Aus: Ausgabe vom 19.07.2018, Seite 12 / Thema

»Um Rock ’n’ Roll zu spielen für euch«

Hunderttausende pilgerten vor 30 Jahren nach Berlin-Weißensee. Das größte Rockkonzert der DDR am 19. Juli 1988 mit Bruce Springsteen und der E Street Band wird heute von Geschichtsklitterern eifrig missgedeutet

Von Michael Merz
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Gitarrist Nils Lofgren, Bruce Springsteen und Saxophonist Clarence Clemons auf der Radrennbahn Weißensee. »Das Ende der wogenden Masse war von der Bühne aus nicht zu erkennen«, schreibt der nachhaltig beeindruckte US-Rockstar in seiner Autobiographie

Dieses Konzert wurde nach 1990 grundsätzlich uminterpretiert. Grau in Grau sollte ab sofort das Bild der DDR sein – auch in der Historiographie spektakulärer Großereignisse. Dass die Menschen, die in der sozialistischen Republik lebten, Spaß haben konnten, darf einfach nicht sein. Bruce Springsteen spielte das größte der Megakonzerte des Sommers 1988. James Brown, Joe Cocker, Depeche Mode waren in diesem Jahr im Osten, und noch einige mehr. Und ja, die Urgewalt dieser Konzerte mit Hunderttausenden Zuschauern war etwas Neues zwischen Ostsee und Vogtland. Dass sie in den späten 80ern wie selbstverständlich über die Bühne gingen, zeigte, was alles möglich geworden war. Und jeder hatte die Chance dabeizusein. Springsteen zu einem Sargnagel der DDR zu deklarieren – in Fernsehdokus, Radiosendungen und Büchern wird regelmäßig behauptet, er habe die Initialzündung zur Maueröffnung gegeben – ist eine der abwegigen Deutungen der Aufarbeiter.

Zu jener Zeit war Springsteen einer der größten Rockstars der westlichen Welt und seine Musik bereits zwei Jahre zuvor auf den Plattentellern der DDR gelandet. An einem Nachmittag des Jahres 1986 wollte ich, damals zehn Jahre alt und in der südlichen Peripherie der DDR aufwachsend, ins Kino gehen. Ich sah etliche Leute vor dem örtlichen Musikladen anstehen. Es gab was von Elvis und eine Scheibe mit subversivem Cover: ein jeansumhüllter Hintern vor den Streifen des Sternenbanners – die Amiga-Lizenzpressung von »Born in the U. S. A.«. Den King ließ ich links liegen und griff zum Boss. Jugendradio DT 64 versorgte unsere Kassettenrekorder später noch mit einigen weiteren seiner Alben in voller Länge, wie »Darkness on the Edge of Town«, und in Polen gab es schließlich den »Born in the U. S. A.«-Nachfolger »Tunnel of Love« zu kaufen. Ich jedenfalls war on fire.

Superprojekt der FDJ

Hermann Falk steht eher auf Klassik. Wenn er von Menuhin, Bernstein und Karajan erzählt, leuchten seine Augen. Er hat in den 70ern, als er die Band Omega das erste Mal in Budapest live erlebte, ordentlich was auf die Ohren gekriegt und stellte sich deshalb nie wieder vor eine Boxenwand. »Aber Springsteen habe ich genossen, wie kaum ein anderes Rockkonzert.« Hermann Falk war einer derer, die 1988 die Superstars in die DDR holten. Mit nur einer halben Million D-Mark pro Jahr in der Tasche – für die gesamte DDR und alle Genres, wie der einstige Generaldirektor der Künstleragentur betont. »Heute bekommst du für diese Summe gerade mal ein Konzert auf die Beine gestellt«, erzählt der agile 82jährige. Es waren nicht nur die riesigen Events. »Die ganzen Kulturhäuser, Konzertbühnen und Theater wollten ja Programm haben.« Weltstars aus Unterhaltung und Klassik seien häufig in der DDR unterwegs gewesen, Hotspots gab es viele – das Gewandhaus, die Semperoper, den Palast der Republik. »Kein Künstler ist wieder weggefahren, der nicht begeistert war vom Publikum und seiner Energie, das hat sich im Westen rumgesprochen.« Und manchmal tat es auch Meißner Porzellan als Gage. Fritz Rau, der legendäre Konzertveranstalter mit vielfältigen Verbindungen in den Osten, habe ihn damals angesprochen und auf Springsteens Ambitionen, in der DDR zu spielen, aufmerksam gemacht. Falk erwiderte ihm: »Den kann ich nicht bezahlen, aber die FDJ ist verrückt darauf.« Die Jugendorganisation fungierte als Organisator und Mädchen für alles bei solchen Superprojekten. Westmark oder Dollars hatte Falk nicht übrig, dafür aber bereits das Go von Egon Krenz für das Gastspiel. Bruce Springsteen habe schließlich eine stattliche Summe in Mark der DDR bekommen. Wieviel genau, verrät Hermann Falk bis heute nicht, aus Prinzip.

Im Sommer ’88 ging alles ganz schnell. Mir selbst fiel die Kinnlade runter, als ich während der Schulferien im Fernsehen eine Verlosungsaktion verfolgte: Plötzlich gab es Bruce-Springsteen-Tickets für ein Konzert auf der Radrennbahn Weißensee zu gewinnen. Nur wenige Tage später sollte es stattfinden! Hermann Falk hatte ein paar Wochen zuvor Jon Landau auf dem Westberliner Flughafen Tegel getroffen. Der Springsteen-Manager drückte ihm ein dickes Pamphlet in die Hand und gab Falk eine Stunde Zeit, es zu unterschreiben. Sonst werde aus dem Konzert nichts. »Es war der erste Vertrag, den ich nicht im Detail gelesen habe, nur das Wichtigste, und dann setzte ich meine Unterschrift drunter.« Der Verstoß gegen die Vorschriften sorgte bei Hermann Falk für ein flaues Gefühl im Magen, aber er war zuversichtlich. Landau fragte ihn noch, ob Springsteen eine Begrüßungsrede auf der Bühne halten dürfe. »Das erwarten wir sogar, war meine Antwort.« Die kurze Ansprache sollte später für Wirbel sorgen.

Es ist nicht auf die für viele Konzertbesucher enttäuschend wirkende künstlerische Leistung Bob Dylans 1987 im Treptower Park zurückzuführen, dass die Wiese neben dem Sowjetischen Ehrenmal nach dessen Auftritt als für künftige Großkonzerte ungeeignet befunden wurde. 70.000 Menschen hatten vom Rasen wenig übrig gelassen, und der Stau auf einer der Hauptverkehrsadern, dem Adlergestell, war verheerend. Der Polizeipräsident der Hauptstadt schlug ein neues Areal vor: die Radrennbahn in Weißensee. Seine Bewährungsprobe bestand das Gelände mit einem mehrtägigen Festival im Juni ’88, bei dem sich internationale und nationale Musiker die Klinke in die Hand gaben. Zwei Jahre später, zur Zeit des Abgesangs auf die DDR, fand hier schon wieder das letzte Konzert statt – die Rolling Stones hatten ihre pompöse »Steel Wheels«-Bühne aus den USA eingeschifft und verkauften ihre Tickets bereits teuer gegen D-Mark.

»Konzert für Nikaragua«

In Weißensee ist heute von der temporären Pilgerstätte für Rockfans nichts mehr zu erkennen. Baumarkt, Autohäuser, Kleingärten – gesichtsloses Randberlin. Der Eingangsbereich der in den 50er Jahren erbauten Rennbahn rottet vor sich hin. Die Baracken mit den einstigen Kassenschaltern stehen neben rostenden schmiedeeisernen Toren. Hermann Falk geht hindurch und erinnert sich an den zweiten Grund für ein grummeliges Bauchgefühl, das er mit Springsteens Auftritt verbindet – das »Nicaragua-Problem«, eine große Kontroverse im nachhinein. »Damals wurde jedes Konzert mit einem Motto versehen«, erklärt Falk: Gegen Apartheid, für ein atomwaffenfreies Europa oder am 7. März, als Depeche Mode spielten, als Geburtstagskonzert der FDJ. Da am 19. Juli der Jahrestag des Sieges der sandinistischen Revolution von 1979 war, bekam Spring­steens Auftritt von naiv-eifrigen FDJ-Funktionären das Label »Konzert für Nikaragua«. Einige von ihnen behaupten heute, sonst wäre es nicht »von oben« abgesegnet worden. Hermann Falk sieht das anders: »Das wäre auch so gelaufen. Und die FDJ hätte wissen müssen, dass die US-Botschaft in der DDR genauestens über die Veranstaltung informiert sein würde.« Schließlich führten die USA einen blutigen verdeckten Krieg in dem mittelamerikanischen Land.

Aufgeflogen war die nicht abgesprochene Etikettierung, als Springsteen mit seinen Musikerkollegen von der E Street Band am 18. Juli im Foyer des Grand Hotels an der Friedrichstraße saß. Da war schon die halbe Stadt mit Postern und Plakaten zugepflastert, auf 120.000 verkauften Tickets für jeweils 20 Mark stand die Losung geschrieben. Ein FDJler begrüßte den Rockstar zur Ankunft überschwenglich und lobte ihn für seinen Einsatz im Sinne Nicaraguas. Management und Entourage im Hintergrund waren not amused. »Springsteen saß in der Klemme, wollte das Konzert aber unbedingt spielen«, sagt Hermann Falk, der sich sicher ist, dass die US-Botschaft darauf gedrungen habe, das Konzert abzusagen. Die FDJ soll noch Überredungsversuche gestartet haben, das Motto sei vergleichbar mit einem »Konzert für Pepsi« in den USA. Nach dem Hinweis, dass Springsteen auch für den Getränkekonzern nicht spielen würde, ließ Manager Jon Landau die FDJ ausschwärmen. Jegliche Plakate mit den Aufdrucken »Konzert für Nikaragua« oder »Nikaragua im Herzen« wurden entfernt. Die Tickets waren verständlicherweise weiter im Umlauf. Letztlich mussten auch die Planen für die riesige Bühne dran glauben, so dass diese letztlich eher die Anmutung eines nackten Baugerüsts hatte. Jon Landau äußert sich zu dieser Situation mit der FDJ, dem sozusagen örtlichen Veranstalter, eher beschwichtigend: »Das waren sehr vernünftige und professionelle Leute. Nachdem wir die Sache aus unserer Sicht erklärt hatten, waren sie sehr entgegenkommend.«¹ Die späteren medialen Interpretationen des Vorfalls nehmen hingegen teils hochdramatische Züge an. Im Konzertpublikum fanden sich übrigens am nächsten Tag durchaus einige US-Diplomaten ein, und auch solche aus Nicaragua.

Wie man Rockkonzerten ein politisches Mäntelchen überhilft, wurde vom Westberliner Senat und dem Veranstalter Peter Schwenkow, CDU-Mitglied, in geradezu fahrlässiger Weise vorexerziert. Als Ort für das »Concert for Berlin«, ein dreitägiges Festival unter anderem mit David Bowie und Genesis im Juni 1987, wählten diese ganz bewusst die Wiese vor dem Reichstag. Das ganz große Besteck an Beschallung musste dafür her. Bei den vorhersehbaren Randalen zwischen Zuhörern und Volkspolizisten auf der Ostseite der Grenze waren die Kameras aus dem Westen vorn dabei, die Nachrichten voll mit ihren Bildern. Peter Schwenkow erklärt heute unverhohlen: »Jeder in der DDR wusste, dass diese Konzerte direkt an der Mauer stattfinden. Das war schon durchaus eine interessante Provokation, mal auszuprobieren, ob man hier direkt an der Berliner Mauer so eine Veranstaltung machen kann.«² Auch Schwenkow, der sich später mit dem Bundesverdienstkreuz schmücken durfte, hatte seinen Segen von oben bekommen. Das Konzertgelände sei am Reichstag errichtet worden, so gibt es der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen heute großherzig zum besten, »damit auch die Bürgerinnen und Bürger im Ostteil der Stadt zuhören konnten«. Einen Monat vor dem Springsteen-Konzert in Weißensee, drehten die kalten Krieger auf der Reichstagswiese erst richtig auf. Die Dezibel wurden für das Bombastkonzert von Pink Floyd am 16. Juni 1988 nochmals erheblich gesteigert und zusätzliche Boxentürme in Richtung Mauer ausgerichtet.

Backgroundsängerin Patti Scialfa, Bruce Springsteen und Künstler
Backgroundsängerin Patti Scialfa, Bruce Springsteen und Künstleragenturchef Hermann Falk (mittlere Reihe v. l.) nach dem Konzert in Berlin-Weißensee

Ohne Blessuren

All dies war am 19. Juli nebensächlich. Die Wetterprognose versprach den perfekten Tag für ein Open Air: Nicht zu heiß, ein paar Wölkchen, aber sonst Sonnenschein, kein Sturm. Die ganze DDR war plötzlich voller Springsteen-Fans, die es an diesem Dienstag aus allen Teilen des Landes nach Berlin zog. Auch die, die keine Gelegenheit hatten, eine Karte zu kaufen, hatten sich auf den Weg gemacht. Die Züge und Bahnhöfe waren überfüllt. Auf den Autobahnen reihte sich Trabi an Wartburg und die Zufahrtsstraßen nach Weißensee waren völlig verstopft, ab dem S-Bahnhof Greifswalder Straße ging gar nichts mehr. Viele parkten ihr Auto irgendwo und liefen zu Fuß weiter. Es sollte nicht nur das größte Konzert, sondern auch der größte Verkehrsstau der DDR werden. Selbst Springsteens Mercedes hatte Probleme, durchzukommen, nachdem die Hauptperson des Abends sich ausgiebig außerhalb der Innenstadtbezirke über das Leben in der DDR informiert hatte. Sein Fahrer wäre beinahe an einem renitenten Verkehrspolizisten gescheitert, dem es egal gewesen sein soll, wer im Fond saß.

Technische Mitarbeiter der FDJ hatten die Wochen zuvor mit viel Improvisationstalent ganze Arbeit geleistet. Eine Bühne dieses Ausmaßes gab es zuvor noch nicht in der Republik, sie soll aus Materialien für den Autobahnbrückenbau zusammengezimmert worden sein. Die Abdeckungen für die kilometerlangen Kabel kamen aus dem Tagebau. Sogar drei Videoleinwände für die, die in den hinteren Reihen nichts von der Band sehen konnten, wurden aufgestellt.

Im besten Sinne euphorisch war die Stimmung unter den Besuchern am Eingang. Die Ordner der FDJ gaben es nach und nach auf, die Tickets zu kontrollieren und schauten nur in die mitgebrachten Taschen, wenn überhaupt. Die Entscheidung, die Tore für alle zu öffnen, war schnell gefällt. Alle strömten auf die Radrennbahn. So drängten sich nach offizieller Lesart 160.000 Zuschauer beim Konzert, realistisch betrachtet waren es aber deutlich mehr. Dass viele Fans kommen würden, war auch Hermann Falk bewusst, aber was da passierte, überraschte auch den Künstleragenturchef. »Als ich auf dem Gelände ankam, kletterte ich zuerst mal auf einen der Türme und bekam einen Riesenschreck. Alle strebten in Richtung Bühne, dicht gedrängt in Wellenbewegungen. So was hatte ich noch nicht erlebt und danach auch nie wieder. Meine einzige Sorge war, dass das Ganze gut ausgeht«, erinnert er sich. Es sollte gutgehen, bis auf ein paar Ohnmachtsanfälle und Atemprobleme gab es während der ganzen fast vier Stunden Live-Konzert keine Verletzungen. »Ich bin heute noch begeistert, wie diszipliniert das doch ablief und jeder auf jeden achtgab. Wer nicht mehr konnte, wurde über die Köpfe der anderen zur Seite getragen«, sagt Falk.

Ein Eklat, der keiner war

Es war noch taghell, da kam plötzlich Spring­steen mit umgehängter Gitarre und schaute ungläubig. In seiner Autobiographie schreibt er über diesen Moment: »Vor mir auf einem offenen Feld stand die größte Menschenmenge, die ich je gesehen und für die ich je gespielt hatte. Das Ende der wogenden Masse war von der Bühne aus nicht zu erkennen.«³ Nach drei langgezogenen Akkorden und einem »It’s great to be in Eastberlin« stieg die Band mit »Badlands« ein. Die Wahl des treibenden und anklagenden Rocksongs aus den Spätsiebzigern gilt heute vielen als Indiz für eine versteckte Botschaft über die »Zustände« in der DDR, heißt es doch unter anderem darin: »I don’t give a damn for the same old played out scenes, I don’t give a damn for just the in-betweens.« Der Song war allerdings bereits zwei Tage zuvor für das Konzert in München nach langer Zeit wieder auf der Setlist gelandet und ist bis heute regelmäßig der Opener. Während der ersten vier Stücke in Weißensee versorgte die Band ihr Publikum mit für Springsteensche Verhältnisse harten Rocknummern: »Out in the Street«, einem Cover des John-Lee-Hooker-Titels »Boom Boom« und »Adam Raised a Cain« inklusive furios kreischender Gitarre. Bis nach ganz hinten ging die Post ab: Tanzende, mitklatschende und mitsingende Menschen, die Ferngläser und Transparente in den Händen hielten. Sprüche wie »Teltow grüßt den Boss« standen darauf, oft wurden auch selbstgemalte Sternenbanner mit Songtiteln geschwenkt. Letzteres war durchaus außergewöhnlich in der DDR. Die Sache mit den Fandevotionalien ist offenbar auch Erich Honecker zugetragen worden, der daraufhin nur erwidert haben soll: »Na und, der ist doch Amerikaner.«

Mit »The River« schaltete dieser Amerikaner im fünften Song einen Gang runter, danach gab er mit »Cover Me« wieder Vollgas und steuerte auf das zu, was gemeinhin als Eklat aufgebauscht wird. Sein Fahrer hatte ihm eine kleine Rede auf deutsch übersetzt, die sich Springsteen in Lautschrift auf einem Zettel notierte. Ersteren überkamen während der Show offenbar Skrupel, da in dem Text das Wort »Mauer« vorkam. Jon Landau lockte Springsteen, nachdem er davon erfahren hatte, während eines Instrumentalparts hinter die Bühne und gab ihm zu verstehen, er solle statt »Mauern« einfach »Barrieren« sagen. Nach den beiden Antikriegssongs »War« von Edwin Starr und dem aus Zehntausenden Kehlen inbrünstig mitgesungenen »Born in the U. S. A« nahm Springsteen das Mikrophon in die Hand, ging zum Bühnenrand und las mit breitem Grinsen vom Blatt: »Es ist schön, in Ostberlin zu sein. Ich möchte euch sagen, ich bin nicht hier für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock ’n’ Roll zu spielen für euch Ostberliner. In der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.« Im Anschluss stieg er mit der Band in Dylans »Chimes of Freedom« ein. Damit waren alle glücklich, auch der anwesende Egon Krenz. »Völlig in Ordnung, Barrieren, das konnte ja vieles sein, der Kalte Krieg zum Beispiel«, sagt Hermann Falk, der diese Ansprache sowieso für überbewertet hält. Trotzdem wurde der harmlose Redebeitrag in der zeitversetzten Übertragung des Konzerts im DDR-Fernsehen herausgeschnitten, was den Mythos um ihn eher verstärkt hat. In einer Umbaupause kam ein sichtlich zufriedener Bruce Springsteen auf einen der Reporter zu, bedankte sich während eines Interviews überschwenglich mit direktem Blick in die Kamera bei den Organisatoren des Konzerts. Er fühle sich »phantastisch« in der DDR aufgenommen und sei völlig überrascht gewesen, dass so viele seiner Fans textsicher alles mitsingen.

32 Songs sollte Springsteen bis spät in die Nacht hinein spielen. In der zweiten Hälfte des Konzerts stellte er seine ausdauernden Entertainerqualitäten unter Beweis, und die Party nahm mit zugkräftigen Hits ihren Lauf. Zu »Dancing in the Dark« holte er eine junge Frau auf die Bühne, die verständlicherweise völlig von den Socken war. »Born to Run« spielte er das erste Mal seit Jahren mit der Band. Nach Stunden spornte er immer wieder das Publikum an: »Seid ihr müde?!« Und zu »Twist and Shout« waren alle aus dem Häuschen.

Der anschließende Empfang in einem FDJ-Gästehaus in Weißensee war herzlich, Nicaragua längst vergessen. »Für einen Rockstar kam Springsteen sehr sympathisch und bescheiden rüber«, sagt Hermann Falk. Das größte und beste Konzert, das die Band je gegeben hätte, habe er geschwärmt. Wenige Monate später sollte Falk schon den nächsten dicken Fisch an der Angel haben: Michael Lang, den damaligen Manager von Joe Cocker und legendären Woodstock-Macher. Der plante zum 20. Jahrestag des Hippie-Festivals mit allen noch nicht dahingeschiedenen Künstlern von 1969 eine Tour durch vier Städte: New York, Paris, Moskau und die Hauptstadt der DDR. Doch der Sponsor sprang ab. Ausgerechnet Coca-Cola verhinderte ein Woodstock ’89 in Weißensee. »Das wär’s gewesen!« Aber stolz auf das Springsteen-Konzert ist Hermann Falk allemal.

Ich hatte es bedauerlicherweise nicht zum Konzert geschafft, das war mit zwölf auch schwierig. Mir blieb die Glotze. Erst vier Jahre später trat Springsteen wieder hierzulande auf, da war schon alles anders. Aber seine Konzerte blieben singuläre Ereignisse. Und Weißensee hat ihn nachhaltig beeindruckt, was er immer wieder zum Ausdruck bringt. Zuletzt 2012 mit einem Wizz-Jones-Song, den Springsteen nur einmal live im Berliner Olympiastadion spielte: »When morning comes and I leave Berlin. My mind is turning, my heart is yearning for you and Berlin.«

Backgroundsängerin Patti Scialfa, Bruce Springsteen und Künstler
Backgroundsängerin Patti Scialfa, Bruce Springsteen und Künstleragenturchef Hermann Falk nach dem Konzert in Berlin-Weißensee

Ein derart romantisch-positives Verhältnis zur DDR ist für Geschichtsklitterer nicht vermittelbar. Auch angesichts des Konzertjahrestags wurde dieser Tage schon wieder der Holzhammer ausgepackt. Diesmal stimmte Jochen Staadt vom »Forschungsverbund SED-Staat« an der FU Berlin die alte Leier an. Springsteen habe »mit Sicherheit dazu beigetragen, diese Stimmung, die 1988 war und die sich ’89 dann in den großen Demonstrationen artikuliert hat, diese Stimmung erheblich zu verstärken, dass hier was passieren muss«, meinte er am Mittwoch vergangener Woche in einem Feature von Deutschlandfunk Kultur. Stimmen von Leuten aus dem Osten, diesen Abend ohne Schaum vor dem Mund betrachtend, sind rar. Flake, Musiker bei Rammstein, bemerkt wohltuend nüchtern: »Ick denke nicht, dass das was damit zu tun hatte. Die DDR ist zusammengebrochen aus vielen Gründen. Ob da Bruce Springsteen im Osten war oder nicht.«²

Anmerkungen

1 Erik Kirschbaum, »Rocking The Wall«, Brühl 2013

2 »Mein Sommer ’88 – Wie die Stars die DDR rockten«, Film von Carsten Fiebeler und Daniel Remsperger, Dokfilm Fernsehproduktion GmbH im Auftrag des MDR

3 Bruce Springsteen, »Born To Run – die Autobiographie«, München 2016

Weiterführende Literatur

– Peter Ames Carlin: »Bruce«, Hamburg 2012

– Hermann Falk: »Zu Gast in der Welt – die Welt zu Gast«, Berlin 2015


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