Aus: Ausgabe vom 04.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Streik im Sommergeschäft

Piloten der staatlichen marokkanischen Fluggesellschaft RAM im Ausstand. König Mohammed VI. entlässt Wirtschaftsminister

Von Gerrit Hoekman
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Kamelführer wartet auf Kundschaft: der Streik der marokkanischen Piloten hat Folgen für den Tourismus

Kurzfristig angekündigte Streiks haben meist starke Auswirkungen. Der Kapitalseite ist es dann nicht mehr wirklich möglich zu reagieren. So auch in Marokko: Seit dem 18. Juli treten die Piloten der staatlichen Fluggesellschaft Royal Air Maroc (RAM) immer wieder in einen Last-Minute-Ausstand. Die Flugzeugführer entscheiden oft erst wenige Stunden vor dem Abflug, ob sie die Arbeit niederlegen. Dadurch sind bei der RAM bis Donnerstag mittag 127 Flüge ausgefallen, wie die iranische Nachrichtenagentur Tasnim am selben Tag meldete. Die Piloten fordern unter anderem höhere Löhne und fünf statt vier freien Tagen im Monat.

Mit dem Streik zieht die marokkanische Pilotenvereinigung Association Marocaine des Pilotes de Ligne (AMPL) die Konsequenz aus den monatelangen Verhandlungen mit der Airline, die allesamt ergebnislos endeten. Royal Air Maroc entsteht durch die Arbeitsniederlegungen ein Verlust von 20 Millionen Dirham am Tag, das sind umgerechnet 1,8 Millionen Euro, wie das Onlineportal Morocco World News am Donnerstag unter Berufung auf die marokkanische Wirtschaftszeitung L'Economiste berichtete. Die Situation sei »zunehmend unberechenbar und nicht zu managen«, so ein hoher Mitarbeiter der Fluglinie.

Besonders betroffen sind die Strecken zwischen dem größten marokkanischen Flughafen in Casablanca und Europa, vor allem Frankreich. Viele Reisende kauften nach Beginn des Arbeitskampfes Mitte Juli weiterhin Tickets für Verbindungen der RAM – kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Streik so lange dauern und sich die Fluglinie das Sommergeschäft kaputtmachen würde.

Agadir, Marrakesch, der Hohe Atlas – der August ist der beste Monat für das Tourismusgeschäft, worauf das nordafrikanische Land wirtschaftlich besonders angewiesen ist. Marokko ist gerade dabei, sich von den Auswirkungen des sogenannten arabischen Frühlings zu erholen. Seit dem Anschlag am 28. November 2011 auf das bei Touristen beliebte Café Argana im Zen­trum von Marrakesch mit 17 Toten ist es zu keinen terroristischen Ereignissen mehr gekommen. Die eine Bombe hatte zwar Touristen aus Europa und den USA nachhaltig verschreckt, wohl auch weil sie acht Franzosen und drei Schweizer in den Tod riss. Doch in den letzten drei, vier Jahren konnte Marokko den Trend wieder umdrehen. Die Europäer haben das Land neu entdeckt, auch immer mehr Deutsche trauen sich wieder nach Fès und Tanger, die beiden Städte mit den höchsten Zuwachsraten an ausländischen Gästen. Der Streik dämpft nun die schöne Bilanz. RAM übernimmt für die auf den Flughäfen Gestrandeten die Aufwendungen für Kost und Logis. »Das ist eine sehr schwere Last für die Finanzen des Unternehmens«, zitierte Morocco World News am Donnerstag einen Vertreter der Airline.

Die Bürde dürfte für die Händler im Suk von Casablanca ungleich höher sein: Weniger Flüge – weniger Touristen – geringere Geschäfte – knappere Einnahmen, lautet ihre einfache Rechnung. Die Hoteliers in Agadir, die Stadtführer in Tetouan und die Restaurantbesitzer in Rabat, sie alle spüren den Arbeitskampf bei der staatlichen Fluggesellschaft im Portemonnaie. Eine Lösung muss nun schnell gefunden werden – vor einer Woche hat auch noch der Hadsch begonnen, die Zeit, in der gläubige Muslime nach Mekka pilgern. Gleichzeitig wollen viele Europäer mit marokkanischen Wurzeln im August ihre Familien besuchen.

Beide Seiten fahren unterdessen eine harte Linie. RAM wirft den Piloten vor, in ihren Lohnforderungen »unflexibel« zu sein. »Über Jahre waren wir flexibel und haben nicht aufbegehrt, aber nun ist die Situation nicht mehr tragbar«, erwiderte ein Vertreter der Gewerkschaft AMPL. Die Piloten sprechen von »unhaltbaren Arbeitsbedingungen« und betonten am Dienstag erneut, dass sie an ihren Forderungen festhalten. Die AMPL drohte bereits den Streik auszuweiten, falls RAM nicht einlenken sollte, berichtete die Nachrichtenseite Aswat Maghribiya am 25. Juli.

Am Mittwoch entließ König Mohammed VI. überraschend seinen Finanz- und Wirtschaftsminister Mohammed Boussaid, der seit 2013 im Amt war. Die Regierung nannte bis Freitag mittag keinen Grund für die Demission. Deshalb kann nur spekuliert werden, ob Boussaids Entlassung mit dem Streik der Piloten zusammenhängt. Zumindest fällt RAM als Staatslinie in sein Ressort. Erst am vergangenen Wochenende hatte der König in seiner Thronrede die Regierung aufgefordert, sich bei der Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme mehr anzustrengen.

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