Aus: Ausgabe vom 25.07.2018, Seite 7 / Ausland

Koloniale Überheblichkeit

Niederländischer Außenminister bezeichnet Surinam als »gescheiterten Staat«

Von Gerrit Hoekman
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Antineoliberaler Protest: Demonstration gegen ein Abkommen zwischen Internationalem Währungsfonds und Präsident Desi Bouterse am 2. Juni 2016 in Paramaribo

Kann eine multikulturelle Gesellschaft friedlich zusammenleben? Nein, findet der niederländische Außenminister Stef Blok. Zumindest kenne er kein Beispiel dafür. Surinam zum Beispiel, sei nur deshalb ein »failed state«, ein gescheiterter Staat, weil es zu viele Ethnien gebe. Am Wochenende entschuldigte sich Blok zwar für die Aussage, doch die Diskussion sei noch lange nicht beendet, vermutete die Tageszeitung Trouw am Montag.

Am gleichen Tag veröffentlichten 60 bekannte niederländische Künstler, Journalisten, Schriftsteller und Wissenschaftler einen offenen Brief in der Zeitung Volkskrant: »Politiker unserer Regierungsparteien scheinen es immer normaler zu finden, aktiv zu einer Zweiteilung der Gesellschaft aufzurufen«, warnen sie. »Aussagen, die vor zehn, 20 Jahren undenkbar waren, werden nun locker aus dem Ärmel geschüttelt.«

Bloks Aussagen waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Er machte sie am 10. Juli während einer geschlossenen Veranstaltung für Niederländer, die bei internationalen Organisationen arbeiten. Blok sprach per Videoschalte über das Thema Migration. Einer der 80 Teilnehmer spielte dem TV-Magazin Zembla eine Aufnahme des Treffens zu, die am vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die surinamesische Regierung reagierte wütend auf die »verächtlichen und destabilisierenden« Äußerungen, hinter denen sie Neokolonialismus wittert. Bis 1975 war Surinam eine Kolonie der Niederlande. Das Königreich verschleppte bis 1826 Abertausende Afrikaner nach Surinam, wo sie als Sklaven auf den Plantagen der Niederländer arbeiten mussten: Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle und Kakao. 37 Prozent der heutigen Bevölkerung von Surinam stammen ursprünglich aus Afrika.

Als die Sklaverei 1863 endgültig verboten wurde, entstand ein Arbeitskräftemangel, den die Plantagenbesitzer angingen, indem sie Vertragsarbeiter aus Britisch-Indien anwarben. Sie machen 27 Prozent der Bevölkerung in Surinam aus. Ferner sind die Javaner eine bedeutende Minderheit. Sie wurden ebenfalls angeworben. »Die Niederlande haben gerade in Surinam mit ihrer Teile-und-herrsche-Taktik die Gruppen gegen einander ausgespielt«, kritisierte die VSN, die Vereinigung der rund 500.000 in den Niederlanden lebenden Surinamer, am Freitag laut der Zeitung Het Parool.

Er habe das nicht sagen dürfen, schrieb Blok in einem Brief an Surinams Außenministerin Yldiz Pollack-Beighle. Das Verhältnis zwischen den Niederlanden und der ehemaligen Kolonie ist nicht das beste, seitdem Desi Bouterse 2010 zum Präsidenten des südamerikanischen Staates gewählt wurde. Er soll 1982 während der Militärdiktatur an der Hinrichtung von 15 Oppositionellen beteiligt gewesen sein. In den Niederlanden wurde Bouterse zudem wegen Drogenhandel in Abwesenheit zu elf Jahren Haft verurteilt.

In den Niederlanden schlägt das Thema immer höhere Wellen. Sogar Teile von Bloks rechtsliberaler Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) schütteln den Kopf. »Die Aussagen sind plump«, zitierte Trouw am vergangenen Mittwoch den außenpolitischen Sprecher der Fraktion, Han ten Broeke. Parteichef und Premierminister Mark Rutte hat bisher noch nicht reagiert. Er urlaubt am Bodensee.

Am Freitag hatten sich auch noch die Mitarbeiter des Außenministeriums zu Wort gemeldet: »Unser Beruf, die Diplomatie, basiert auf den Umstand, dass verschiedene Nationen und Kulturen friedlich zusammenarbeiten können«, heißt es in ihrem Statement. »Wir wünschen uns, dass unser Ministerium diesen Gedanken widerspiegelt.«

Lob bekam der Außenminister allerdings auch: Rechtspopulist Geert Wilders findet Bloks Aussage super. Er bot ihm am Wochenende auf Twitter den Ministerposten für Monokultur in seinem Kabinett an, sollte er eines Tages Regierungschef werden.


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