Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 15 / Antifa

»Nazijäger« von Format

Von Jana Frielinghaus
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Erardo Rautenberg im April 2017 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Brandenburg

Er war ein typischer Wessi: Gleich vielen ritt er nach 1990 ins ehemalige DDR-Gebiet ein, um den Ostdeutschen Demokratie beizubringen – und Angehörige von Behörden des untergehenden Staates gegebenenfalls strafrechtlich zu verfolgen. Zugleich war Erardo Cristoforo Rautenberg, geboren 1953 in Argentinien, aufgewachsen in der Bundesrepublik, dann doch nicht so typisch. Denn er war persönlich integer – und vor allem in der Lage, Vorurteile zu revidieren, gerade in bezug auf die DDR. In der Nacht zum 18. Juli erlag der Jurist, der von 1996 bis zum Frühjahr dieses Jahres Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg war, einem Krebsleiden.

1992 kam er nach Brandenburg und wurde zunächst in Potsdam Leiter der »Schwerpunktabteilung für DDR-Bezirkskriminalität und -Justizunrecht«. Später bezeichnete er sich mal selbstironisch als »eine Art Großinquisitor«. Im Dezember 1993 wurde er als Leitender Oberstaatsanwalt ins nordbrandenburgische Neuruppin versetzt, und hier begann die Zeit, in der er sich einen Namen als »Nazijäger« machte. Denn anders als andere Strafverfolger in Ostdeutschland ging er mit Konsequenz und Härte gegen rechte Gewalttäter vor. Angriffe auf Ausländer und Linke häuften sich im Brandenburg der 1990er Jahre. Einen »Flächenbrand fremdenfeindlicher Straftaten« habe er erlebt, schrieb Rautenberg über seine Zeit in Neuruppin. Morddrohungen von Neonazis gegen ihn blieben nicht aus. In einem Interview mit dem Tagesspiegel forderte Rautenberg im Juli 1996 ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen die »menschenverachtende rechte Gewalt«, das »nicht nur den sogenannten Durchschnittsbürger einbezieht, sondern vom stramm Konservativen bis zum autonomen ­Spektrum reicht«.

Allein das brachte ihm den Protest des gesellschaftlichen Mainstreams ein, der auch damals dominiert war vom Dogma, dass »Rot gleich Braun« bzw. »Linksextremismus« genauso gefährlich sei wie »Rechtsextremismus«. Der Rechtsanwalt und ehemalige DDR-»Regimekritiker« Rolf Henrich warf ihm gar vor, die Gewalt von rechts zu dramatisieren. Rautenberg rede »über eine verschwindende Minderheit Jugendlicher und Heranwachsender und deren ›gewalttätigen Rechtsextremismus‹ wie über eine soeben auferstandene SA«, empörte sich Henrich 1996 in der Neuen Juristischen Wochenschrift. Damals waren in Brandenburg bereits mehrere Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe brutal angegriffen und schwer verletzt worden. Im brandenburgischen Eberswalde war bereits Ende 1990 der Angolaner Amadeu Antonio von jugendlichen Skinheads totgeschlagen und -getreten worden – unter den Augen von 20 untätigen Polizisten. Die Täter wurden lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu maximal vier Jahren Haft verurteilt. Rautenberg kritisierte genau solches Verhalten von Staatsorganen öffentlich. Und er prangerte die Kumpanei von Verfassungsschutz und als V-Leute bezahlten neofaschistischen Gewalttätern an.

Die Anwendung des Begriffs »Unrechtsstaat« auf die DDR lehnte der Jurist, anders als etwa der Linke-Politiker Bodo Ramelow, ab – obwohl er mit ihr definitiv nichts am Hut hatte. Und Rautenberg pflegte Kontakte mit Andersdenkenden: Im März 2007 stellte er auf einer Veranstaltung in Potsdam das Buch »Völkermord statt Holocaust – Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR« von jW-Autor Matthias Krauß vor. Sein Resümee: »die Wessis« müssten sich »damit abfinden, dass ihnen nach der Lektüre ein Klischee über die DDR abhanden gekommen sei. Der Autor habe den Vorwurf widerlegt, das Schulsystem des anderen deutschen Staates sei »antisemitisch gewesen« und ebenso die Behauptung, die Nazizeit sei dort unzureichend aufgearbeitet worden.

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