Aus: Ausgabe vom 22.08.2018, Seite 16 / Sport

Willkommen in der Realität

Von André Dahlmeyer
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Zaubert fast schon wie der alte Iniesta: Barcelonas Großtalent Riqui Puig (r.) im Duell mit Sebastian Villa von den Boca Juniors

Einen wunderschönen guten Morgen! 40 Jahre nach dem Weltpokalsieg gegen Borussia Mönchengladbach (der FC Liverpool trat nicht an) war Argentiniens Bicampeón Boca Juniors vergangenen Mittwoch wieder mal zu Gast im Camp Nou, um gegen den FC Barcelona um den Trofeo Joan Gamper zu kicken. Der »Gamper« ist ein offizieller Titel der katalanischen Fußballföderation. Seit 1966 wird der Pokal zu Ehren des Schweizer Klubgründers und fünfmaligen Vereinspräsidenten Hans Gamper ausgetragen. Barça präsentiert dabei jeweils in der zweiten Augusthälfte dem Publikum die neue Mannschaft.

Bis 1997 partizipierten vier Teams, dann machte man kurzen Prozess und spielte gleich das Finale gegen einen erlesenen Gegner. Vierzig der bis Mittwoch 52 Trophäen sind in Barcelona geblieben. Zweimal war der 1. FC Köln erfolgreich: 1978 gegen Rapid Wien (5:0) und 1981 gegen den FC Barcelona (4:0). Zuvor hatte den Pott 1972 bereits Borussia Mönchengladbach mit einem 3:2 gegen ZSKA Sofia einbüchsen können. Man glaubt es heute kaum noch – damals wurde am Nieder(-rhein) echter Weltklassefußball zelebriert! Das ist lange her. Das einzige nichteuropäische Team, das den Gamper gewinnen konnte, ist der S. C. Internacional aus Porto Alegre (1982 gegen Man City). Seitdem die Barcelonistas 1993 und 1994 Finalklatschen gegen CD Teneriffa und den FC Valencia bezogen, laden sie keine spanischen Teams mehr ein und unterlagen nur noch dreimal: 2005 gegen die »Vecchia Signora« aus Turin, 2009 gegen die Citizens aus Manchester sowie 2012 gegen die Sampdoria aus Genua.

Für die Boca Juniors war es am Mittwoch nun das dritte Finale gegen den FC Barcelona. 2003 hatten die »Xeneizes« 4:6 nach Elfmeterschießen verloren (aber kurz darauf den Weltpokal gegen den AC Milano gewonnen). 2008 hatte der Blaugrana die Partie nach regulärer Spielzeit mit 2:1 für sich entschieden. Für Boca war es die sechste Einladung, so oft nahm sonst nur der PSV Eindhoven teil. Während Vereinsführung und Trainergespann von Sieg schwafelten, hofften 10.000 Boca-­Fans im Stadion, dass die Chose nicht ausginge wie im Halbfinale 1984, als Barça die Argentinier mit 9:1 vermöbelt hatte (und anschließend im Finale den FC Bayern immerhin mit 3:1). Allerdings hatte Barça 126 Millionen Euro in neue Spieler investiert (genau vier), Boca 14 Millionen Euro. Mal sehen.

Das Publikum besteht hauptsächlich aus Touristen, ein verdammtes Eventgetue wie damals bei der Love Parade. Boca tritt ohne die Schlüsselspieler Frank Fabra, Fernando Gago und Torjäger Darío Benedetto (alle Kreuzbandrisse) und auch ansonsten mit einer B-Elf an. In Südamerika steht das Achtelfinalrückspiel der Copa Libertadores in Asunción gegen Libertad an. Mehr Verletzte sind Trainer Guillermo Barros Schelotto nicht willkommen. Das kann ja heiter werden. Barça stößt an.

Nach einer Minute klärt Weltmeister Samuel Umtiti am Fünfer vor »Wanchope« Ábila. Wílmar Barrios, Nahitan Nández und Paolo Goltz erklären Lionel Messi zum freilaufenden Sandwich und teilen aus, dass es sich gewaschen hat. Nach einer Viertelstunde klingelt es im Kasten der Xeneizes. Der ehemalige Futsal-Kicker Malcolm locht mit einem Linksschuss flach ein. Boca hält sich wacker. Bis zum Doppelpass von Messi mit Julio Buffarini, der eigentlich beim Gegner spielt – zwonull. Dann ist Marc-André ter Stegen schon geschlagen, aber der Rechtsschuss von Sebastián Villa knallt an den langen Pfosten. Den Nachschuss von Nández kratzt Umititi von der Linie.

In der zweiten Halbzeit wechselt Ernesto Valverde den von Grêmio gekommenen Brasilianer Arthur ein, das größte lateinamerikanische Talent seit Messi und Neymar. Und »Riqui« Puig. 19 Jahre, sieht jünger aus, kommt aus der Talentschmiede La Masia und wird der neue Iniesta, ich schwör’s! Rafinha notiert dann noch nach herrlichem Doppelpass mit Luis Suárez und einem »Sombrero« (Heber) über den Torwartriesen Esteban Andrada zum 3:0 Endstand.

Am Montag kam es für die Boca Juniors noch härter. Nach 46 Spieltagen und 617 Tagen verlor der Klassenprimus nach einem 0:2 in Quilmes gegen Estudiantes de La Plata den Platz an der Sonne in der argentinischen Primera División. Wie sagte Juan Perón? »Die einzige Wahrheit ist die Realität!«

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