Aus: Ausgabe vom 15.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Rückzug in die Heimat

Niederländisches Postunternehmen Post NL macht im Ausland Verluste. Verkauf von Töchtern in BRD und Italien geplant

Von Gerrit Hoekman
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Künftig wird nur noch in den Benelux-Staaten geradelt: Der Brief- und Paketdienstleister Post NL nimmt Abschied von seinen internationalen Ambitionen

Weil das letzte Quartal ökonomisch verlustreich war, will sich das niederländische Unternehmen Post NL von seinen Töchtern in Deutschland und Italien, Postcon und Nexive, trennen. Die Niederländer konzentrieren sich in Zukunft lieber auf die Benelux-Staaten, wie der Konzern in der vergangenen Woche mitteilte. »Die Vorbereitungen für die beiden Verkaufsprozesse haben begonnen«, sagte Post NL-Chefin Herna Verhagen laut einer Pressemitteilung vom 6. August.

»Nach Jahren der Abenteuer in Europa nimmt der niederländische Post- und Paketlieferant endgültig Abschied von seinen internationalen Ambitionen«, kommentierte die niederländische Tageszeitung Financie­ele Dagblad (FD) am selben Tag die Nachricht. »Die Pläne, Spieler auf einem liberalisierten europäischen Postmarkt zu werden, sind Vergangenheit.« Post NL verzeichnete im letzten Quartal einen Verlust von einer Million Euro. Diese Nachricht ließ die Aktie an der Börse in Amsterdam 6,7 Prozent an Wert verlieren, jetzt sind es nur noch 3,05 Euro. Die Aussicht auf eine Dividende von lediglich sieben Cent war einigen Anlegern offenbar zuwenig.

Die Konzernführung macht die stagnierenden Umsätze der Tochterunternehmen in Italien und der BRD für das schlechte Ergebnis verantwortlich. In Deutschland belief sich der Verlust im zweiten Quartal auf etwa sieben Millionen Euro. »Die Trennung von Postcon kommt zudem nicht überraschend – bereits 2015 hatte Post NL erklärt, der Konzern suche nach Lösungen für die deutsche Tochter«, erinnerte das Handelsblatt am 6. August.

»Mit dieser Entscheidung beginnt für uns eine neue Zeitrechnung, die uns noch flexibler und agiler machen wird«, zeigte sich der Vorstandsvorsitzende von Postcon, Rüdiger Gottschalk, in einer Pressemitteilung vom 6. August optimistisch. Im Gegensatz zum europäischen Ausland wachse der deutsche Briefmarkt wieder, und auch die Wechselbereitschaft geschäftlicher Versender steige, so Gottschalk. Neuester Großkunde: Der Fußballbundesligist Fortuna Düsseldorf.

Der Verkauf der Töchter soll bis Anfang 2019 über die Bühne gehen, über Interessenten ist noch nichts bekannt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. August spekulierten Marktbeobachter unter anderem über einen Einstieg von Freesort, einer Tochter des Berliner Postdienstleisters Francotyp-Postalia. Im Gespräch ist laut dem Blatt auch das Transportunternehmen Fiege Logistik Holding aus Greven im Münsterland. Aber auch Finanzinvestoren könnten möglicherweise ein Gebot abgeben.

Der Anlageberater Andre Mulder vom Finanzunternehmen Kepler Capital Markets bezweifelt jedoch, ob sich überhaupt ein Käufer findet. »Ich weiß nicht, wer diese Firmen kaufen will«, sagte er gegenüber dem FD. »Wenn es Post NL als erfahrener Spieler nach zehn Jahren immer noch nicht hinbekommen hat, wer soll es dann schaffen?« Nur ein niedriger Kaufpreis könne deshalb Interessenten anlocken. Die Deutsche Post AG fällt als Kandidat für Postcon jedenfalls aus, weil ein solches Geschäft keinen Bestand vor dem Bundeskartellamt hätte. Das Unternehmen, das mehrheitlich in der Hand des Staates ist, besitzt in der BRD bereits einen Marktanteil von 83 Prozent.

Die zehn Prozent Marktanteil von Postcon wirken dagegen geradezu rührend. Die Firma ist vor allem an Rhein und Ruhr sowie mit ihrer Tochter PIN Mail in Berlin aktiv. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen mit Sitz im nordrhein-westfälischen Ratingen 3.500 Festangestellte und 1.900 weitere Mitarbeiter. Die »Kernkompetenz« von Postcon sind Geschäftsbriefe. Die Kunden sind überwiegend Banken, Betriebe und Behörden. Die Mehrzahl der Milliarde Sendungen, die jedes Jahr über das Unternehmen verschickt wird, muss übrigens durch Zusteller der Deutschen Post ausgetragen werden. Das Verteilernetz der Konkurrenz reicht bei weitem nicht aus.

»Mit diesem Verkauf wird Post NL noch kleiner und lokaler«, kommentierte das NRC Handelsblad aus Rotterdam am 7. August die Entscheidung des Unternehmens. Damit ist der Ende der 1990er Jahre begonnene Versuch der Niederländer, in Europa groß zu werden, wohl endgültig gescheitert. Bereits 2011 hatte Post NL seine Töchter in Tschechien und der Slowakei abgestoßen. Vor drei Jahren folgte dann auch der britische Ableger Whistl.

Wie alle anderen Konkurrenten am Markt kämpft Post NL mit einem im Zeitalter der Internetkommunikation allgemein sinkenden Briefaufkommen. Der Anteil der Briefe ging bei Post NL um elf Prozent zurück. Das Geschäft mit Paketen nimmt dafür seit einigen Jahren kräftig zu, weil die Konsumenten immer häufiger Waren online kaufen und per Post nach Hause kommen lassen. Der Handel im Netz, auf Neudeutsch E-Commerce, ist das Zukunftsgeschäft schlechthin.

Post NL drängt die niederländische Regierung schon seit einiger Zeit, eine größere Zentralisierung des Brief- und Paketmarktes zuzulassen. Es ist kein Geheimnis, dass das Unternehmen nur zu gerne den heimischen Konkurrenten Sandd aus Apeldoorn übernehmen würde. Bislang war die Regierung dagegen, doch nun kommen positive Signale aus Den Haag.

Im Frühjahr diskutierte die Regierung gemeinsam mit den Gewerkschaften und dem Vorstand der Post NL darüber, wie der Markt in Zukunft aussehen soll. Das Unternehmen beschäftigt rund 44.000 Mitarbeiter, die sich bei der aktuellen Geschäftslage Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen. Viele von ihnen würden vermutlich eine Übernahme begrüßen. Doch hier ist Vorsicht geboten: Sandd machte sich bereits 2014 in der Arbeiterschaft unbeliebt, als es einen Tarifvertrag mit einer unternehmerfreundlichen Scheingewerkschaft abschloss.

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