Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 6 / Ausland

Zurück in die Kaserne

Marokkos König will die Wehrpflicht wiedereinführen, um die Proteste im Rif-Gebirge niederzuschlagen

Von Gerrit Hoekman
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Parade marokkanischer Soldaten am 14. Mai 2006

König Mohammed VI. will in Marokko die Wehrpflicht wiedereinführen. Der Ministerrat stimmte am Montag einem entsprechenden Gesetz zu, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete. Die ersten Rekruten im Alter von 19 bis 25 Jahren sollen angeblich bereits ab Oktober für zwölf Monate eingezogen werden, und zum ersten Mal sind auch junge Frauen von dem Zwangsdienst betroffen.

»Der Militärdienst zielt darauf ab, den Patriotismus unter den Jugendlichen zu stärken«, heißt es in einem Statement der Regierung. Mohammed VI. hofft außerdem, damit die Arbeitslosigkeit aus der Öffentlichkeit zu verbannen, die besonders Jugendliche in die Hoffnungslosigkeit treibt. Die Rekruten sollen im Monat 2.000 Dirham Sold erhalten, umgerechnet etwa 182,60 Euro, berichtete die arabische Nachrichtenseite Alyaoum24 am Montag.

»Wir können unser Bildungssystem nicht länger Arbeitslose produzieren lassen«, sagte der Herrscher kurz nach der Sitzung des Ministerrats am Montag in seiner Thronrede zum Revolutionstag. Dann lieber Soldaten, so wohl die Ansicht des Monarchen. Laut Alyaoum24 sollen jährlich rund 10.000 Wehrpflichtige eingezogen werden – falls die Kapazitäten in den Kasernen es hergeben, könnten es aber auch mehr werden

Nach Ansicht der Opposition geht es dem König vor allem darum, Reservetruppen zur Bekämpfung der Rebellion im Rif-Gebirge zu haben. Das Volk der Amazigh, in Europa als Berber bekannt, nimmt seine soziale und wirtschaftliche Benachteiligung nicht länger hin und geht immer wieder gegen die Ungerechtigkeit auf die Straße. Zentrum des Protestes ist die Hafenstadt Al Hoceïma am Mittelmeer, doch der Unmut wächst auch in anderen Regionen des Landes. Viele bekannte Aktivisten der Amazigh sitzen inzwischen im Gefängnis. Das aber konnte den Widerstand im Rif bislang nicht brechen. Die Wut hat zugenommen. Noch bleibt der über allem schwebende Monarch von der Kritik weitgehend verschont, aber ob das so bleibt, kann niemand vorhersagen.

Als der Vater des heutigen Königs, Hassan II., 1966 erstmals in Marokko die Wehrpflicht einführte, war es politisch ebenfalls unruhig. Vielleicht hat sich Mohammed VI. daran erinnert, als er entschied, seinen eigenen Schritt von 2006 rückgängig zu machen, die Wehrpflicht abzuschaffen.

Noch muss die Wiedereinführung vom Parlament abgesegnet werden. Wenn das Gesetz jedoch tatsächlich in Kraft tritt, wirft das für viele junge Marokkaner, die in Europa leben, eine wichtige Frage auf: Können wir noch unbehelligt unsere Verwandten in Marokko besuchen? Oder werden wir sofort in die Uniform gesteckt? Schützt eine doppelte Staatsbürgerschaft vor dem Militärdienst?

»Wir müssen erst mehr über den Inhalt der Pläne erfahren«, verlangte das niederländische Außenministerium bereits. Die Niederlande gehören zu den fünf Ländern in Europa mit der größten Zahl marokkanischer Einwohner. 325.000 Menschen sind es insgesamt, und damit ungefähr dreimal so viele wie in Deutschland. Die Tageszeitung De Volkskrant vermutet, dass für Marokkaner mit doppelter Staatsbürgerschaft eine ähnliche Regelung gefunden werden könnte wie für türkische Niederländer. Die können sich vom türkischen Militär freikaufen, wenn sie länger als drei Jahre im Ausland wohnen. Im Juli verabschiedete das Parlament in Ankara ein Gesetz, das die Summe dafür auf 2.000 Euro festlegt – eine Verdoppelung gegenüber der vorherigen Regelung. Außerdem müssen die jungen Türken in jedem Fall eine Grundausbildung von vier Wochen Dauer absolvieren. Die Möglichkeit zum Freikauf gilt zudem nur bis zum 38 Lebensjahr, danach droht Gefängnis.

In Marokko sollen Studenten von der Wehrpflicht vorübergehend zurückgestellt werden, bis sie ihr Studium beendet haben. Wer sich drückt, geht für sechs Monate ins Gefängnis. Verheiratete Frauen seien ebenfalls befreit, so Alyaoum24. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass pro Familie nur ein Sohn oder eine Tochter eingezogen werden soll.


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