Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Vorbild Steve Jobs

Nihilismus und Hohlheit der letzten Tage des Imperiums – Der Film »Vollblüter«

Von Peer Schmitt
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Ohne Mitgefühl, dafür mit Eloquenz, Ambition und Freude an der Grausamkeit: Amanda (Olivia Cooke, l.) und Lily (Anya Taylor-Joy)

Ein Mädchen und ein Pferd. Eine Hand und ein Messer. »Thoroughbred«, zu deutsch »Vollblüter«, der Debütfilm von Corey Finley, eine Adaption seines eigenen Bühnenstücks, scheint sich gleich in der ersten Einstellung über die Offensichtlichkeit der Prämisse seiner theatralischen Versuchsanordnung – Mädchen, Messer, Pferd – selbst lustig machen zu wollen.

Dann hält ein schwarzes Auto vor einem Herrenhaus in Connecticut. Amanda (Olivia Cooke), das Mädchen, das eben noch dem Pferd ins Auge geblickt hat, steigt aus und betritt die Villa, die wie ein Museum wirkt, das die Geschichte der Unempfindlichkeiten zu beherbergen scheint: »Rom«, »Japan«, »die Renaissance«, Kaiserbüsten, Samuraischwerter, zahllose Kunstschätze, Trophäen und Fotos von Großwildjagden. Die Villa ist alles andere als gemütlich, sie signalisiert Reichtum und Grausamkeit und Eklektizismus. Ein kurzer Rundgang etabliert bereits die wesentlichen Kunstgriffe des Films: langsame Kamerafahrten und gewählte symmetrische Einstellungen mit Mädchen und Ausstattungskram.

Zu Hause ist in der Villa Amandas alte Kindheitsfreundin Lily (Anya Taylor-Joy). Vorgeblich geht es zunächst um Nachhilfestunden. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass beide Mädchen gemeingefährliche Soziopathinnen sind. So droht Amanda eine Anklage wegen Tierquälerei. Sie hat ihr langjähriges Reitpferd vergiftet, mit einem Messer zerfleischt, um ihm danach das Genick zu brechen, angeblich als Variation des Gnadenschusses.

Sie erklärt zudem, dass sie völlig unfähig sei, Gefühle zu empfinden, und ihre Therapeutin ihr praktisch wahllos die meisten der im DSM-5 – der 5. Auflage des maßgeblichen »Dia­gnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen« – aufgelisteten Symptome psychischer Erkrankung unterstelle. Ihr soziales Vorbild, sagt sie, sei Steve Jobs.

Lily hingegen, meint, »zuviel« zu fühlen. Sie ist vor allem eine pathologische Lügnerin – wegen des Plagiats einer schriftlichen Arbeit ist sie vom Eliteinternat geflogen, eine prestigeträchtige Praktikantenstelle hat sie frei erfunden usw. Ihr droht das Spezialinternat für Verhaltensauffällige.

Die beiden sind das ideale Paar: Die eine zieht Grimassen vor dem Spiegel, die andere schminkt sich zur Grimasse zurecht.

Dabei entsteht schließlich der Plan, Lilys vornehmlich an Disziplin, Erbe, Körperertüchtigung und Diät interessierten, verhassten Stiefvater (Paul Sparks) zu ermorden. Zunächst soll es ein unglücklicher lokaler Drogendealer machen (Anton Yelchin in seiner letzten Filmrolle, er verstarb vor zwei Jahren bei einem Autounfall). Doch der erweist sich als zu feige und dämlich für die Tat. Konsequentere Methodik ist erforderlich. Amandas Maxime: »Du darfst niemals zögern. Das einzige, das schlimmer ist, als inkompetent, lieblos oder böse zu sein, ist Unentschlossenheit.« Ein Kinderspiel fast wie ein William-Blake-Zitat: Himmel und Hölle.

Mangel an Empathie ist bekanntlich eine der Voraussetzungen des schwarzen Humors. Auch die Groteske sieht Psychologie im allgemeinen eher als Behinderung ihres Ablaufs. Ohne skrupellose Brutalität hat es selten gute Lacher gegeben.

Mädchen ohne jedes Mitgefühl, dafür mit Eloquenz, Ambition und Freude an der Grausamkeit ausgestattet, die in einer zeitlos kaltblütigen Oberklasse-­Zitat-Rumpelkammer leben, das erinnert stark an »Stoker«, den ersten US-amerikanischen Film des koreanischen Regisseurs Park Chan-Wook, der eine Brücke zwischen Hitchcock, Mordlust, Museum und Autismus schlug.

Ein Bildschirm in einer Schrankwand, ausgestattet wie der Altar einer schwarzen Messe. Darauf sehen sich die beiden alte Hollywoodfilme an, um ihre eigene Aktion und Interaktion damit abzugleichen.

Der erste ist »D. O. A. (Dead On Arrival, dt.: Opfer der Unterwelt)« von Rudolph Maté aus dem Jahr 1950. Der betreffende Ausschnitt ist eine Liebes-/Trauerszene aus dem letzten Drittel des Films über die Rache eines Mannes, dessen Stunden brutalerweise fast versehentlich gezählt sind. Die beiden Mädchen schätzen ab, wie »echt« die Tränen der B-Movie-Darstellerin Pamela Britton in der Szene sind und wie gleichsam verhaltensauffällig der Schauspielstil in einem »Noir«-B-Film der frühen 50er so daherkommt. Für Amanda ist dies willkommener Anlass vorzuführen, wie gut sie die Schauspieltechnik beherrscht, auf Befehl zu weinen, Gefühle (oder ihre Anzeichen) vorzutäuschen, zu evozieren usw. Gefühle sind eine Frage des Aufführens bzw. in der Sprache der Psychoanalyse der Übertragung.

Der zweite Film ist eine Illustration der (grotesken) sozialen Situation der beiden Mädchen selbst, der Shi­rley-­Temple-Film »Die kleine Prinzessin« (Walter Lang, 1939). Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum Blut auf Kleid und Gummihandschuh.

Doch egal, ob kaltblütig oder vollblütig, ist es doch letztlich wohl nicht wenig inkonsequent, die Künstlichkeit in »klassischen« Hollywoodfilmen zu bewundern und sich dieser auch hinreichend kleptomanisch zu bedienen, zugleich aber in formvollendeter Künstlichkeit ein Symptom allgemeiner Kulturmisere zu sehen? Die große Misere aus Nihilismus und Hohlheit der Kultur der »reichen Leutchen« in Connecticut während dieser letzten Tage des Imperiums (diese letzten Tage, die, man glaubt es anhand der einschlägigen Beispiele – Rom, Perserreich, Araber – gelernt zu haben, durchaus noch Jahrhunderte dauern können). Ist denn Inkonsequenz, wie das Mädchen mit der Waffe sagt, nicht noch weitaus schlimmer als Inkompetenz? Irgend etwas ist da wohl faul …

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