Aus: Ausgabe vom 18.08.2018, Seite 2 / Ausland

Wartung vernachlässigt

Italiens Regierung fordert nach Brückenunglück in Genua Aufklärung

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Eingestürzt: Am Dienstag fiel ein Teil der Morandi-Brücke in Genua in die Tiefe (16.8.2018)

Nach dem verheerenden Brückeneinsturz in Genua mit mindestens 38 Todesopfern hat das italienische Verkehrsministerium eine Untersuchung eingeleitet und am Donnerstag abend die Betreibergesellschaft »Autostrade per l’Italia« aufgefordert, binnen 15 Tagen nachzuweisen, dass es alle seine Instandhaltungspflichten nachgekommen sei. Das Unternehmen müsse zudem bestätigen, dass es den Viadukt auf eigene Kosten vollständig wiederaufbauen werde.

Die Regierung macht Autostrade für das Unglück verantwortlich. Das Unternehmen versicherte bisher, seinen Wartungspflichten stets nachgekommen zu sein. Die Zeitung La Repubblica berichtete am Freitag aber, dass eine von der Firma in Auftrag gegebene Studie des Polytechnikums Mailand schon 2017 Schwächen in den Tragseilen der Brücke entdeckt habe. Die Zeitung zitierte außerdem Augenzeugen des Unglücks, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben.

Diese Einschätzung bekräftigte am Freitag der Professor für Stahlbetonbau an der Universität Genua, Antonio Brencich, vor Journalisten: »Dies ist eine ernsthafte Arbeitshypothese, aber nach drei Tagen ist es nur eine Hypothese«, sagte er. Der Experte gehört einer vom Verkehrsministerium eingesetzten Unfallkommission an. Dagegen schloss er eine Überlastung der Brücke als Grund aus. »Der Regen, der Donner, die Überlastung, das sind phantasievolle Hypothesen, die nicht einmal in Erwägung gezogen werden.«

Die Retter suchten die ganze Nacht zum Freitag nach weiteren Opfern, da mindestens zehn Menschen noch vermisst werden. Die Suche konzentrierte sich auf die Trümmer eines Brückenpfeilers am linken Ufer des Flusses Polcevera. Während eines Unwetters war ein etwa 180 Meter langer Abschnitt des Viadukts in der italienischen Hafenstadt in die Tiefe gestürzt und hatte zahlreiche Fahrzeuge mitgerissen.

Für den heutigen Samstag wurde Staatstrauer angeordnet. Auf dem Messegelände von Genua ist eine staatliche Gedenkfeier für die Opfer geplant, an der auch Präsident Sergio Mattarella und Ministerpräsident Giuseppe Conte teilnehmen werden. Einige Familien wollen die Zeremonie aber boykottieren und eigene Trauerfeiern abhalten. Sie machen schlechte Wartung für den Einsturz der Brücke verantwortlich und wollen mit ihrer Abwesenheit dagegen protestieren. (dpa/Reuters/jW)

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