Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wem gehört die Stadt?

Aus dem Bleistifthaus wurde ein Buntstifthaus: Aktivisten in Hildesheim haben sich mit einer Besetzung Freiraum geschaffen

Von Jannis Große
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Sichtbar nach außen: Banner und Fahnen an dem besetzten »Bleistifthaus«

In der Nacht vom 16. zum 17. Juli 2018 besetzten Aktivisten das sogenannte Bleistifthaus in Hildesheim. Mehr als zwei Wochen blieben sie in dem Gebäude. Dann stellte ihnen die Mieterin – die Universität Hildesheim – Strom und Wasser ab.

Zuletzt war das Haus für ein Projekt der Hochschule genutzt worden, bei dem sich Studenten mit den Protesten rund um 1968 auseinandersetzten. Zum 1. August lief der Mietvertrag mit dem Eigentümer aus. Der Investor aus Hannover hatte zuvor bereits geäußert, das Gebäude möglicherweise abzureißen und auf dem Gelände Parkplätze zu errichten. Zumindest für eine gewisse Zeit drohte dem Haus der Leerstand. Die neu gegründete Gruppe »Freiräume Hildesheim« nutzte die Gelegenheit und besetzte das »Bleistifthaus«, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Sie fordern Raum für solidarische Begegnungen, für Wissensaustausch, für soziokulturelle und politische Projekte. Darüber hinaus stellen sie die Frage: »Wem gehört die Stadt?«

Da zunächst weder Hochschule noch Besitzer Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch stellten, sah die Polizei keinen Handlungsbedarf. Mehrfach gab es Gespräche zwischen Besetzern und Universitätsleitung. Außer einer Aufforderung, das Haus umgehend zu verlassen, passierte zunächst nichts. So wurde aus der anfänglich symbolischen Besetzung ein Projekt, bei dem realer Freiraum in Hildesheim geschaffen wurde: Das kurzerhand in »Buntstifthaus« umbenannte Gebäude war 15 Tage lang Veranstaltungsort für Workshops, Vorträge, Konzerte oder Kunstausstellungen. Es entstanden eine Küche, ein Presseraum, ein Werkstattzimmer, ein Saal für Plena und einige Schlafräume. Auf dem Dach stand in der zweiten Woche ein kleiner Pool, der als Abkühlung in der Hitze diente. Abends gab es oft Filmvorführungen.

Anfang August stellten Hochschulvertreter nicht nur Strom und Wasser ab, sondern teilten den Besetzern außerdem mit, sie hätten Strafanzeige gegen sie gestellt. Eine Räumung durch die Polizei schien zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Frage von Stunden zu sein. Die Gruppe beschloss, das Gebäude zu verlassen, und ihre Forderungen mit einer Demo in die Innenstadt Hildesheims zu tragen. In einer Pressemitteilung heißt es: »Wir haben es zwar geschafft, eine große mediale und politische Aufmerksamkeit für das Thema Freiräume zu generieren, allerdings wurde bis jetzt keine unserer Forderungen erfüllt, und von leeren Versprechungen können wir uns kein Haus kaufen.«

Am Ende bleibt nicht allein ein leeres Gebäude mit bunten Wänden, voller Graffiti und politischer Botschaften, sondern eine aktive Gruppe, deren Kampf für Freiräume weitergeht.

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    Kunst als tägliches Programm: Malen auf Wänden, Plakaten oder T-Shirts
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    Dauerbaustelle: Die Indoor-Skatehalle im zweiten Stock
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    Ohne Küche geht’s nicht: Kochen mit gespendeten und aus Supermarktcontainern »geretteten« Lebensmitteln
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    Wohnzimmer vor der Tür: Besucher waren eingeladen, es sich vor dem »Buntstifthaus« bequem zu machen
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    Schutz vor Strafverfolgung? Die Besetzer nutzten kreative Verkleidungen
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    Solidarität mit den Waldbesetzern im Hambacher Forst
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    Demo in der Hildesheimer Innenstadt nach dem Ende der Besetzung

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