert, dass Kaplan selbst geschossen, aber noch Helfer vor Ort gehabt habe. Auftraggeber seien führende Sozialrevolutionäre gewesen.

Kaplan war am 3. September 1918 im Kreml hingerichtet worden – eines der ersten Opfer des »roten Terrors«, der schon in den Wochen zuvor auf Initiative lokaler Partei- und Sicherheitsorgane begonnen hatte und am 5. September vom Rat der Volkskommissare offiziell proklamiert wurde. Bis zum Dezember wurden zwischen 8.000 und 15.000 Menschen erschossen – überwiegend Angehörige der Funktionärskaste des alten Regimes, also Offiziere, Priester, Beamte und ehemalige Minister. Der rote Terror war eine Reaktion auf das Vordringen der Gegenrevolution und den Terror der Weißen, der schon im Dezember 1917 mit einem Massaker an Arbeitern in Rostow eingesetzt hatte und, rechnet man die Opfer der in ihn verwobenen antisemitischen Pogrome mit ein, bis 1920 mehr Menschen das Leben kostete als der rote Terror.

Messbare und hier allerdings sehr erhebliche Auswirkungen hatte das Attentat vor allem auf Lenins Gesundheit. Die drei Schlaganfälle, die ihn schon vor seinem Tod weitgehend arbeitsunfähig machten, waren eine direkte Folge der Halsverletzung vom 30. August 1918.

Erste Filmaufnahmen Lenins einige Wochen nach dem Attentat. Aus den Erinnerungen von Wladimir Bontsch-Brujewitsch

Ich rief den Kameramann I. M. Boltjanski und sagte ihm, es sei notwendig, Wladimir Iljitsch zu filmen, aber so, dass er nichts davon merke, weil er es sonst nicht zulassen würde. Einige Tage später war gerade ein wunderbarer Herbsttag, ganz sonnig und sommerlich warm. I. M. Boltjanski filmte alles, von dem Augenblick an, als Wladimir Iljitsch aus dem Haus trat, bis zu seiner Rückkehr. Ich bemühte mich, Wladimir Iljitschs Aufmerksamkeit von der Umgebung abzulenken, weil ich wusste, dass er die Aufnahme beenden würde. Plötzlich sagte er: »Sehen Sie, dort läuft jemand, und der hat was auf dem Rücken … Das ist doch ein Kinomann …« Ich sah ein, dass ich die Wahrheit nicht länger verbergen durfte. »Es war unbedingt nötig, Sie den Arbeitern zu zeigen. Diese Aufnahme ist für die Arbeiterklasse äußerst nötig und wichtig.« »Nun, wenn das für die Arbeiterklasse nützlich ist, dann war es nötig, und Ihre Sünde ist gebüßt …«

Zitiert nach Arnold Reisberg (Hrsg.): Wladimir Iljitsch Lenin. Dokumente seines Lebens 1870–1924. Band 2, 2., veränderte Auflage Leipzig 1980, S. 189


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Verlorene Illusionen (04.08.2018) Vor 100 Jahren kam der Russische Bürgerkrieg zu einem ersten Höhepunkt. Als er 1920 zu Ende ging, waren mindestens acht Millionen Menschen tot – und die Bolschewiki hatte eine brutale Lektion in Realpolitik gelernt
  • Gegen die Weißen (23.02.2018) Vor 100 Jahren wurde in Russland die Rote Armee gegründet. Sie entstand aus der Notwendigkeit, die Oktoberrevolution gegen die Truppen der Reaktion zu verteidigen
  • Der Raubfrieden (11.12.2017) In Brest-Litowsk zwang das Deutsche Reich der Sowjetregierung 1918 einen äußerst nachteiligen Friedensvertrag auf. Die revolutionäre Staatsmacht unter der Führung Lenins musste große Gebietsverluste hinnehmen – verschaffte sich so aber eine Atempause

Regio: