Aus: Ausgabe vom 16.07.2018, Seite 2 / Inland

»Es gibt ein Rätesystem für Frauen«

Syrien: Aus Afrin vertriebene Kurden bauen in Flüchtlingscamps Selbstverwaltung auf. Ein Gespräch mit Silvia Hauffe

Interview: Gitta Düperthal
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Benötigen weiterhin internationale Solidarität: die syrischen Kurden (Demo in Frankfurt am Main zum »World Afrin Day« am 24. März)

Sie waren Anfang Mai mit einer Frauendelegation in Schahba in Nordsyrien. Dort leben Hunderttausende, die Mitte März vor türkischen Luftangriffen und den Dschihadisten aus Afrin fliehen mussten. Wie ist die Lage dort aktuell?

Immer mehr Geflüchtete lassen die drei großen Camps unter kurdischer Selbstverwaltung dort anwachsen. Auch in den umliegenden Dörfern wohnen Menschen in verfallenen, zerbombten Häusern. Alle leiden darunter, dass Recep Tayyip Erdogan seinen Vernichtungskampf weiterführt und erneut ankündigt, auch die Region um Schahba von Kurden »säubern« zu wollen. Der türkische Staatspräsident plant, dort Geflüchtete aus der Türkei und Islamisten anzusiedeln. Er verbreitet Lügen: Die Türkei sei angeblich von Afrin aus angegriffen worden; die kurdischen Selbstverteidigungskräfte YPG seien Terroristen.

Welche Perspektive sieht der dortige Frauendachverband Kongreya Star für die Vertriebenen?

Diese Kräfte der Selbstverwaltung aus den Frauenstrukturen Afrins sind sehr erfahren. Schon in Afrin hatten sie dafür gesorgt, dass Geflüchtete aus Aleppo und anderen Teilen Syriens Schutz und Aufnahme in Camps fanden. Innerhalb weniger Wochen gab es in Schahba eine funktionierende Kanalisation, Toiletten und Waschräume, die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Strom. Sie hatten Schulen und Bildung in Afrin organisiert, nun auch in Schahba. Die Frauen aus den Gesundheitskomitees waren ebenso aktiv. Wer die Selbstverwaltung nicht kannte, wurde einbezogen.

Im Bericht der Frauendelegation heißt es, Geflüchtete dort fühlten sich von der Welt vergessen?

Große Hilfsorganisationen dürfen laut ihrem Kodex nur mit Staaten kooperieren. Die Demokratische Konföderation Nordsyriens ist nicht anerkannt. Einzig die kurdischen Kantone Rojava, Kobani und Cizire unterstützen die Camps. Der kurdische rote Halbmond berichtete, Ärzte hätten aus Trümmern des von der Türkei bombardierten Krankenhauses in Afrin technische Geräte und Medikamente retten können. Auch wenn es keine offiziellen Kontakte zum UNHCR gibt, existieren vor Ort Zelte mit dessen Aufschrift.

Kämpft Kongreya Star weiter für die Partizipation der Frauen?

Gerade weil die Lebenssituation in den Camps beengter ist als in befriedeten Regionen, brauchen Frauen die Möglichkeit, sich zu organisieren. Es gibt ein Rätesystem und Parallelinstitutionen für Frauen. In Schahba bleiben viele, weil sie bald wieder zurückwollen. Sie wissen, dass sie möglicherweise auch diese Gegend verteidigen werden müssen.

Welche Nachrichten gibt es aus dem besetzten Afrin?

Weder kommen Leute rein, noch raus. Sich freizukaufen, koste 1.000 US-Dollar, heißt es. Kriminalität und Gewalt herrschen vor. Frauen können nur mit Kopftüchern aus dem Haus, an Schulen wird nur Türkisch gelehrt. Alles wird islamisiert. Für die Frauen aus den Frauenstrukturen ist dies besonders schlimm. Vor etwa zwei Wochen hatte die Türkei einen Bus ausländischer Journalisten nach Afrin einreisen lassen. Sie hatten etwa zwei Stunden Zeit, sich in Gegenwart schwerbewaffneter Milizen auf dem Marktplatz mit Bewohnern zu unterhalten. Mittlerweile gibt es dort Stadträte von Erdogans Gnaden. Darin sind Kurden vertreten, die in Opposition zur Selbstverwaltung der PYD stehen, sowie neu angesiedelte Dschihadisten.

Wer ist nach dem Einmarsch der Türkei in Afrin verblieben?

Menschen, die geglaubt hatten, so schlimm werde es schon nicht, sowie alle, die es nicht schafften zu flüchten. Die Türkei hatte mit Bomben und Drohnen auf Flüchtlingstrecks versucht, die Flucht zu verhindern.

Wie können sich Linke engagieren, damit die Invasoren das fortschrittliche Projekt Rojava nicht weiter zerstören?

In der außerparlamentarischen Bewegung scheint das Bewusstsein dafür zu wenig ausgeprägt, dass dort eine realisierte linke Utopie zu verteidigen ist. Die Linksfraktion stellt weiterhin Anfragen an die Bundesregierung und den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages. Es gilt Druck aufzubauen, auch um den aktuell vorherrschenden Nachrichtenstopp zum Thema zu beenden.

Veranstaltung: Die aktuelle Lage in Nordsyrien nach dem Angriffskrieg auf Afrin, Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation, zakk, Montag, 16. Juli, 19.30 Uhr, Düsseldorf, Fichtenstr. 40.

Silvia Hauffe ist Büroleiterin der Bundestagsabgeordneten Sylvia Gabelmann (Die Linke)

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