Aus: Ausgabe vom 23.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Der Killer und die Wüste

Stefano Sollimas Kartell-Thriller »Sicario – Day of the Soldado« findet Bilder für eine Welt im permanenten Bürgerkrieg

Von Peer Schmitt
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»Ihr wollt Afghanistan? Könnt ihr haben.« Geheimdienstmann Matt Graver (Josh Brolin) will den Krieg in die Kartelle tragen

Im ersten »Sicario«- Film von Denis Villeneuve gibt es einen bemerkenswerten Showdown. Die, wenn man so will, Titelfigur Alejandro Gillick (Benicio Del Toro) – ein ehemaliger Jurist, dessen Ehefrau und Tochter im Auftrag eines der mexikanischen Drogenkartelle ermordet wurden – ist selbst zum Killer geworden und auf dem Rachetrip. Er besucht den Kartellboss, der für die Morde verantwortlich ist, beim Abendessen mit dessen Familie. Er erledigt sie alle, ohne mit der Wimper zu zucken. Vorher muss er sich von dem monströsen Drogenboss noch eine empfindliche Frage stellen lassen: »Glaubst du wirklich, dass die, für die Du jetzt arbeitest, besser sind als wir?«

Diejenigen aber, für die Gillick in jenem Augenblick gearbeitet hat, sind Angestellte der US-Regierung, die im »Krieg gegen die Drogen« zu offensichtlich illegalen Methoden gegriffen haben. Ein altes Grundmotiv des Polizeifilms: Wie gefährlich, korrupt, brutal, ungesetzlich, sprich effektiv ist die Polizeiarbeit eigentlich selbst? Die Del-Toro-Figur wiederum ist älter: der Rächer, der im Vollzug der Rache zu einer Art Zombie wird, jenseits des eigenen symbolischen Todes und jenseits von Gut und Böse. Er hat so viele unsagbare Grausamkeiten gesehen, erlebt und begangen, dass ihn der bekannt tückische Hegelsche Dreh, das Böse sei nirgendwo anders zu finden als eben dort, von wo aus nichts als nur Böses mehr gesehen wird, bereits nichts mehr anzugehen scheint.

Oder vielleicht doch? Da war noch ein Wimpernzucken, waren noch Fragen individueller Schuld und Verantwortung wie bei den Rächerfiguren, die so viele Western und Polizeifilme von jeher bevölkert haben. Es gab noch Reste alttestamentarischer Simplizität (»Auge um Auge«), auch wenn die Nightscopebilder vom Schlachteinsatz, die Hubschrauberflotte am Horizont, die Panzerpatrouille in der Wüste, kurzum: prototypische Bilder gegenwärtiger Kriegseinsätze, den Film stellenweise bereits dominierten.

In der Fortsetzung »Sicario 2« (»Sicario – Day of the Soldado«) des italienischen Mafia-TV-Serien-Regisseurs Stefano Sollima ist die Dominanz der Kriegsbilder nun total geworden. Auch die Zombiehaftigkeit der Del-Toro-Figur wird endgültig. Man lässt den Killer in der Wüste zurück, nachdem man ihm in den Kopf geschossen hat. Der Schuss war nur ein weiterer lediglich symbolischer Tod. Gillick steht auf und macht weiter, so mechanisch wie anachronistisch. Was geschieht mit den Subjekten, die in Folterkellern und Bunkern leben, die schwere Waffen und Panzerwesten tragen und in gepanzerten Fahrzeugen herumfahren? Sie zombifizieren samt ihrer gekerbten »stoischen« Männlichkeit. Das gilt für alle Beteiligten: Geheimagenten, Juristen, Polizisten, Soldaten genauso wie für die Drogen- und Menschenschmuggler. Sie sind sich allzu ähnlich: bereits »im Jenseits«.

Der »Krieg gegen die Drogen« an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze ist grenzenlos geworden, eine geopolitische Angelegenheit. Piraten in Somalia, Dschihadisten im »Mittleren Osten«, Terroranschläge auf US-amerikanischem Boden, die mexikanischen Drogenkartelle – das alles scheint irgendwie zusammenzugehören und droht in einem permanenten globalen Bürgerkrieg zu verschmelzen. Man muss nur die Eier haben, den auch durchzuziehen und durchzustehen, denkt sich Josh Brolin als Geheimdienstmann, der im ersten wie nun im zweiten Teil Del Toro für die ganz groben Sachen engagiert: »Ihr wollt Afghanistan? Könnt ihr haben.«

Der geopolitische Terrorplot ist dabei einigermaßen konfus. In den USA haben dschihadistische Terroristen die heilige Stätte der universellen Geldreligion, einen Supermarkt, hochgehen lassen. In Somalia verhört (sprich foltert) Brolin einen Piraten, von dem er vermutet, er kenne die Hintermänner. Er zeigt ihm ein Livesatellitenbild seines Hauses, das er jederzeit mit einer Drohne zu Staub bomben könne. Eines der vielen signifikanten Kriegsbilder in dem Film. Im US-Außenministerium hat man derweil einen gewieften Plan geschmiedet. Das Hauptgeschäft der Kartelle seien nunmehr nicht mehr die Drogen, sondern der Menschenschmuggel. Keine unbedingt neue Idee, schon gar keine speziell »trumpistische«, wie manche vielleicht denken mögen. Sie war bereits in der Sicherheitspolitik der Regierung George W. Bushs explizit, ist im Grunde aber noch älter. Im Film verfolgt die US-Regierung nun eine verschärfte Strategie: Sie will den Krieg in die Kartelle selbst treiben und entführt zu diesem Zweck die sechzehnjährige Tochter (Isabela Moner) eines der Kartellbosse.

Natürlich läuft die Operation aus dem Ruder. Während der geplanten Geiselrückgabe kommt es zu einem verheerenden Gefecht mit der mexikanischen Polizei. Alles muss abgeblasen und vertuscht werden, was u. a. dazu führt, dass Del Toro und das Mädchen alleine in der Wüste zurückbleiben, um schließlich die Tatsache der Grenze und ihrer Überwachung wieder unmittelbar physisch zu erfahren. Es sind die besten Szenen des Films, in denen Del Toro bezeichnenderweise auf die »unmittelbare« Gebärdensprache zurückgeworfen wird, während er bei einem taubstummen Bauern Unterschlupf für sich und die Geisel sucht: Die Grenze setzt und »reduziert« die Zeichen.

Vorher hat man noch das eher konventionelle Kriegsbild einer Kolonne von gepanzerten Fahrzeugen aus der Vogelperspektive gesehen. Unten in einem der Panzerfahrzeuge sitzt die Geisel und sagt zu Josh Brolin: »Ihr seid ja gar keine Polizisten, ihr seid Soldaten.« Diese Ununterscheidbarkeit ist die Wahrheit gegenwärtiger Kriegsbilder. Die Frage ist nur, ob man dahinter den Hobbesianischen totalen Bürgerkrieg sieht, mit denen die US-amerikanischen Neokonservativen die gesamte Welt übersäen wollen. Oder eben jenes »gespenstische« Wesen der Polizei jenseits gültiger Rechtsordnung, wie es bereits Walter Benjamin in »Kritik der Gewalt« beschrieben hat: »Das ›Recht‹ der Polizei bezeichnet im Grunde den Punkt, an welchem der Staat, sei es aus Ohnmacht, sei es wegen der immanenten Zusammenhänge jeder Rechtsordnung, seine empirischen Zwecke, die er um jeden Preis zu erreichen wünscht, nicht mehr durch die Rechtsordnung sich garantieren kann.« Sondern durch: Überwachung und Krieg.

»Sicario«, »sicarius« bedeutet in unserer Sprache »Meuchelmörder«.

»Sicario 2«, Regie: Stefano Sollima, USA/Italien 2018, 123 min, bereits angelaufen

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