Aus: Ausgabe vom 17.07.2018, Seite 12 / Thema

Quälbarer Leib

Die Digitalisierung der Produktionsprozesse führt zur weiteren Verdichtung und Segmentierung der Arbeit. Dabei verlangt sie eine Zurichtung des Körpers im Dienste des Kapitals

Von Wolfgang Hien
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Arbeit am eigenen Körper zum Zwecke maximaler Ausbeutbarkeit. Massenyoga auf dem Times Square in New York

Der folgende Text ist die überarbeitete Fassung einer Passage aus Wolfgang Hiens Buch »Die Arbeit des Körpers«, das kürzlich im Wiener Mandelbaum-Verlag erschienen ist. Darin finden sich die vollständigen Angaben der hier zitierten Quellen. (jW)

Wenige Blicke in die empirische Wirklichkeit genügen, um zu sehen, dass Proklamationen, denen zufolge die immaterielle Produktion die materielle ablöse, von Weltfremdheit geschlagen sind. Ebenso entbehren Visionen, Überlegungen, Hoffnungen oder Befürchtungen hinsichtlich einer »menschenleeren Fabrik« immer schon jeder Grundlage. Derartige Proklamationen und Visionen suggerieren das Bild einer gleichsam körperlosen Arbeit. Zwar werden viele Arbeitsvorgänge in Entwicklung, Konstruktion, Produktion und Distribution mittlerweile computergestützt und teilweise selbststeuernd erledigt. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen: Alleine in der deutschen Automobilindustrie sind etwa 800.000 Beschäftigte – davon die Hälfte in der Produktion – und weitere 300.000 Arbeiterinnen und Arbeitern in der Zulieferindustrie tätig. Auch wenn weitere Arbeitsvorgänge durch Roboter ersetzt werden – die These, die vierte industrielle Revolution bringe eine völlig neue und völlig veränderte Arbeitswelt hervor, wird von seriösen Arbeitsforschern zurückhaltend bis ablehnend beurteilt. Die Vermutung lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das Industrie-4.0-Szenario normativen Vorstellungen der Manager folgt, die dabei kaum Erleichterung und Humanisierung der Arbeit im Sinn haben.

Rollenverkehrung

In einer sorgfältigen Expertise für die Wiener Arbeiterkammer heißt es: »Neben der überwiegend erwarteten Höherqualifizierung finden sich auf den zweiten Blick auch Einschätzungen einer Dequalifizierung von Arbeit. Je nach datentechnischer Unterstützung können manche Arbeitsprozesse auch hoch standardisiert und dann von Angelernten mit informationstechnischer Unterstützung oder Steuerung erledigt werden.« Mit anderen Worten: Zu erwarten ist ein Heer von unter suboptimalen Bedingungen existierenden Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeitern, die – ganz klassisch – repetitive Teilarbeit zu leisten haben, verbunden mit ebensolchen digitalen Operationen. Diese Entwicklung vollzieht sich sowohl in der betrieblichen Arena als auch in »digitalen Crowds«. Was sich abzeichnet, ist nicht das Verschwinden von Arbeit, sondern eine Aufspaltung und Zersplitterung von Arbeit in eine ins Unendliche tendierende Zahl kleiner und kleinster Arbeitseinheiten. Im arbeitspolitischen Diskurs wird davon ausgegangen, dass dieser Trend nicht unumkehrbar, sondern gestaltbar sei. Zugleich wird diese Frage weder national noch europäisch, sondern nur global lösbar und ausfechtbar sein. Spätestens dann, wenn in bestimmten Dienstleistungsbereichen Arbeitsplätze in der Welt hin- und hergeschoben werden, ist das Problem globalisiert.

Festzustellen ist eine Rollenverkehrung zwischen Mensch und Computer: Millionen von Menschen – genaue Zahlen gibt es nicht, zweistellige Millionenzahlen dürfen vermutet werden – arbeiten gleichsam »händisch« an Schnittstellen, um den Computern bestimmte Aufgaben zuzuteilen: Einspeisen von Informationen, Herausfiltern von Informationen, Bearbeiten von Interaktionen. Es sind hochgradig zerlegte, standardisierte und repetitive Arbeitsvorgänge, die weltweit, jenseits tradierter Fabrikräume, millionenfach in Heimarbeit, vereinzelt, isoliert, erbärmlich entlohnt und ohne jede soziale Absicherung verrichtet werden. Die Crowd-Arbeiterinnen und -arbeiter führen in vielen Fällen nur noch Anweisungen der sogenannten künstlichen Intelligenz aus, permanent überwacht, zurechtgewiesen und unter Druck gesetzt. Der Soziologe Moritz Altenried sieht darin eine neue Form kapitalistischer Landnahme und der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, dem es mittels digitaler Technologie gelingt, den Bereich ihrer Kontrolle global auszudehnen. Erzeugt wird eine neue Art von Massenarbeiter, der nicht mehr wie im klassischen Taylorismus homogen und räumlich zusammengefasst ist, sondern völlig inhomogen und weltweit verteilt. Auf einer Plattform arbeiten Studierende, Rentner und alleinerziehende Mütter hierzulande genauso wie ein indischer Programmierer, der mit seiner Arbeit eine ganze Familie ernähren muss. Altenried diskutiert auch die Frage der gewerkschaftlichen Organisierung, die vor dem Hintergrund globaler Atomisierung der Arbeitskraft neue konzeptuelle Ansätze erfordert. Internetforen und soziale Netzwerke erweisen sich dabei als Orte der Kommunikation und ansatzweise auch als Orte des gemeinsamen Widerstandes.

Aber auch die klassische Fabrik ändert ihr Gesicht, genauer: die Art und Weise des konkreten Arbeitsprozesses. Arbeitssoziologen der Universität Jena haben in klein-, mittel und großbetrieblichen Unternehmen – Werkzeugbau, Optikherstellung und Automobilbau – den Stand der Digitalisierung und die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeit untersucht. Entgegen vollmundigen Proklamationen der Industrieverbände wird auch hier der Mensch als Lückenbüßer der Technik eingesetzt. Prinzipiell könnten Montageinseln auch vom Menschen gesteuert werden, so dass eine dem jeweiligen Arbeitenden angepasste Arbeitsstruktur und Arbeitsgeschwindigkeit, d. h. auch die Beschäftigung älterer und gesundheitlich eingeschränkter Menschen, möglich wäre. Doch die kapitalistische Wirklichkeit verkehrt dieses Verhältnis ins Gegenteil. Zentral gesteuerte Roboter geben Arbeitsschritte und Arbeitsgeschwindigkeit vor. Die vom Menschen zu absolvierenden Tätigkeiten bestehen aus Handreichungen. Erfahrungswissen wird, entgegen manchen Hoffnungen, abgewertet. Digitale Assistenzsysteme geben einzelne Arbeitsschritte detailliert vor und überprüfen deren korrekte Umsetzung permanent. Arbeit 4.0 bedeutet: enorme Verdichtung der Arbeit und enorme Erhöhung psychischer Belastungen. Die »Hilfsmittel« entpuppen sich als Taktgeber und als Kontroll- und Bewertungsmittel des Managements. So können Lauf- und Wegzeiten genau überprüft und »kurze Verschnaufpausen« sanktioniert werden.

»Kontrollierte Selbstregulierung«

Von ähnlichen Befunden berichtet eine Autorengruppe im Heft 187 der Zeitschrift Prokla. Darin befassen sie sich u. a. mit dem »smarten Handschuh«, der mit in den Fingerkuppen sitzenden Sensoren ausgestattet ist. Er wird vielfältig eingesetzt, so z. B. für das Scannen von Barcodes, für die Dokumentation von Arbeitsschritten und die Übermittlung von Feedbacks. Wir sehen hier eine neue Art der Verkörperlichung von Arbeit, einen a priori entfremdeten Prozess. Nicht mehr das leibkörperliche Erfahrungswissen, sondern die digital entfremdete Erfahrung wird zurückgemeldet und als Druck- und Sanktionsmittel wirksam. Die Arbeitenden sollen, ihre Unterwerfung vorausgesetzt, sich permanent an die jeweiligen Gegebenheiten und Erfordernisse der Arbeitsverhältnisse anpassen. Die Entwickler solcher Systeme sprechen von einer »kontrollierten Selbstregulierung«: Die Systeme sind physisch dezentralisiert und digital zentralisiert. Die digitalisierte Arbeit wird globalisiert, das Management sitzt an einem Ort irgendwo in Deutschland.

Die regierungsoffizielle Politik propagiert unter dem Label »Arbeit 4.0« eine neue Ära von Arbeit, Ökonomie und Gesellschaft. Dass ihre Versprechungen einer »menschlichen Arbeitswelt« keinen Bestand haben und eher ideologischen Zwecken dienen, ist vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden realen Unternehmensstrategien offenbar. Welche Absicht steckt hinter den wohlklingenden Proklamationen? Worum es den wirtschaftlichen und politischen Eliten geht, ist die Anpassung des Menschen an die sich verändernde und von Kapitalinteressen gesetzte Situation. Zentral ist dabei die Idee der »Beschäftigungsfähigkeit« der arbeitenden bzw. für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Menschen. Sie sollen durch Arbeitsmedizin und Gesundheitsförderung »fit« gemacht werden. Institutionen wie beispielsweise Unfallversicherungsträger, Arbeitsschutzbehörden und Arbeitsmedizin, die recht eigentlich dem Schutz unserer Gesundheit verpflichtet sind, hüten sich, hinsichtlich der von den Unternehmen gesetzten Innovationsrichtung grundsätzlichen Zweifel anzubringen. Die Präventionsprotagonisten scheuen diese Auseinandersetzung. Der internationale Wettbewerb, d. h. ein von Menschen gemachter Zustand, mutiert in ihren Augen zu einem Naturgott, der uns beim Nichtbefolgen seiner Anpassungsregeln mit Vernichtung drohe. Beispielhaft seien die Thesen zu »Arbeitsmedizin 4.0« der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin genannt. Einleitend wird, was die Erhaltung und Förderung der Gesundheit betrifft, zwar auf die Verantwortung der Unternehmen und des Staates hingewiesen. Doch dann kommt wie ein Mantra immer wieder der Hinweis auf die »Wahrnehmung von Eigenverantwortung«. Wie stark die Körperpolitik der Eigenverantwortung bereits in das Alltagsbewusstsein eingedrungen ist, mögen folgende, aus verschiedenen Quellen ausgewählte Zitate illustrieren:

»Und deshalb halte ich mich auch fit, jogge, mach Fortbildungen, das muss ich schon alles selbst in die Hand nehmen.« »Anna hat es mit Yoga versucht. Weil die Arbeit an ihrem Körper schließlich Teil der Arbeit an ihrem Gesamtpaket ist.« »Jeder einzelne muss dafür sorgen, dass er fit bleibt, sonst läuft er Gefahr, aus dem Ganzen herauszufallen.« »Wir hatten einen, der wurde entlassen, nicht wegen des Übergewichts, aber wer weiß (…). Alle machen Sport oder Fitness.« »Das fällt schon auf: Viele aufstrebende Leute strömen joggend in die Mittagspause, ausgerüstet mit Self-Tracking.«

Pflicht zur Optimierung

Neoliberale Arbeitsverhältnisse erfordern eine neoliberale Bio- bzw. Körperpolitik. Entgegen allen Träumereien von neuer Autonomie und erweiterten Handlungsspielräumen bei der Arbeit geht es im kapitalistischen Arbeitsprozess immer wieder um die kapitalkonforme Zurichtung des Menschen. Denken, Fühlen und Handeln müssen mit funktionalen, instrumentellen Anforderungen in Einklang gebracht werden. Eigene Gedanken, auch darüber, was man anderes produzieren könnte oder was ökologisch, sozial nützlich oder schädlich sei, sind dysfunktional. Sie sind dennoch vorhanden, müssen aber unterdrückt werden. Das Neue am subjektivierenden Arbeitshandeln ist, dass es heute weniger einer äußeren Unterdrückung bedarf, weil das Subjekt diese Unterdrückungsleistung selbst vollbringt. »Die Freiheit wird ausgebeutet«, sagt der Berliner Kulturphilosoph Byung-Chul Han. Die vollständige Unterwerfung gelingt nicht immer, doch die psychosomatischen Folgen sind erheblich. Aufgestaute Widerstandsenergien müssen kanalisiert und abgebaut werden. Der dafür notwendige und zuweilen enorme Aufwand muss körperlich erbracht werden, und tatsächlich bieten Entspannung und Bewegung Kanalisierungsmöglichkeiten. Dass diese somato-neuro-psychischen Prozesse in einem Modus der Entfremdung ablaufen, ist ein kaum diskutiertes Skandalon. Für den körperlich Funktionsfähigen ist eine Implantierung von Biorobotern gar nicht nötig – das innere geistige Programm ist normalerweise völlig ausreichend, das geforderte leistungsgerechte Verhalten sicherzustellen. Im Prinzip weiß das jeder, zumindest jeder, der ein wenig über seine Situation nachgedacht hat. Doch die ideologische Behauptung der Alternativlosigkeit wird in sogenannten qualifizierten Berufen oft mit sprachlosem achselzuckenden Bedauern hingenommen. Gleichwohl gibt es Anzeichen eines Bewusstseinswandels, der sich einstellt, wenn der Körper »nein« sagt. Massenarbeiter melden sich zu Wort, die meist ungeplant, unorganisiert und spontan ihrem Ärger Luft machen und mit ihrem gelegentlich impulsiven Verhalten die Welt darauf hinweisen, dass die Arbeitsverhältnisse keinesfalls menschengerecht sind.

Für den Philosophen Michel Foucault zeichnet den Neoliberalismus die Vermarktlichung der ursprünglich außerökonomischen Bereiche der Gesellschaft aus. Tauschhandlungen werden zum Prinzip der Deutung sozialer Beziehungen und individueller Verhaltensweisen. Macht- und Herrschaftsbeziehungen erfassen unseren Körper. Anpassungsschwierigkeiten und sich leibseelisch ausdrückende Anpassungskrisen werden zum Gegenstand neuer Psychotechniken. Die Wiener Psychotherapeutin Angelika Grubner ist diesen Entwicklungen nachgegangen. Krankheiten werden von ihren gesellschaftlichen Ursachen getrennt, soziale Probleme therapeutisiert und medikalisiert. Medizin und Psychotherapie werden, so die Beobachtung Grubners, in einem wachsenden Ausmaß auf gesunde Menschen ausgeweitet. »Sie (die therapeutischen Techniken, W. H.) sind von Argumentationslinien begleitet und gestützt, die ganz direkt oder unterschwellig die Pflicht zur Optimierung des Selbst transportieren.«

Es wäre aber verfehlt, den Totalzugriff des Marktes als endgültig, vollendet und unumkehrbar anzusehen. Die neoliberale Bemächtigung schafft Gegendiskurse, die vielfältige Brüche, Verschiebungen und Risse im Komplex aus Macht und Wissen erzeugen. Die Salzburger Arbeitssoziologin Stefanie Hürtgen kann aufgrund ihrer Forschungen feststellen, dass Menschen auf im Arbeitsprozess zugefügte Verletzungen mit systemkritischen und auch systemsprengenden Impulsen reagieren. »Trotz 30 Jahren Neoliberalismus entwickeln sie grundlegende Vorstellungen einer ›moralischen Ökonomie‹, also von einer gerechten Gesellschaft und einem guten Arbeits- und Zusammenleben.« Grubner und Hürtgen sehen im Rahmen derartiger Ansätze der Selbstaufklärung Möglichkeiten eines kritisch-reflexiven »Beistandes«, sei es nun durch Wissenschaft, Politik oder Therapie. Dieser Beistand hätte vor allem die Funktion, unstrukturiertes Aufbegehren auf der einen und moralische Sinnüberschüsse auf der anderen Seite des Klassenspektrums zusammenzubringen, miteinander in Beziehung zu setzen und gemeinsame Kraft daraus zu entwickeln. Hier stehen wir gewiss am Anfang. Die Spaltungen, deren Überwindung ansteht, sind enorm.

Gepflegte und zerschundene Leiber

Die Differenzierung, Stratifizierung und Fragmentierung der arbeitenden Klassen – die Aufspaltung in mehr oder weniger privilegierte Hochqualifizierte, in Facharbeiter, Massenarbeiter mit und ohne Festanstellung und moderne Dienstleistungssklaven – führt zu einer sozialen Schichtung und Klassierung. Angelehnt an Pierre Bourdieu kann von einer je spezifischen Art und Weise der Klassenverkörperung im Habitus gesprochen werden. Die im Habitus zum Ausdruck kommende Gesamtheit von Haltung, Gestus und Umgangsformen repräsentiert die Verkörperung des Sozialen, genauer: die Verleiblichung oder Einverleibung des Sozialen. Im körperlichen Habitus, im Auftreten und in der Bewusstheit der eigenen Erscheinung im Blick der anderen, manifestieren sich die »feinen Unterschiede« (Bourdieu). Sie graben sich gleichsam ins Fleisch ein. Der präsentierten Überlegenheit der einen entsprechen die Scham, die Befangenheit und der oft unterdrückte Zorn der anderen. Idealtypisch zeigen sich zwei Extreme: Die einen joggen, gut ausgestattet, womöglich mit Self-Tracking-Geräten und engmaschiger ärztlicher Kontrolle, die anderen haben dazu weder Zeit noch Geld und versuchen, sich mit prekären Jobs über Wasser zu halten. Die einen haben einen makellosen Körper, die anderen sind nicht selten schon mit 45 Jahren verbraucht, und viele schämen sich angesichts ihres zerschundenen Körpers. Auch wenn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit die Grenzen zwischen den Typen verschwimmen, auch aufgrund einer betrieblichen Sozialpolitik, mit der bestimmte Teile der Arbeiterklasse gebunden werden sollen: Es ist hilfreich, sich der »feinen Unterschiede« bewusst zu bleiben und sich keinen Illusionen hinzugeben.

Die neoliberale Körperpolitik birgt nicht nur eine Pflicht zur Gesundheit, sondern auch eine Pflicht zur körperlichen Performance. Auf diesen Aspekt des »sexuell Arbeitens« wurde seitens der queer-feministischen Forschung bereits hingewiesen. Die Subjektivität, die ganze Person, wird eingespannt, kontrolliert, bewertet, somit auch kanalisiert und instrumentalisiert; nicht zuletzt wird die Person zugleich durch Standardisierung entsubjektiviert. Der französische Soziologe François Dubet hat in seiner Studie »Ungerechtigkeiten« eine große Zahl von Berufen unterschiedlicher Branchen und unterschiedlicher Qualifikationen und Positionen untersucht. Am Beispiel einer Verkäuferin und Kassiererin zeigt er die geschilderte Entwicklung auf: Verkäuferinnen und Frauen an der Kasse haben sich in eine »Hôtesse de caisse« zu verwandeln, die sich in einer ganz bestimmten Weise zu schminken und zu frisieren hat, die in einer ganz bestimmten Weise freundlich zu sein und Worte zu wählen hat, und die auch daraufhin kontrolliert und bewertet wird. Das tatsächlich Individuelle bleibt auf der Strecke, die Kassiererinnen fühlen sich verausgabter als früher.

Körpermarionetten

Der Wunsch der Arbeitenden, eine interessante und sinnvolle Tätigkeit auszuführen, wird mit fremdbestimmten, scheinbar moralischen Maßstäben aufgeladen. Eine Vielzahl von Managementkonzepten ist darauf ausgerichtet, diesen emotionalen Zustand herzustellen. Die Arbeitsperson soll »ganz in ihrer Arbeit aufgehen« und auf diese Weise zu »Flow-Erlebnissen« kommen. Der Wunsch, eine sinnvolle Arbeit zu verrichten und authentisch zu sein, verkehrt sich in eine körperlich zurichtende Aufforderung, Sinn und Authentizität vorzutäuschen. Zugegeben: Das verführende Moment spielt mit, doch der emotionale Aufwand, dem vorgegebenen Rollenmuster zu entsprechen, ist hoch und geht, wie die steigenden Erkrankungszahlen zeigen, auch über die Grenzen des Erträglichen hinaus. Die phänomenologische Forschung sagt mit Recht, wir seien nicht nur Kopf, sondern auch wahrnehmender, spürender, merkender, agierender und sich erinnernder Leibkörper. Wir sind dies jedoch in vielfach gespaltenen, fragmentierten und fragilen Hinsichten. Sich ganz in die herrschaftlich definierte Rolle zu begeben, macht uns zur Körpermarionette, der Leib kollabiert, stürzt ab, zerfällt. Diese Gefahr zu sehen, fällt schwer, solange der Verblendungszusammenhang den Blick verstellt. Diesen zu erkennen und die ihn strukturierende Macht leiblich zu spüren, ist der erste Schritt im Prozess der Befreiung.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers. Von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart. Mandelbaum-Verlag, Wien 2018, 344 Seiten, 25 Euro

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