Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 4 / Inland

Kommunikation ausbaufähig

Sammlungsbewegung »Aufstehen«: Basis sucht Ansprechpartner. Das ist nicht einfach

Von Claudia Wangerin
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Unnahbar: Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht am Bundestagswahlabend 2017 vor dem ARD-Hauptstadtstudio

Wer auf keinen Fall mitmachen will, weiß für seinen Geschmack längst genug über die von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine initiierte linke Sammlungsbewegung »Aufstehen« und äußert sich seit Tagen in Blogs und Debattenbeiträgen. Wer vielleicht oder wahrscheinlich mitmachen will, wüsste dagegen gern mehr. Am Donnerstag abend trafen sich im Berliner »Anti-War-Café« potentielle Unterstützer, die noch Fragen haben.

Zu Wagenknecht, der Fraktionschefin der Partei Die Linke im Bundestag oder ihrem Ehemann Lafontaine, der die Landtagsfraktion im Saarland anführt, hat hier keiner direkten Kontakt. Es ist auch schwer, sich das Politikerpaar in dem Kellerraum mit der Regenbogenfahne für den Frieden vorzustellen. Aber immerhin fühlen sich hier Menschen von dem Projekt angesprochen, das innerparteiliche Gegner von Wagenknecht und Lafontaine als rein digitalen Werbeauftritt kritisieren.

Sie sind auf der Suche nach einer überparteilichen Bewegung, die soziale, friedens- und umweltpolitische Themen gebündelt auf die Agenda setzt – und zumindest teilweise optimistisch, dass Aufstehen diese Bewegung sein könnte. Heiner Bücker vom Anti-War-Café, der zur Diskussion eingeladen hat, hält den Ansatz »persönlich für vielversprechend« – vielleicht könne damit an die Erfolge des britischen Labour-Politikers Jeremy Corbyn angeknüpft werden.

Allerdings fehlt bisher ein »Manifest« – das soll am 4. September veröffentlicht werden. Bis dahin scheint es kaum möglich, mit den Initiatoren zu kommunizieren und Vorschläge einzubringen. Mehr als 50.000 Menschen sollen sich schon auf der Internetseite www.aufstehen.de registriert haben, um »Teil der Bewegung« oder erst mal nur informiert zu werden. Es gebe aber keine »Rückkoppelung«, heißt es an diesem Abend.

Eine junge Frau, die im Büro einer Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke arbeitet, stellt klar, sie werde sich nur beteiligen, wenn die »Sammlungsbewegung« nicht ständig die Flüchtlingspolitik als Problem in den Mittelpunkt stelle. An diesem »AfD-Fokus« gibt ein Mitglied der Linksparteigruppe Berlin-Wedding eher den Medien die Schuld als Wagenknecht und Lafontaine. Beide hätten sich differenzierter geäußert und Fluchtursachen deutlich benannt. Viele Medien würden jedoch Überschriften auswählen, die eine Nähe zur AfD suggerieren, so der junge Mann. »Warum schafft eine Fraktionsvorsitzende es nicht, sich so auszudrücken, dass Linke dahinter stehen und sich nicht die Köpfe einschlagen?«, fragt verärgert ein anderer Diskutant. Am Montag hatte Wagenknecht in einem Gastbeitrag für die Nordwestzeitung sich zugleich von »den Ressentiments der AfD und der allgemeinen Moral einer grenzenlosen Willkommenskultur« abgegrenzt. Sie unterstütze aber »die vielen freiwilligen Helfer in der Zivilgesellschaft, die sich um die Integration der Flüchtlinge kümmern«. Im Anti-War-Café erzählen zwei Anwesende, dass sie selbst in ihren Wohnungen Geflüchtete aufgenommen haben. Aufstehen scheint für sie zumindest eine Option zu sein.

Victor Grossman, der auf ein langes politisches Leben zurückblickt, ist hin und her gerissen. »Wenn es klappt, ist es wunderbar, aber es gibt auch Gefahren«, sagt der 90jährige, der als junger Kommunist in Bayern aus der US-Armee desertierte, später in der DDR Journalistik studierte und sich heute zu den »Linken in der Linken« zählt. Die Partei könne sich im schlimmsten Fall spalten, ohne dass wirklich eine neue Bewegung entstehe, so Grossmann.

Der Jazzmusiker Paul Teschner schlägt vor, einfach eine Basisgruppe zu gründen, Vorschläge aufzuschreiben und an die Initiatoren von Aufstehen zu schicken: »Hier Leute – wollt ihr überhaupt hören, was wir zu sagen zu haben?« So sei das am besten herauszufinden. Ein weiteres Treffen für Interessierte soll jedenfalls folgen.


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Oppositionsfähig? Die Linkspartei und die Systemfrage

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