Aus: Ausgabe vom 07.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Ungarische Kindergärten

Von Matthias István Köhler
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Kein Bock auf Nationalismus? Nicht mit der ungarischen Regierung. Die Kindergärten sollen es richten (Budapest, 15.3.2015)

Ungarn ist in den letzten Jahren zum wichtigsten Exporteur von Nationalismus, Chauvinismus und Bigotterie in Europa geworden. Die Nachfrage war groß, die feilgebotene Ware fand reißenden Absatz. Und wie das manchmal bei kleinen Volkswirtschaften so ist: Es kann schon mal zu Produktionsengpässen kommen – vor allem wenn die Abnehmer so gierig sind wie in der BRD oder Österreich. Es ist daher kein Wunder, dass Ungarn der Stoff im eigenen Land auszugehen droht. In den letzten Monaten waren immer wieder Geheimberichte an die Öffentlichkeit geraten, die bestimmten Bevölkerungsteilen mangelnde reaktionäre und antikommunistische Einstellungen bescheinigten.

Aber keine Angst, wie die sozialdemokratische Tageszeitung Nepszava berichtet, hat die Regierung bereits eine Lösung gefunden, um den Nachschub zu sichern und das Problem sozusagen an der Wurzel zu packen: Ab September sollen Kleinkinder noch stärker auf »nationale Identität, christliche kulturelle Werte, Patriotismus und Bindung an die Heimat und Familie« getrimmt werden. So steht es im Grundprogramm für Kindergärten, das Ende Juli veröffentlicht wurde und so etwas Ähnliches ist wie der Lehrplan für Schulen.

Noch intensiver sollen die lieben Kleinen nun ungarische Volksmärchen, -lieder und -legenden, Blümchen-, Stickmuster, ganz allgemein also die nationale Symbolik verinnerlichen. Nicht dass die das bislang nicht hätten machen müssen. Aber es geht natürlich immer noch einen Zacken schärfer. Ungarn will schließlich wettbewerbsfähig bleiben – die europäische Konkurrenz schläft nicht und brütet ebenfalls darüber, wie erfolgreich gegen Fremde gehetzt und der nationalistische Rausch weiter angeheizt werden kann.

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Debatte

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  • Beitrag von günther d. aus b. ( 7. August 2018 um 16:29 Uhr)

    Der Beitrag erinnert mich an meine Kindheit.

    Zur Vorbereitung des großen »Spiels um die Weltherrschaft« und der dann folgenden Herrschaftsphase wurden in der »NS-Kinderschar« die Vorschulgören auf ähnliche Weise wie heute im EU-Land Ungarn gewissermaßen vorgefertigt.

    Dass sich so etwas unter den strengen Augen der volldemokratischen Beamten der Brüsseler Bürokratie vollziehen kann, ist doch sehr bedenklich. Oder dient es in Ungarn so wie im faschistischen Deutschland auch nur der Vorbereitung auf die Verteidigung vor dem angriffslüsternen Bären aus dem Osten?

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