Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 16 / Sport

Abgekühlt und ausgeblutet

Von Marek Lantz
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Spott für die Oberklasse: Hansa Rostock feiert Mirnes Pepic (nackter Oberkörper) für seinen Treffer zum 2:0 gegen den VfB Stuttgart (Rostock, Ostseestadion, 18.8.)

Wenn es für den hiesigen Fußballkonsumenten so etwas wie den Feiertag der Unterklassen gibt, dann handelt es sich zweifellos um die alljährlich im August ausgespielte erste Runde des DFB-Pokals. Die Rede von den Davids und Goliaths ist dann plötzlich omnipräsent, und ein wenig erinnert das Ganze an eine Karnevalsveranstaltung: Einmal im Jahr führt das gemeine Volk das Wort und spottet über die Obrigkeit.

Zu Fall kamen von deren 18 Mitgliedern diesmal mit dem VfB Stuttgart, der bei Drittligist Hansa Rostock mit 0:2 verlor, und Pokalverteidiger Eintracht Frankfurt zwei Mannschaften, die in der Vorsaison noch zu den positiven Überraschungen gehörten. Die Hessen, vor ziemlich genau drei Monaten heldenhafter Bezwinger des fiesen Endgegners von der Säbener Straße und mit ihrem kratzbürstigen Muliti-Kulti-Ensemble in der ersten Jahreshälfte 2018 so etwas wie der heißeste Scheiß unter den Fußballklubs hierzulande, unterlagen beim giftigen Regionalligisten SSV Ulm mit 1:2. Schon in der Vorwoche hatte sich die Eintracht bei der 0:5-Pleite im Supercup gegen den FC Bayern kräftig blamiert und ist wenige Tage vor Beginn der neuen Bundesliga-Saison längst zum heißesten Abstiegskandidaten avanciert.

Das bislang eher prekär, denn nachhaltig zusammengestellte Team blutete im Sommer mit dem Verlust des lustigen Keepers Lukas Hradecky, von Mittelfeldstratege Omar Mascarell, Spiritual leader Kevin-Prince Boateng und dem flinken Marius Wolf aus, zudem wanderte bekanntlich Trainer Niko Kovac ab. Die Vereinsführung um Sportchef Fredi Bobic wollte die Gelegenheit für eine Abkehr vom nicklig-physischen Defensivansatz Kovacscher Provenienz nutzen und verpflichtete den Österreicher Adi Hütter als neuen Coach. Offensiver will der spielen lassen, hat aber dafür bisher nicht einmal im Ansatz das passende Personal verpflichtet bekommen. Offenbar geblendet von einigen unkonventionellen, aber erfolgreichen Transfers der beiden letzten Jahre, wirkt es längst so, als wäre diesmal der Mut des Eintracht-Scoutings wieder in den bei diesem Verein wohl unausrottbaren Größenwahn umgekippt.

Ins unschöne Bild passt obendrein, dass Vereinspräsident Peter Fischer, der sich zu Jahresbeginn noch so herzerfrischend öffentlich-polternd mit der AfD angelegt hatte, unmittelbar nach dem sportlichen Desaster in Ulm mit dem Helikopter ins heimische Frankfurt entschwand. Dort präsentierte er allen Ernstes den in der Commerzbank-Arena anwesenden Massen im Rahmen eines Konzerts der Frankfurter Rechtsrockprollband Böhse Onkelz den DFB-Pokal.

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