Aus: Ausgabe vom 14.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Die entführten Schülerinnen von Chibok

Noch werden mehr als 100 der im Jahr 2014 verschleppten Mädchen vermisst – und etliche weitere

Von Christian Selz, Kapstadt
RTX4YMXW.jpg
Leeres Klassenzimmer: Bänke in der Mädchenschule von Chibok in Dapchi (23.2.2018)

Ihren wohl weltweit am stärksten wahrgenommenen – und geächteten – Angriff verübte die Miliz »Boko Haram« in der Nacht zum 15. April 2014 auf ein Internat in der Stadt Chibok im nigerianischen Bundesstaat Borno. Die Aufständischen entführten dort 276 Schülerinnen, von denen 112 bis heute als vermisst gelten. Wie das nigerianische Militär später infolge eines Berichts von Amnesty International eingestand, war die Armee zwar vier Stunden vor der Attacke gewarnt worden, hatte sich aber nicht im Stande gesehen, das Internat zu schützen.

In den Monaten nach dem Überfall gelang 57 Mädchen die Flucht, in den folgenden Jahren wurden weitere freigelassen – einige von ihnen bereits mit Säuglingen und Kleinkindern, die sie nach Vergewaltigungen zur Welt gebracht hatten. Unter dem Schlagwort »Bring back our girls« (Holt unsere Mädchen zurück) forderten weltweit auch etliche Künstler die Freilassung der Schülerinnen. Eine ähnliche Aufmerksamkeit wurde späteren Entführungsopfern nicht zuteil. Boko Haram verschleppte auch in den Jahren nach 2014 immer wieder Mädchen und junge Frauen, um sie mit Kämpfern unter Zwang »zu verheiraten«. Etliche von ihnen sollen auch versklavt und verkauft worden seien, manche wurden unter Drogen gesetzt und gezwungen, Selbstmordattentate zu verüben.

Der nigerianische Journalist Ahmad Salkida, der für die Regierung bereits mit den Entführern verhandelt hatte, erklärte im April dieses Jahres, von den derzeit noch vermissten Schülerinnen seien nur noch 15 am Leben. Die Regierung erklärte daraufhin jedoch, es gäbe keinen Grund zu glauben, dass einige der Mädchen tot seien.

Die Entführungsopfer eint, dass ihr Martyrium nach der Befreiung oft nicht vorbei ist. In der Gesellschaft werden sie und ihre Kinder häufig stigmatisiert. Erst im Juni dieses Jahres forderte die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt bei Konflikten, Pramila Patten, von der nigerianischen Regierung, sich dieses Problems verstärkt anzunehmen. Laut Patten seien einige der geretteten Mädchen zudem selbst in den für sie geschaffenen Betreuungseinrichtungen erneut sexuell missbraucht worden.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Nigerias Führung feiert Sieg über Islamisten, doch deren Milizen sind weiterhin aktiv. Dem Präsidenten und den Militärs nützt der Krieg trotzdem, die Zivilbevölkerung leidet
    Christian Selz, Kapstadt