Aus: Ausgabe vom 22.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Sagen- und Märchenerzähler des Tages: Alexis Tsipras

Von Arnold Schölzel
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Homer hat alles gewusst. Den zehnjährigen Krieg gegen Troja um eine Dame des höheren Adels gewannen die Griechen nach seiner Erzählung mit Hilfe eines überdimensionierten Pferdenachbaus, in dessen Innerem sie Bewaffnete in die kleinasiatische Stadt einschleusten. Der Erfinder der Hohlfigur, Odysseus, wurde weitere zehn Jahre am Nachhausekommen nach Ithaka gehindert, weil ohne Ende Monster quer lagen: einäugige Kyklopen, menschenfressende Sängerinnen, ekelhafte Meeresstrudel und Ungeheuer. Am Ende brachte er fast alle um, die sich auf seinem Hof in Ithaka herumtrieben.

Wer das Trojanische Pferd durch den Euro, nun in Griechenland zu Nutz und Frommen von Banken und Hedgefonds eingeschleust, und die lästigen Bestien durch die »Troika« aus Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Wolfgang Schäuble ersetzt, hat die jüngere Geschichte Griechenlands ziemlich komplett vor sich. Das dachte sich auch der seit 2015 amtierende, als Linker gestartete griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras. Er trat am Dienstag auf der Insel Ithaka vor eine Fernsehkamera und verglich den Tag, an dem die »Hilfsprogramme« für Griechenland endeten, mit der Heimkehr des Odysseus, es sei ein »Tag der Erlösung«: »Ithaka wird wieder mit dem Ende einer modernen Odyssee identifiziert werden.« Sowie: »Vor dreieinhalb Jahren traf unser Volk eine historische Entscheidung: das Ruder denen wegzunehmen, die es an die Klippen geführt haben, und es neuen Kapitänen zu geben.« Er log sogar, Griechenland habe »das Recht zurückgewonnen, sein eigenes Geschick und seine eigene Zukunft zu bestimmen.« Gemeint ist: Die nächste Rentenkürzung nach ungefähr 23 seit 2010 ist den Diktatgewaltigen aus Washington, Brüssel und Berlin schon zugesagt. Ansonsten ist Tsipras fast Odysseus: Das Massaker auf Ithaka war damals noch blutig. Heute verschwinden Hunderttausende durch Tod oder Auswanderung ohne homerischen Bericht.


Debatte

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  • Beitrag von Wolfgang H. aus G. (22. August 2018 um 09:19 Uhr)

    Da lässt sich klug reden!

    Vom Tisch des Nichtbetroffenen aus lässt sich gut kritisieren. Welchen Ausweg hatte Alexis Tsipras? Haben die Linken der Bundesrepublik Deutschland Alexis Tsipras vor dem Trojanischen Pferd Euro, das in Griechenland zu Nutz und Frommen von Banken und Hedgefonds eingeschleust wurde, und den lästigen Bestien (einäugige Kyklopen, menschenfressende Sängerinnen, ekelhafte Meeresstrudel und Ungeheuer) der »Troika« aus Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Wolfgang Schäuble gewarnt? Oder noch besser, haben sie dieses Einschleusen verhindert? Welche Alternative haben sie vorgeschlagen und geholfen, diese umzusetzen?

    Die Kritik an den Fehlern der anderen ist wohl zum bewährten Allheilmittel der Linken hierzulande geworden, um das eigene Dilemma zu kurieren.

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