Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Ran an die Zündschnur

Neues von der Rückseite des Mondes: Dimmu Borgir lärmen mittlerweile zivil

Von Hagen Bonn
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Bisschen zahm geworden: Stian Tomt Thoresen von Dimmu Borgir

Was Genres sind, wissen die nordischen Götter der Schwarzen Krachkunst (Black Metal) Dimmu Borgir schon lange nicht mehr. Einst als Hassbatzen der Waldfraktion norwegischer Gitarrenwut verehrt, bewundert und – Teufel sei Dank – nur kurzzeitig und zu Unrecht als rechtslastig verdächtig, haben sie dem Sinfonieorchester mittlerweile einen Stammplatz in der Mannschaft zugewiesen. Klassik und Metal zusammen ist natürlich nicht neu und einen Innovationspreis gewinnen Dimmu Borgir mit ihrer neuen Scheibe »Eonian« sicher nicht, aber wie Kompositionskraft und Klangfetisch aussehen können, führen uns die Jungs schwarzbelichtet und souverän liebäugelnd vor. Was hier aufgeführt wird, ist ein musikalischer Überlauf. Hier wird nicht getröpfelt, hier werden Weltmeere in die Gehörgange gespült! Oder anders: Wer schon immer einmal wissen wollte, wie es sich anfühlt, auf der Rückseite des Mondes im Strandkorb zu liegen, ist hier genau richtig. Wer das noch nie wissen wollte, will es aber spätestens jetzt!

Wenn das Vorgängeralbum »Abrahadabra« (2010) hier und da, also über weite Strecken, versperrt und kantig, also progressiv, also genial daherstolzierte, kann »Eonian« als recht zivilgestutzt ausgearbeitet gelten. Oma Eierschecke kippt bei solchen Klängen nicht ohnmächtig vom Plüschsofa. Allenfalls wird sie die Stirn runzeln und sagen: Ach, der arme Sänger sollte lieber zum Arzt mit seiner Kehlkopffraktur. Für das Sinfonieorchester wird sie folgenden Rat finden: Das sind aber viele Noten auf den Quadratmeter! Beziehungsweise: Wie kann der Streicher den Ton so lange halten, was hat der denn für einen Bogen? Der muss so lang sein wie Pinocchios Nase, wenn er Bundeskanzler ist. Aber, aber! Alles echt: Orchester, Chor, Metal.

Die Arrangements sind natürlich von der Gestalt, dass die Aufschichtung des Mount Everest mit unendlich Ever und dann noch mit dem Rest geschnippelt, zerrüttet, gehackt und zusammengesackt ein Bild ergibt, das wir kurzum als schön, gelungen, beschwungen und nicht für die Dummen bezeichnen wollen. Mehr kann ich dazu nicht sagen, aber auch nicht weniger! Allenfalls Luzifer wird sich mit verschränkten Armen und kopfschüttelnd abwenden, wenn er nach dem Hören der Scheibe begriffen hat, dass diese Jungs zwar immer noch finster und böse sind, aber eben nicht mehr fundamentalistisch, eher fulminantistisch. Damit lässt sich in der Hölle natürlich kein Feuer entfachen. Aber in uns schon. Also ran an die Zündschnur!

Dimmu Borgir: »Eonian« (Nuclear Blast/Warner)


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