Aus: Ausgabe vom 17.08.2018, Seite 15 / Feminismus

Jahrzehnte Haft nach Fehlgeburten

Hilfsorganisationen prangern Abtreibungsgesetze und Verdachtslogik in El Salvador an

RTXZOAG.jpg
Frauen versammeln sich Mitte Mai 2013 vor dem Obersten Gerichtshof in San Salvador. Sie wollen eine 22jährige unterstützen, die wegen einer Risikoschwangerschaft um ihr Leben bangt und darum bat, eine Abtreibung vornehmen lassen zu können. Im Land sind Schwangerschaftsabbrüche verboten

Der Verein SOS-Kinderdörfer wirft El Salvador wegen seiner rigiden Abtreibungsgesetze die Verletzung von Kinderrechten vor. Selbst Kinder und Opfer von Sexualstraftaten müssten in dem mittelamerikanischen Land mit langen Haftstrafen rechnen, wenn sie eine Schwangerschaft abbrechen, erklärte die Organisation am vergangenen Sonntag. Abtreibung wird in El Salvador als Mord eingestuft. Nach Angaben der SOS-Kinderdörfer weltweit sind mehr als die Hälfte der Vergewaltigungsopfer jünger als 15 Jahre alt. »Die Abtreibungsgesetzgebung in El Salvador diskriminiert und kriminalisiert unschuldige Mädchen und stellt eine massive Verletzung der Kinderrechte dar«, sagte der Pressesprecher der Hilfsorganisation, Louay Yassin.

El Salvador hat die strengsten Abtreibungsgesetze der Welt: Schwangerschaftsabbrüche sind unter allen Umständen verboten, selbst im Falle von Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und bei Gefährdung der Gesundheit der Mutter. »Mädchen und Frauen sind in El Salvador Menschen zweiter Klasse«, sagt Yassin. Viele Schwangere würden sich auch bei schwersten Komplikationen nicht in ein Krankenhaus wagen aus Angst vor Festnahmen. Und viele würden bei in Notlagen selbst durchgeführten Abtreibungen sterben. »Und es trifft vor allem die Armen«, hob Yassin hervor. Reiche würden sich ins Ausland absetzen oder die Abtreibungen in teuren Privatkliniken heimlich vornehmen lassen.

Ungeachtet der Proteste von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International (ai) hatte im Dezember 2017 ein Gericht in El Salvador die 30jährige Haftstrafe für eine Frau bestätigt, die nach einer Fehlgeburt zehn Jahre zuvor wegen Mordes in Haft sitzt. Die Richter lehnten einen Berufungsantrag von Teodora Vásquez ab. Das Europaparlament äußerte sich seinerzeit entsetzt. Die heute 35jährige Vásquez war im neunten Monat schwanger, als sie plötzlich starke Unterleibsschmerzen spürte. Vergeblich rief sie noch den Notarzt, dann bekam sie heftige Blutungen und verlor das Bewusstsein. Das Baby kam als Totgeburt zur Welt. Die herbeigerufene Polizei nahm die noch bewusstlose junge Frau wegen Mordverdachts fest. Im Januar 2008 wurde sie schuldig gesprochen und zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Staatsanwaltschaft warf der alleinerziehenden Mutter vor, das Kind abgetrieben zu haben. Vásquez’ Schicksal sei kein Einzellfall, erklärte das Europaparlament Ende 2017 in einer Entschließung. Seit dem Jahr 2000 seien in El Salvador mindestens 120 Frauen und Mädchen zu langen Haftstrafen verurteilt worden, weil ihnen nach einer Tot- oder Fehlgeburt Abtreibung zur Last gelegt wurde.

Der Verein SOS-Kinderdörfer weltweit forderte am Sonntag eine Reform der Abtreibungsgesetzgebung in dem Land »sonst haben Generationen von jungen Mädchen keine selbstbestimmte Zukunft vor sich, nur Ungleichheit, Diskriminierung und Angst«. (AFP/jW)

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Zu Mörderinnen gestempelt (19.06.2015) El Salvador: Nichtregierungsorganisationen kämpfen gegen das totale Abtreibungsverbot und drakonische Haftstrafen auch nach Fehlgeburten
  • Frauen kein Thema (27.02.2015) Am Sonntag wird in El Salvador ein neues Parlament gewählt. Eine Lockerung des brutalen Abtreibungsverbots steht »nicht auf der Agenda«
  • Auf verlorenem Posten (29.10.2010) El Salvador: Feministinnen fordern von neuer sozialistischer Regierung bislang vergeblich Schutz von Mädchen und Frauen. Abtreibungen selbst nach Vergewaltigungen strafbar

Regio:

Mehr aus: Feminismus
  • Aktionswoche gegen Feminizid und sexualisierte Gewalt erinnert an verschleppte Jesidinnen und Zwangsprostituierte im Asien-Pazifik-Krieg
    Eleonora Roldán Mendívil