Aus: Ausgabe vom 21.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Verschnaufpause für die Lira

Katar will türkische Wirtschaft mit 15 Milliarden Dollar stützen. Bausektor könnte besonders davon profitieren

Von Klaas Brinkhof
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Deal: Der Emir von Katar, Tamim bin Hamad al Thani, und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sind sich handelseinig (Ankara, 15. August)

Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles ist dafür, der Türkei finanziell unter die Arme zu greifen, sollte sich die Lira-Krise weiter verstärken. »Es kann die Situation entstehen, in der Deutschland der Türkei helfen muss – unabhängig von den Auseinandersetzungen mit Präsident Erdogan«, sagte sie am Sonntag gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

»Die Türkei ist ein NATO-Partner, der uns nicht egal sein kann«, begründete Nahles ihren Vorstoß. »Es ist in unser aller Interesse, dass die Türkei wirtschaftlich stabil bleibt und die Währungsturbulenzen eingedämmt werden.« Gleichzeitig müsse die Bundeskanzlerin beim bevorstehenden Staatsbesuch von Präsident Recep Tayyip Erdogan im September auch kritische Themen ansprechen, wie etwa die fortdauernde Inhaftierung deutscher Staatsbürger.

Nahles’ Vorgänger an der SPD-Spitze, Sigmar Gabriel, sieht sogar die Gefahr, dass eine isolierte Türkei nach der Atombombe greift. »Die USA tun jetzt etwas, was man nach meiner Meinung unter NATO-Partnern nicht tun darf: Sie wenden Sanktionen an und versuchen, ein ohnehin wirtschaftlich angeschlagenes Land über die Klippe zu schieben«, sagte der frühere Außenminister gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Ankündigung des Emirats Katar, 15 Milliarden Dollar an Investitionen in die türkische Wirtschaft zu pumpen, sieht Gabriel als Zeichen »für das Abdriften Ankaras in eine ungewisse Richtung«.

Tatsächlich tun sich im Mittleren Osten möglicherweise neue Allianzen auf. Katar macht das, was es am besten kann: mit dem Scheckbuch in der Hand neue Freunde gewinnen. Seitdem der große Nachbar Saudi-Arabien vor einem Jahr Katars einzige Landverbindung gekappt hat, tut das Emirat alles, um aus der bedrohlichen Isolation herauszukommen.

»Wir stehen an der Seite der Brüder in der Türkei«, twitterte Katars Herrscher Scheich Tamim bin Hamad laut TV-Sender Al-Dschasira nach seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten vergangene Woche in Ankara. Das Versprechen verschaffte der türkischen Lira eine kleine Verschnaufpause, sie legte im Vergleich zum Dollar um mehr als fünf Prozent zu.

Katars Zusage an die Türkei vom vergangenen Mittwoch ist ein kleines Dankeschön für die Wirtschaftshilfe im letzten Sommer. Nach Saudi-Arabiens Boykottbeschluss, den Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate mittragen, sprang Ankara in die Bresche und half zusammen mit dem Iran, die Versorgung der Bevölkerung in dem kleinen Golfstaat sicherzustellen.

Besonders der türkische Bausektor könnte von guten Beziehungen zu Katar profitieren. 2022 soll dort die Fußballweltmeisterschaft der Männer stattfinden, und deshalb muss das Emirat eine Reihe neuer Stadien bauen. »Der türkische Bausektor ist schon seit Jahren im Ausland gut dabei«, sagte der Professor für Internationale Politik an der Universität Gent, Dries Lesage, am Freitag in der belgischen Tageszeitung De Standaard. Auch in Russland seien viele Bauunternehmen aus der Türkei aktiv. In Katar sind türkische Firmen an Projekten beteiligt, die ein Volumen von 11,6 Milliarden Euro haben, teilte die katarische Handelskammer bereits im Mai 2017 mit, die meisten hätten mit der Weltmeisterschaft 2022 zu tun.

Eine Gelegenheit, bilaterale Geschäfte einzufädeln, ist die Messe in Doha, an der im letzten Jahr 150 türkische Betriebe teilnahmen. »Der Premierminister der Türkei hat mir versprochen, dass Katar Angeboten von türkischen Betrieben den Vorrang gibt«, freute sich Ankaras Handelsminister Bülent Tüfenkci laut De Standaard im Januar. »Ich hoffe, dass Sie dann auch Interesse an laufenden Projekten in Katar zeigen«, forderte er die türkischen Geschäftsleute auf.

»Indem es öffentlich für die Türken Partei ergreift, stößt es die Amerikaner vor den Kopf«, kommentierte De Standaard am Freitag. Immerhin unterhalten die USA in Katar ihre größte Militärbasis im gesamten Mittleren Osten, das macht die Sache extra brisant. Aber auch die Türkei hat ein kleines Kontingent Truppen in Katar stationiert, das sie mittelfristig weiter ausbauen will. Das macht die Situation noch verzwickter. Die Schließung der türkischen Militärbasis ist eine von 13 Forderungen, die Saudi-Arabien für die Aufhebung des Boykotts stellt.

Der palästinensische Kolumnist Abdel Bari Atwan glaubt, die Sanktionspolitik des US-Präsidenten Donald Trump sorge für neue Bündnisse im Mittleren Osten. »Schiiten und Sunniten sind in der Abneigung gegen seine Regierung wie auch gegen sein Land vereint«, schreibt er in der Onlinezeitung Rai al-Jaum. Das bringe die Türkei und den Iran unweigerlich näher zueinander.

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