Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Großmacht des Tages: URSAL

Von Peter Steiniger
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Gelobt sei der Herr: Eine neue Weltordnung bricht an! Ein bärenstarker Akteur betritt die Bühne, um im Konzert der ganz Großen mitzuspielen. Der Vorhang öffnet sich für eine wirtschaftliche und politische Supermacht unter dem roten Banner mit Hammer und Sichel, die sich auf mehr als eine halbe Milliarde Einwohner und riesige natürliche Ressourcen stützen kann. Sibirien war gestern: Ihr Territorium reicht von Feuerland bis an den Rio Grande, wo ihre gewaltigen Streitkräfte das teuflische Imperium in Schach zu halten wissen werden. Donald Trumps Mauerbaupläne an der Grenze zu Mexiko erscheinen nun – als Schutzwall für den Kapitalismus – erst im richtigen Licht. Begrüßen wir die Union der Sozialistischen Republiken von Lateinamerika!

Das Projekt, an dem bisher nur im ganz Geheimen gearbeitet wurde, kam am vergangenen Donnerstag bei TV Bandeirantes während der ersten Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten (Favorit Lula fehlte wegen politischer Haft entschuldigt) an die brasilianische Öffentlichkeit. »Was können Sie über den Plan URSAL sagen? Gibt es etwas, was Sie der brasilianischen Nation mitzuteilen haben?« wollte dort der für die Patrioten antretende und ausschließlich vom Heiligen Geist durchdrungene Cabo Daciolo vom gemäßigt linken Intellektuellen Ciro Gómez wissen. Der tat so, als sei er in die kommunistischen Unterwanderungspläne, hinter denen todsicher die Illuminati des Forums von São Paulo stecken, nicht eingeweiht. Doch nun sprach sich URSAL, was so ähnlich wie Urso (Bär) klingt, herum. Im Internet kam die Idee einer União das Repúblicas Socialistas da América Latina bei vielen gut an. Bärchen hier, Bärchen da. Simón Bolívar und Che Guevara hätten ihre helle Freude am Großen Vaterland, das virtuell schon Realität ist. Dort steht Pepe Mujica an seiner Spitze, auf den Papst kann es zählen, und mit dem Traumsturm Messi, Neymar und Suárez ist ihm der zehnte WM-Titel nicht zu nehmen.


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