Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 1 / Titel

Schluss mit billig!

Piloten des irischen »Low Cost«-Fliegers Ryanair in fünf Ländern im Ausstand. Einsatz von Streikbrechern in den Niederlanden

Von Stefan Thiel
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Billige Flugtickets sind gut für die Kunden. Mit der irischen Fluggesellschaft Ryanair kommt man an günstigen Tagen für unter 15 Euro zum Beispiel von Leipzig/Halle nach London Stansted. Zum Vergleich: Mit den Sparpreisangeboten der Deutschen Bahn AG in ähnlicher Höhe reicht es gerade mal für eine ICE-Fahrt von Leipzig nach Berlin.

Die Kosten der Dumpingpreise tragen die Beschäftigten der »Low Cost«-Airline. Doch das soll sich nun ändern. Nachdem Ende Juli die Flugbegleiter des Billigfliegers erstmals länderübergreifend erfolgreich gestreikt hatten, traten am Freitag auch die Piloten in der BRD, in Irland, Schweden, Belgien und den Niederlanden für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in einen 24stündigen Ausstand. Ryanair musste deshalb rund 400 Flüge streichen. »Betroffen« waren etwa 55.000 Passagiere, die jedoch frühzeitig informiert wurden.

Mit 250 Ausfällen war die BRD ein Schwerpunktland des bislang größten Pilotenstreiks in der Geschichte des Unternehmens. Ryanair hat hierzulande elf Basen. In Frankfurt am Main und in Berlin blieben am Freitag morgen sämtliche Flugzeuge am Boden. Am belgischen Hauptstadtflughafen in Brüssel sollten 26 von 46 Flügen ausfallen, in Charleroi 82. In Schweden strich ­Ryanair 22 Verbindungen am Airport Skavsta, südlich von Stockholm. In Irland mussten 20 Flüge gecancelt werden. Nach Konzernangaben sollten trotz alledem europaweit rund 2.000 Flüge stattfinden, was rund 85 Prozent des ursprünglichen Angebots entspreche.

In den Niederlanden war der Billigflieger am Donnerstag abend mit dem Versuch gescheitert, den Streik per Gerichtsbeschluss stoppen zu lassen. Flugausfälle habe es dort aber nicht gegeben, teilte das Unternehmen mit. Nach Angaben der Pilotengewerkschaft Vereniging Neder­landse Verkeersvliegers (VNV) wurden in den dortigen Jets Manager mit Pilotenlizenz und Leihbeschäftigte als Streikbrecher eingesetzt.

Die deutsche Berufsgewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) zeigte sich am Freitag zufrieden mit dem Verlauf des Arbeitskampfes. Eine Verlängerung über Samstag morgen hinaus sei nicht geplant, sagte VC-Pressesprecher Janis Schmitt der dpa: »Wir hoffen, dass Ryanair unser Signal verstanden hat und dann zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist.« Bis zuletzt hatte die Airline nach Angaben der VC kein akzeptables Angebot vorgelegt. Weitere Streiks will die Gewerkschaft deshalb nicht ausschließen.

Hinzu kommt, dass die bis Ende 2017 als »gewerkschaftsfrei« geltende Fluggesellschaft nach wiederholten Arbeitsniederlegungen der irischen Piloten Ende Juli angekündigt hatte 300 Arbeitsplätze in Irland vernichten und Teile der Flotte ins Niedriglohnland Polen verlegen zu wollen. Höchste Zeit also, sich international gegen Lohndumping, Leiharbeit und Scheinselbständigkeit zu wehren. Noch besser wäre es, wenn sich die Gewerkschaften auch endlich dazu aufraffen könnten, Piloten und Flugbegleiter gemeinsam zum Streik aufzurufen. Doch das dürfte noch ein weiter Weg sein, wie das Beispiel BRD zeigt: Während hierzulande die Piloten von der VC vertreten werden, streiten sich die Gewerkschaft Verdi und die Unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO) um die Zuständigkeit für das Bordpersonal. Ryanair wird’s freuen: Die Airline verhandelt mit allen Organisationen parallel und kann sich dann die billigsten »Angebote« heraussuchen.

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