Aus: Ausgabe vom 01.08.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Muße

Von Daniel Bratanovic
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Einfach mal nichts tun, oder: »Reichtum ist verfügbare Zeit und sonst nichts«

Während der Hundstage mag selbst in diesem Land kaum einer tätig werden. Der Arbeitsfuror erlahmt, die Hitze macht träge. Was ein Wettergott, die Stellung des Planeten bei seiner Umrundung der Sonne oder der Klimawandel aus Laune, Naturgesetz oder menschlicher Dummheit saisonal bewirken, könnte gesellschaftlich und dauerhaft längst Realität sein: weniger Arbeit, mehr Muße.

Das süße Nichtstun, die schöpferische Verwendung freier Zeit, unabhängig von konkreten gesellschaftlichen Zwängen und fremdbestimmter Arbeit, genoss in der griechischen Polis hohes Ansehen und galt als Voraussetzung für staatspolitisches Handeln. Die Sache hatte einen nicht ganz unerheblichen Makel. Muße war als Privileg den freien Bürgern vorbehalten, die es nur gab, weil die unfreien Sklaven die zur Reproduktion der antiken Gesellschaft notwendige Plackerei besorgten. Der feudalistische Klerus befahl dann später seinen Bauern mit dem Bibelwort aus dem Buch Mose: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.« Die Acedia (»Sorglosigkeit«, »Nachlässigkeit«, »Nichtsmachenwollen«) galt nach theologischer Lehre als eine der sieben Todsünden. Mit der protestantischen Ethik endlich war die Begleitmusik des entstehenden Kapitalismus komponiert: maßloser Gelderwerb durch Fleiß und Askese, durch Verzicht auf Genuss und Glück.

Noch heute lässt sich der deutschen Sprache die negative Wendung der Muße anhand von ihr abgeleiteter Wörter ablauschen: Was »müßig« ist, ist »überflüssig«, »unnütz« und »zwecklos«. Und selbst noch in der Propaganda der Sozialdemokratie war die protestantische Ethik aufgehoben (»Die Müßiggänger schiebt beiseite!«). Warum aber der Manager, der während seiner 70-Stunden-Woche unermüdlich danach strebt, den Ausbeutungsgrad seiner Angestellten weiter zu erhöhen, oder der dauerwache Broker, der angestrengt nach Wegen und Mitteln sucht, seinen Börsengewinn zu steigern (ein Gewinn, der zwingend Verlust, Armut und Elend irgendwelcher armen Teufel auf der anderen Seite bedeutet) gegenüber den Playboys und Bonvivants die angenehmeren Figuren sein sollen, hat sich nie so recht erschlossen.

Marx jedenfalls hatte gegen die Muße nicht nur keine Einwände, sondern wertete deren Vorhandensein in einer Gesellschaft als Index ihres Reichtums und ihrer Freiheit. Ein von ihm zustimmend zitierter Ökonom schrieb: »Eine Nation ist wirklich reich, wenn sechs statt zwölf Stunden gearbeitet wird. Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts.« Marx ergänzte: »Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern zum enjoyment, zur Muße, so dass sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt. Die Zeit ist der Raum für die Entwicklung der faculties etc«.

Der Stand der Produktivkräfte ermöglichte längst, den stets wachsenden gesellschaftlichen Reichtum vermöge einer immer geringer werdenden Verausgabung menschlicher Arbeitskraft zu erzeugen. Wo allerdings »nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden«, gilt das Gesetz: »Je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung« (Marx). John Maynard Keynes sah für das Jahr 2030 »Drei-Stunden-Schichten oder eine 15-Stunden-Woche« voraus. Seine größte Sorge galt der Frage, wie die Menschen ihre Freizeit ausfüllten.

Weit entfernt von Keynes Prognose verschwimmt in der heutigen Kreativ-, Event- und Spaßgesellschaft die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit vollends, Muße ist zur »Quality Time« pervertiert. Man hängt am Strand nicht mehr einfach nur ab, spielt Skat oder hält Siesta, sondern surft und taucht, was das Zeug hält. Man geht nicht bloß spazieren, sondern walkt wie bescheuert gegen die Uhr durch den Wald. Das ist nicht das Reich der Freiheit.

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