Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kapitulation eines Multis

Südafrikas Einzelhandelsriese Shoprite spielt in Namibia seine wirtschaftliche Stärke aus. Jetzt musste der Konzern vor Widerstand zurückweichen

Von Georges Hallermayer
RTX314RD.jpg
Shoprite wirbt mit »No frills – nichts Überflüssiges« (Foto vom 22.2.2017 in Otjinene/Namibia). Dazu zählt der Konzern auch angemessene Löhne und humane Arbeitsbedingungen

Es war eine Kampfansage: »Genug ist genug! Es ist Zeit für die Namibier, die Wirtschaft in eigene Hände zu nehmen«, verkündete Charity Mwiya, Geschäftsführerin der namibischen Industrie- und Handelskammer, im Interview mit der Tageszeitung New Era am 30. Juli. »Wir haben die Wirtschaft für Investoren geöffnet, um Jobs zu schaffen. Aber wenn Pro­bleme hinsichtlich unlauterer Arbeitsbedingungen aufkommen, dann ignorieren dieselben Investoren die Notlage der Beschäftigten. An erster Stelle Shoprite, das keine lokale Produkte kauft und den ganzen Profit nach Südafrika verbringt.«

Shoprite Holdings Ltd. ist die größte Supermarktkette Afrikas. Das Unternehmen mit Sitz in Kapstadt ist auf Expansionskurs. Fast jede Woche wird ein neuer Großmarkt eröffnet, 58 waren es im vergangenen Jahr. Mehr als 35 Millionen Kunden sorgten 2017 für mehr als umgerechnet neun Milliarden Euro Umsatz. 4,1 Milliarden Rand (260 Millionen Euro) wies die Kette als Gewinn aus und zahlte pro Aktie 13,9 Prozent Dividende. Erwirtschaftet wurde das von 143.800 Beschäftigten in mehr als 2.300 eigenen Läden, verteilt über 18 Länder.

Was aber hat die namibische Handelskammer so erzürnt, dass sie sich mit einem Großteil der nationalen Unternehmerschaft vehement von Shoprite distanziert? Kammerchefin Mwiya rügt vor allem, dass die Gewinne nicht einmal zum Teil im Lande reinvestiert, sondern nach Südafrika transferiert würden. Hauptprofiteur dieser selbst für kapitalistische Großkonzerne ungewöhnlichen Raffgier ist zum einen Christoffel Wiese. Der Chairman des Konzerns gilt als viertreichster Oligarch Afrikas und ist zugleich größter Anteilseigner der Kette. Die Hände weit auf hält auch die Public Investment Corporation Ltd. (PIC) als zweitgrößter Aktionär. Der dominierende afrikanische Vermögensverwalter ist ein südafrikanisches Staatsunternehmen, über das die ANC-Regierung auch ihre Politik des »Black Economic Em­powerment« betreibt.

Wenn Shoprite ausbeutet, ist das systembedingt. Das weiß auch die Handelskammer in Windhoek. Doch weil der Multi »keine lokalen Produkte kauft«, sondern mittlerweile neunzehn internationale Eigenmarken vertreibt, macht er den kleinen und mittleren Unternehmen der namibischen Lebensmittelindustrie mörderische Konkurrenz. Das veranlasst selbst die Interessenvertreter des namibischen Kapitals, ihm die Klassenverbundenheit aufzukündigen.

Der Kampf der Beschäftigten in den Supermärkten ist aufreibend. In Namibia hatte Shoprite 2014 den organisierten Kolleginnen und Kollegen die beschlossene Lohnerhöhung vorenthalten. Als die Unternehmensführung deren Petition ignorierte, rüsteten die Beschäftigten zum Streik. Einen Tag später gab das Management nach und zahlte das Vereinbarte. Auch 2015 verstieß der Konzern bewusst gegen Arbeitsrecht: Die Führung verweigerte die vorgeschriebenen Gehaltsgespräche mit den Gewerkschaften, die 20 Prozent mehr Lohn und Zuschüsse zur Krankenversicherung, zu Fahrtkosten und zur Wohnheimunterbringung forderten. Dabei ignorierte die Unternehmensführung auch den angerufenen »Labor Commissioner«, eine Art Schiedsrichter, und erhöhte von sich aus die Gehälter, aber demonstrativ minimal. Den darauf erklärten Streik gegen diese Provokation am 28. Juli 2015 ließ Shoprite verbieten. Viele Kolleginnen resignierten und kündigten. 176 wurden entlassen, 93 von ihnen auf »Kostenerstattung« verklagt. Die Verhandlungen vor dem Windhoek High Court, der ersten Instanz, begannen jetzt am 31. Juli.

Der Tageszeitung The Namibian lagen die Gerichtsdokumente vor. Shoprite wollte demnach umgerechnet 18.695 Euro entgangenen Profit für den 28. Juli 2015, 220.700 Euro für Gerichts- und Anwaltskosten für ein Verbot des Streiks und die folgenden disziplinarischen Anhörungen sowie 12.317 Euro für den Einsatz von (streikbrechenden) Leiharbeitern am 28. und 29. Juli 2015. Zusätzlich forderte der Konzern 40.400 Euro für das beginnende Anhörungsverfahren vor dem Verfassungsgericht, summa summarum 292.102 Euro.

Der Prozess brachte das Fass zum Überlaufen: Beschäftigte und Unterstützer demonstrierten ab 30. Juli täglich in Windhoek und riefen mit Schildern zum Boykott auf: »Don’t shop at Shop­rite!« Das Center for People’s Resistance (CPR) unterstützt die von den Forderungen bedrohten Kolleginnen und Kollegen mit einer Onlinepetition: Shoprite solle die Klage zurücknehmen. Und die namibische Industrie- und Handelskammer tat Ungewöhnliches: Charity Mwiya instruierte alle Regionalbüros, Massendemonstrationen für den Boykott der 106 Supermärkte im Land zu organisieren.

Shoprite blieb zunächst stur, wich dann aber zurück. Bereits in der vorvergangenen Woche nahm die Kette die Schadenersatzforderung zurück. Aber es blieb bei den Boykottaufrufen und bei Aktionen: So »kauften« z. B. Aktivisten in einer Filiale ein und »bezahlten« mit Flyern. Forderungen nach Enteignung und Nationalisierung wurden lauter. Am Donnerstag meldete nun The Nami­bian: »Shoprite kapituliert vor dem Volk.« Der Konzern lasse auch die disziplinarischen Maßnahmen gegen die 93 Beschäftigten fallen, falls sie eine schriftliche Warnung unterzeichneten. CPR teilte mit: Die Einigung ermögliche es, sich auf das zu konzentrieren, um das es bei dem Streik gegangen sei – Lohnerhöhungen, Festanstellungen und bessere Arbeitsbedingungen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Kapital & Arbeit