Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ausgeträumt

Vor 75 Jahren fand die größte Landschlacht der Weltgeschichte beim russischen Kursk statt. Ende Juli 1943 analysierte eine illegale KPD-Zeitung die Niederlage Hitlers

_Kursk_Voronezh_943.jpg
»Die Rote Armee war nicht nur bereit, den Stoß abzuwehren, sondern auch machtvoll zurückzuschlagen«: sowjetische Offensive bei Kursk, 12. Juli 1943

Unter dem Decknamen »Unternehmen Zitadelle« griff die Wehrmacht zwischen dem 5. und dem 16. Juli 1943 am Frontbogen um die russische Stadt Kursk an. Die dortigen Einheiten der Roten Armee sollten eingekesselt und vernichtet werden. Es war die letzte faschistische Großoffensive im Zweiten Weltkrieg. Der auch als »Schlacht im Kursker Bogen« bezeichnete Kampf war der größte der Weltgeschichte zu Lande. Dabei fand am 11. und 12. Juli 1943 bei der Ortschaft Prochorowka eine Panzerschlacht statt, die ebenfalls als größte der Geschichte gilt. Die Rote Armee verlor nach dem Beginn ihrer Gegenoffensive bis zum Ende des Krieges in Europa am 8./9. Mai 1945 nicht mehr die strategische Initiative.

Bereits Ende Juli 1943 veröffentlichte die illegale KPD eine detaillierte Analyse der deutschen Niederlage in einer Ausgabe ihrer hektographierten Zeitung Deutsches Volks-Echo. Die Texte schrieb der deutsche Kommunist und Kämpfer der französischen Résistance Ernst Melis (1909–2007). Das Blatt erschien von Februar 1943 bis Dezember 1943/Januar 1944 in einer Auflage von jeweils 400 bis 600 Exemplaren und wurde von Urlaubern der Wehrmacht, durch Feldpostsendungen und französische Eisenbahner verbreitet:

Von Niederlage zu Niederlage

Die Sommeroffensive Hitlers im Osten ist zusammengesackt, wie nie zuvor in der Geschichte aller Kriege eine prahlerisch verkündete Offensive zusammengesackt ist. In der kurzen Frist von nur zwölf Tagen sind alle Pläne des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) an der Stahlmauer der Roten Armee zerschellt. Schneller als er dachte, hat Hitler seinen Offensivtraum ausgeträumt. Zwölf Tage nur – und die blutige Bilanz für unser Volk: 70.000 Väter und Söhne weniger. Wieder sind 70.000 zwecklos in den Tod getrieben worden – sinnlos geopfert für die Raubgier der Kriegsbestie. 200 Panzer, 155 Sturmgeschütze, 1.392 Flugzeuge erheben sich zu gigantischen Trümmerhaufen auf den Schlachtfeldern im Orel-Kursk-Bjelgorod aufgetürmt.

Hitler befahl die gescheiterte Sommeroffensive und wollte um jeden Preis durch Zusammenballung aller noch verfügbaren Kräfte und letzten Reserven versuchen, die Stellungen der Roten Armee zu durchbrechen und wie es in einem Tagesbefehl Hitlers vom 5. Juli heißt, »die Enscheidungsschlacht für den Sommer 1943 schlagen«.

Die Rote Armee war nicht nur bereit, den Stoß abzuwehren, sondern auch machtvoll zurückzuschlagen. Und sie hat es getan. 40 Divisionen Hitlers hatten sich in einer Woche bis zum Weißbluten erschöpft. Hitler musste den Rückzugsbefehl geben. Damit ist dem ehrgeizigen Prahlhans für immer das Maul gestopft, die Rote Armee wäre zu keiner Sommeroffensive imstande. Der Goebbels-Schwindel über den Kampfwert neuer geheimgehaltener Waffen mitsamt dem Schwindel von der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht sind wie Kartenhäuser im Wind zusammengeklappt. Die vom OKW über den Klee gelobten »Tiger«-Panzer werden von der Roten Armee mit »Tiger«-Panzergranaten zu Schrotthaufen zusammengeschossen. Noch hat die Rote Armee ihre gesamte Schlagkraft nicht ins Treffen geführt und doch ist die Frontlinie wie vor dem 5. Juli wiederhergestellt, sind die deutschen Verteidigungsstellungen überrannt und der Vormarsch der Roten Armee setzt sich weiter nach dem Westen fort. Im Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, stehen Streitkräfte der Roten Armee in den Vorstädten von Orel (Orjol, jW) und eine vollständige Hitler-Armee ist wie bei Stalingrad von einem Orelgrad bedroht.

Eines ist inzwischen klargeworden. Hitler hat nach dem völligen Zusammenbruch seiner Sommeroffensive nicht mehr die Kraft gehabt, seinem italienischen Achsenkumpan zu Hilfe zu kommen. Mussolini, der Spießgeselle Hitlers, musste sich diese Ohnmacht mit seinem Sturz quittieren lassen (am 9./10. Juli 1943 begann die Landung britischer und US-amerikanischer Truppen auf Sizilien, am 25. Juli wurde Mussolini als Ministerpräsident abgesetzt; jW) Das ist der größte politische Erfolg der Kursker Sommerschlacht. (…)

Im Osten wie im Süden zeigt sich mit zunehmender Gewissheit, dass die Niederlage Hitlers unausbleiblich und ein Hinausziehen des Krieges ein niederträchtiges Verbrechen der Führerclique am eigenen Volk ist. Millionen tote deutsche Männer, Frauen und Kinder, gefallen an den Fronten und in der bombenunsicheren Heimat, sind eine furchtbare Anklage gegen die Kriegsverbrecher Hitler, Göring, Goebbels, Himmler, Krupp, Röchling und Konsorten. (…)

Auf zum Kampf gegen den Volksfeind Hitler! In den Betrieben, in Stadt und auf dem Land, in den Hochschulen, Männer und Frauen, kämpft mit allen Mitteln um den Sturz Hitlers, Soldaten und Offiziere, wendet Eure Waffen zum Sturz Hitlers an. Kämpft für ein freies unabhängiges Deutschland!

Deutsches Volks-Echo, Organ der KPD-Bezirke Hessen-Frankfurt, Baden. Juli 1943: Von Niederlage zu Niederlage. Hier zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED: Der antifaschistische Widerstandskampf der KPD im Spiegel des Flugblattes 1933–1945. Dietz-Verlag, Berlin 1978, 240 Faksimiles und sechs Beilagen, Nr. 184

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Wochenendbeilage