Aus: Ausgabe vom 18.07.2018, Seite 16 / Sport

So lässt’s sich leben

Von André Dahlmeyer
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Kaum raus aus dem Mannschaftsbus, schon die Bombilla im Anschlag: Ehren-Uruguayo Antoine Griezmann

Einen wunderschönen guten Morgen! Da sind wir wieder! Dass hinter der Ein-Mann-Armee Nomadensportstudio ein heimatloser Gefühlsuruguayo steckt, wie eigentlich hinter jedem aufgeweckten Kopf, ist allgemein bekannt. Am Sonntag fühlten wir uns also so ein kleines bisschen weltmeisterlich, vor allem als der viel bekanntere Gefühlsuruguayo, Antoine Griezmann nämlich, sich nach dem Titelgewinn während der Pressekonferenz in eine Nationalflagge nicht etwa Frankreichs, sondern Uruguays einhüllte. Wir hatten es geschafft! Das deutsch-argentinische Nomadensportstudio und der Franzose Griezmann waren mit Uruguay zum ersten Mal Weltmeister geworden! Juchu!!

Auf Uruguay lässt Antoine, der nach unserer bescheidenen Meinung beste Kicker des Russland-Mundials, nichts kommen. Sein Team klemmte er sich unter den Arm, wie Eden Hazard das belgische und Luca Modric das kroatische, nur dass Griezmann nicht als Stürmer, sondern als Spiel­organisator agierte, also nicht auf seiner eigentlichen Position. Wo hatte er sich das abgeguckt? Klar, beim Uruguayo Diego Forlán, der bei der WM 2010 dasselbe machte und anschließend zum besten Spieler des Turniers gekürt wurde. Böse Zungen behaupten bis heute, dass Adidas dahinter steckte, dessen Katastrophenball »Jabulani« nicht zu kontrollieren schien. In Herzogenaurach war man deshalb wirklich froh, dass ihnen Forlán aus der Patsche half, denn er beherrschte den Jabulani nach Belieben – und das auch noch beidfüßig!

Bereits während seiner Zeit bei der Real Sociedad in San Sebastián avancierte Antoine Griezmann zum weltweit bekanntesten Matetee-Trinker. Das brachten ihm dort die Uruguayos Carlos Bueno, eine Stürmerlegende von Peñarol, und sein Trainer Martín Lasarte Arróspide bei. Lasarte ist Vereinsidol von Peñarols Erzrivalen Nacional. Als Verteidiger gewann er mit dem Klub aus Montevideo unter anderem die Copa Libertadores und den Weltpokal.

Das Matetrinken kann Antoine einfach nicht sein lassen. Mate (so heißt das Gefäß) und Bombilla (das Blechröhrchen, durch das der Sud getrunken wird) sind seitdem seine ständigen Begleiter. Wenn er aus dem Mannschaftsbus steigt, sieht man ihn mit der unter einen Arm geklemmten Thermosflasche und schon nuckelt er an der Bombilla. Ein Bild wie aus den Straßen Montevideos, denn während der Argentinier Matetrinker ist, ist der Uruguayo ein Mate-Fanatiker. Sollte Griezmanns Konterfei eines Tages auf einem Paket Yerba-Mate auftauchen, würde das niemanden wundern.

Die Uruguayos sind die sympathischsten Menschen der ganzen Welt und sie pflasterten Griezmann den Weg. So lässt’s sich leben. Atlético Madrids Innenverteidigung mit Diego Godín und José María Giménez ist uruguayisch und »Aleti«, das Team des argentinischen Trainers Diego »Cholo« Simeone, spielt genau wie die Celeste. Die Auswahl Uruguays hat zwei Sterne und die Gallier nun auch.

Auch in Argentinien hat Griezmann aufgrund seiner Freundschaft zu den Ländern des Río de la Plata viele Anhänger. Bei der WM hat er deren Nationalmannschaften mit formidablen Leistungen fußballerisch begraben, erst Argentinien, dann Uruguay. Sein Tor gegen die Silberländer hat der kleine Prinz gefeiert, das gegen Uruguay nicht, letzteres wird deshalb in die Fußballgeschichte eingehen. Obgleich die meisten Uruguayos, mit denen er zu tun hatte, von Nacional sind, ist Griezmann übrigens Mitglied des Arbeiterklubs Peñarol. Mitglied Nummer 100.000, um genau zu sein.

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