Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Was für eine Vorlage!

Francis Nenik scheitert an der abenteuerlichen Biographie des kommunistischen Schriftstellers Hasso Grabner

Von Jakob Hayner
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Ein Leben, um davon zu erzählen: Hasso Grabner liest vor Arbeitern des Wälzlagerwerks Fraureuth (1960)

So kann es gehen: Zunächst suchte der Autor nach einem Autor, der in Vergessenheit geraten war. Also nahm er das Literaturlexikon zur Hand und tippte die Einträge in eine Internetsuchmaschine. Jedoch stieß der unter dem Pseudonym Francis Nenik veröffentlichende Autor auf keinen Schriftsteller, der vergessen genug war. Von jedem befanden sich schon Informationen im Netz. Das ist natürlich kein guter Ausgangspunkt für eine Rechercheprojekt über irgendeinen, den die Nachwelt übersehen hat. Bis er auf Hasso Grabner stieß. Im Internet waren nur spärliche Informationen zu finden (das hat sich inzwischen etwas geändert), obwohl er in der DDR in durchaus hohen Auflagen verlegt wurde. Nenik ist bei seiner Recherche auf eine tatsächlich erstaunliche Biographie gestoßen, der Titel des daraus entstandenen Buches lautet »Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner«. Wer also war Hasso Grabner?

Er wurde 1911 in Leipzig geboren, absolvierte recht zufällig eine Lehre als Buchhändler, trat 1930 der KPD bei, übernahm lokale Führungsaufgaben, gründete und leitete kommunistische Betriebszellen, besuchte die Reichsparteischule in Berlin, arbeite ab 1933 im Untergrund, wurde 1934 inhaftiert und saß bis 1938 im Zuchthaus Waldheim. Bei der Entlassung stand die Gestapo schon am Tor und brachte ihn ins KZ Buchenwald. Als gelernter Buchhändler konnte Grabner in der Lagerbibliothek unterkommen und entkam so dem Tod durch Arbeit beziehungsweise Erschießung oder Vergasung. Nach Entlassung arbeitete er in einer Rüstungsfabrik, in der er im geringen Maße Sabotage betrieb. 1942 wurde er in das Strafdivision 999 der Wehrmacht eingezogen, es verschlug ihn nach Griechenland. Der Rückweg führte über den Balkan, in Albanien wurde er mit Partisanen konfrontiert, die ebenfalls Kommunisten waren, ihn aber, der Wehrmachtsuniform trug, bekämpften (und er sie). Bei Sarajevo desertierte Grabner und flüchtete zurück ins heimatliche Sachsen. Nach Ende des Krieges wurde er Mitglied der FDJ und der SED, für kurze Zeit leitete er den neugegründeten MDR, wurde dann Regierungsrat. Kurz darauf wurde ihm die Leitung der ostdeutschen Stahlwerke übertragen, er war auch für den Aufbau des Kombinats »Schwarze Pumpe« verantwortlich. Weil Grabner aus Pragmatismus immer wieder Entscheidungen traf, die nicht mit Parteigremien abgesprochen waren und deren Linie widersprach, wurde er entlassen und auf eigenen Wunsch als Hilfsarbeiter beschäftigt. Ab 1958 arbeitete er dann als freier Schriftsteller, konnte mehrere Bücher in renommierten Verlagen veröffentlichen, hatte aber auch zeitweise nicht die Möglichkeit zu publizieren. Zugleich wurde er von der Staatssicherheit überwacht. 1976 starb Grabner.

Die Biographie ist als Material ohne Zweifel beeindruckend. Nur ist über die hier grob skizzierten Stationen hinaus wenig zu erfahren, was ein solches Leben auch erzählens- und lesenswert machen würde. Nenik gelingt es weder, Grabners Erlebnisse in einen individuellen noch einen historischen Zusammenhang zu bringen – und wo er es probiert, bleibt es schlecht, kolportagehaft. Ein rechtes Ärgernis aber ist Neniks saloppe Sprache, die entweder unangemessen ist, wenn er Grabner zum Beispiel im KZ in einem »ausgefransten Zebrakleid« auftreten lässt, oder sich über den aus einfachen Verhältnissen stammenden Protagonisten schlicht erhebt, wenn er ihn als »bildungsfimmeligen Marxisten« bezeichnet, der seinem »kommunistischen Bildungsfimmel frönen« würde. Nenik ist offenbar auch der Meinung, dass die Kommunisten in den zwanziger Jahren die Demokratie hätten verteidigen sollen, die ja aber abgebaut wurde, um die Kommunisten zu bekämpfen. Das leuchtet weder ein noch trägt es etwas zum Verständnis von Grabners Biographie bei. Wer also irrwitzige Lebensläufe schätzt, greife dann eher zu Franz Jungs »Der Weg nach unten«. Bei Hasso Grabner wurde die Gelegenheit, eine gute Geschichte zu erzählen, jedenfalls vergeben.

Francis Nenik: Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner. Mit Buchlesung auf CD. Voland und Quist, Dresden und Leipzig 2018, 192 Seiten, 19 Euro

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