Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Männerphantasie Science-Fiction-Monster

Von Thomas Wagner
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Geistwesen zeugt Menschen (ohne Sex). Auch die Silicon-Valley-Firmen reproduzieren uralte patriarchalische Mythen

Die Konzernspitzen der Daten- und Computerindustrie im Silicon Valley geben sich alle Mühe, in Sachen Geschlechtergleichberechtigung – heute spricht man auch von Genderpolitik – als besonders fortschrittlich dazustehen. Zunehmend mehr Beobachterinnen fällt allerdings auf, dass die Realität ganz anders aussieht. »Im Silicon Valley, da sind 95 Prozent Typen am Werk«, sagt die Philosophin Eva von Redecker in der der Juni/Juli-Ausgabe des Philosophie-Magazins (4/2018): »Es sind Männer, die die Technologien und Regierungsformen der Zukunft kreieren.« Ihr Gesprächspartner ist der prominente Sozialpsychologe Harald Welzer. Auch er hält mit Kritik an der machistischen Internetbranche nicht hinter dem Berg.

»Es ist mir ein totales Rätsel«, sagt der Bestsellerautor, »warum Silicon Valley nicht im Fokus des feministischen Interesses steht. Da wird die ganze Benutzeroberfläche unserer Gesellschaft imprägniert, und zwar beinahe ausschließlich von Jungs! Die sind gerade dabei, wesentliche Zivilisationsstandards sukzessive auszuhebeln, und hierzulande interessiert man sich vor allem für tattergreise Filmregisseure.« Seine Mitdiskutantin ergänzt: Es handele sich buchstäblich um »Männerphantasien« im Sinne des Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit, welche die Innovationen im Silicon Valley antrieben. »Man will unsterblich werden, den Mars kolonisieren, man bunkert sich in Neuseeland mit Waffen ein«, so von Redecker.

Tatsächlich ist es seltsam, dass die Diskussion erst jetzt Fahrt aufzunehmen scheint, denn die Männerdominanz in der Computerbranche ist kein neues Phänomen. Ähnliche Beobachtungen wie von Redecker und Welzer hatte der britische Soziologe Richard Barbrook schon vor über 20 Jahren gemacht. In seinen vom Onlinemagazin Telepolis am 10. September 1996 veröffentlichten Aufsatz »Der heilige Cyborg« über den religiösen Charakter des unter KI-Entwicklern und Robotikern verbreiteten Glaubens an den technologischen Fortschritt flocht er auch Überlegungen zur Frauenfeindlichkeit der damaligen Hightechpioniere ein.

Der moderne Kult um das künstliche Leben erwecke eine Reihe atavistischer religiöser Phantasien wieder zum Leben. Dazu gehöre die Vorstellung, Herr über Sklaven zu sein, den Tod zu überwinden, ein reines Geistwesen zu werden oder Babys zu machen, ohne Sex zu haben. Letzteres machte der Wissenschaftler als einen uralten patriarchalischen Mythos kenntlich: »Unter der Annahme, dass das menschliche Bewusstsein wie ein Computerprogramm funktioniert, behaupten einige Wissenschaftler, dass sie Maschinen bauen können, die für sich selbst denken würden. Diese wilde Vermutung scheint wie eine radikale feministische Parodie der männlichen Domäne der Wissenschaft zu sein. Von Gebärmutterneid erfasst, versuchen männliche Wissenschaftler eine Form von Leben ohne Emotionen, Einfühlungsvermögen und Geselligkeit zu erschaffen.«

Auf diese Weise seien im Rahmen der unter den Programmierern, Software-Ingenieuren und Informatikern verbreiteten sogenannten Kalifornischen Ideologie eine Reihe Uraltmythen in Form von Science-Fiction-Monstern wiedergeboren worden. Mitten in der Hightechwelt sei eine gefährliche Form von politischem Mystizismus entstanden. Die implizite Frauenfeindschaft ist dabei nur eine von mehreren höchst bedenklichen Begleiterscheinungen der Fortschrittsideologie des digitalen Zeitalters.


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