Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Alles könnte anders sein

Facettenreiches Bild der 68er: Uwe Timms Roman »Heißer Sommer« verdient es, erneut gelesen zu werden

Von Michael Streitberg
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Schon mal besser als Sprüche kritzeln. Proteste in Bonn gegen die Notstandsgesetze (11. Mai 1968)

Die Hitze des Sommers 1968 war eine ganz andere als jene, die das Land in den letzten Wochen erlebte. Nicht nur in Deutschland glaubten viele Menschen daran, dass sich die herrschenden Verhältnisse aus den Angeln heben ließen. Warum aber gelang es nicht? Und, welche Veränderungen schwebten den damals Beteiligten überhaupt vor? Solche Fragen werden nun, 50 Jahre später, einmal mehr in Artikeln erörtert und in Gesprächsrunden diskutiert.

Selten wurden die Ereignisse jener Zeit allerdings so meisterhaft und erkenntnisfördernd verdichtet wie in einem bereits 1974 erschienen Roman. Der Schriftsteller Uwe Timm verfasste »Heißer Sommer« als teilnehmender Zeitzeuge; unter anderem war er in den Jahren 1967 bis 1969 selbst im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in München aktiv. Timm erschuf ein schillerndes Panorama der Kämpfe, Hoffnungen und Widersprüche jener Bewegung, die unter »68« subsumiert wird, obwohl sie schon früher in Erscheinung trat.

Seinem Protagonisten Ullrich macht im München des Jahres 1967 nicht so sehr das schwüle Wetter zu schaffen. Viel mehr plagt ihn eine diffuse, tief empfundene Unzufriedenheit mit seinem Leben und sich selbst. Das Germanistikstudium kommt ihm sinnlos vor; auch die Beziehung zu seiner Freundin Ingeborg erfüllt ihn nicht mehr, weshalb er sie brüsk beendet. Als er vom Tod des Studenten Benno Ohnesorg erfährt, der am 2. Juni in Westberlin von einem Polizisten erschossen wird, findet seine unbestimmte Wut ihr Ventil mehr und mehr im Protest gegen die gesellschaftlich-politischen Zuständen.

Wie in einem Entwicklungsroman erlebt Ullrich im folgenden eine Wandlung. Dabei offenbart sich Timms scharfes Gespür für die Widersprüche, die politisches Engagement für die Engagierten zeitigen kann: Etwa lässt Ullrich Ingeborg nach einer Abtreibung in München sitzen und flieht nach Hamburg, um sich dort in die Kämpfe der Studentenbewegung zu stürzen.

Deren erste Phase sprüht vor Ausgelassenheit und Euphorie: Als Begleitmusik von Vorlesungssprengungen und Denkmalstürzen dienen etwa die überall hingekritzelten »Eiffe-Sprüche«: »Eiffe der Bär, die positive Synthese aus Franz von Assisi und Josef Stalin.« Eine vorher unbekannte Vertrautheit untereinander lässt im Persönlichen wie im Politischen unendliche Möglichkeiten aufscheinen: »Alles könnte anders sein«, denkt Ullrich. Bald aber trennen sich Wege, und es bilden sich Strömungen heraus, welche die deutsche Linke teils heute noch prägen.

So sprechen Bürgersöhne auf Selbstverwirklichungstrip eine Sprache, die die Mehrheit der Menschen nicht versteht – und reagieren mit Geringschätzung gegenüber jenen, von deren Lebenswirklichkeit sie keine Ahnung haben. Schon etliche Jahre vor der Gründung der entsprechenden Partei hat auch der ideelle Gesamtgrüne seinen Auftritt: »Die Hauptkrankheit ist nicht der Kapitalismus, die Hauptkrankheit liegt in der Lebensweise, im Essen, in der Luft, im Gemüt.« Unternehmer greifen ihren Töchtern gerne mit Mitteln für ein Agitproptheater unter die Arme – solange es sich von den Fabriktoren fernhält.

Seinen eigenen Weg findet Ullrich schließlich nach der Begegnung mit kommunistischen Arbeitern, die von seinen antiautoritären Freunden als Dogmatiker geschmäht werden. Ullrich erkennt, dass die Aktionseinheit von Arbeitern und Studenten zielführender ist als gemeinschaftliches Kiffen oder das Kritzeln von Sprüchen. Auch hier spiegelt sich womöglich die Biographie des Autors wider, der von 1973 bis 1981 Mitglied der DKP war. »Eine Welt, in der niemand gequält würde. Ein ruhiges, anhaltendes Glück wie in einem heißen Sommer …«: Am Ende versteht Ullrich, dass sich das nicht so schnell machen lässt – doch er erkennt auch den Weg, der in eine nicht widerspruchsfreie, aber bessere Welt führen könnte.

Uwe Timm: Heißer Sommer. Kiepenheuer & Witsch, München 2015, 400 Seiten, 19,99 Euro


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