Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 8 / Ansichten

Belogene und Betrogene des Tages: DDR-Bürger

Von Sebastian Carlens
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Eine ganze Reihe Leute behauptet, die DDR eigenhändig zu Fall gebracht zu haben. Kohl, Biermann, Gauck. Sie irren sich – alle. Es war ganz anders, und Schuld trägt eindeutig Herr Neckermann.

Der Kaufmann hat die »Urlaubsreisen für jedermann« erfunden und 1962 in sein Programm, den berühmten und nach ihm selbst benannten Katalog, aufgenommen. Übertrieben war das nicht, wenn man an den Ausgang der Sache denkt. Ein Jahr vor Neckermanns Idee hatte die DDR ihre Staatsgrenze geschlossen. Doch Funk, Fernsehen und der genannte Katalog fanden ihren Weg nach »drüben« – und weckten dort die absurdesten Sehnsüchte. Was konnten diese Westdeutschen nicht alles: sich in der Karibik ins Koma saufen, Kartoffelbrei in Italien bestellen und den keuchenden Käfer auf die Pyrenäen quälen. Unbegrenzte Möglichkeiten!

Sicher, auch der Osten hatte Urlaub; Fichtelberg und Rennsteig haben ihren Reiz. Am Balaton war es nicht schlechter als in Magaluf, und der Rosenthaler Kadarka macht – mindestens – einen Schädel wie ein Eimer Sangria. Doch der Mensch begehrt, was er nicht hat. Das hatte dafür Neckermann.

Jetzt haben die Ostdeutschen die DDR nicht mehr, und Neckermann hat seinen Zweck ebenfalls erfüllt – das Unternehmen wurde vom Multi Thomas Cook aufgekauft. Mit dem Urlaub für jedermann ist es auch so eine Sache: Im Westen darf man zwar alles, aber man muss es noch lange nicht können. Jeder sechste Deutsche kann sich keinen Auslandsaufenthalt leisten, besagen Daten des Statistikamts Eurostat. Das sind ungefähr so viele Menschen, wie die DDR Bürger hatte.

Das stand so nicht im Kleingedruckten. Schöne neue Welt, auch für Hartz-IV-Aufstocker: »Sofern die Bezieher von Grundsicherung sich das leisten können, können sie auch ins Ausland verreisen«, teilt das Jobcenter mit. In dem Wörtchen »sofern«, da steckt der ganze Kapitalismus drin.

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Debatte

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  • Beitrag von günther d. aus b. (20. Juli 2018 um 16:55 Uhr)

    Der Beitrag enhält eine ordentliche Portion kritischen Sarkasmus. Er liest sich leicht und mit spitzbübisch verkniffenen Lippen. Dass die Biermänner, Kohltüten und vor allem auch auch der Gaukler so herrlich in die Ecke verdreht worden sind, finde ich excellent. Statt dessen ist der kapitalistischen Wundertüte – dem Neckermann – der Ehrenhut für die Befreiung der unterdrückten, versklavten »Ossis« aufgesetzt worden. Ganz herrlich diese Idee. Dem Autor gehört mindestens ein Doktorhut einer Fakultät der schreibenden Zunft. Damit diese Würde ihren vollen P-A-Knall erfüllt, sollte der Hut mit einer goldenen Schleife – gewissermasen um die Einmaligkeit zu dokumentieren – geschmückt werden.
    Ja, und was macht man nun mit diesem Helden – Verursacher einer friedlichen Konterrevolution –, den nun eín anderer Riese geschluckt hat? Eigentlich beweist dieser Vorgang doch, dass der Marxismus manchmal doch recht hatte mit seiner Behauptung, dass in diesem menschenfreundlichsten System – dem Kapitalismus – einer den anderen frisst. Er muss nur die Gelegenheit finden und einen gesunden Appetit besitzen.

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