Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 5 / Inland

Straßen statt Schienen

BRD investiert in das Gleisnetz pro Kopf weiterhin deutlich weniger als andere europäische Staaten

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Schienen sind verlegt, nur Züge und Fahrgäste fehlen: Bahnhof Flughafen Berlin Brandenburg in Schönefeld

Die Bundesrepublik hat die Investitionen ins Schienennetz in den vergangenen Jahren zumindest etwas erhöht. Im europäischen Vergleich liege das Land aber immer noch weit hinten, erklärten Vertreter des Interessenverbandes Allianz pro Schiene am Donnerstag in Berlin.

Pro Kopf der Bevölkerung wurden in der BRD im vergangenen Jahr demnach 69 Euro investiert. Der Spitzenreiter Schweiz gab dagegen 362 Euro pro Bürger für den Erhalt und Ausbau von Gleisen und Bahnanlagen aus. Auch Österreich (187 Euro), Schweden (183 Euro), Großbritannien (165 Euro), Dänemark (160 Euro), die Niederlande (128 Euro) und Italien (73 Euro) steckten laut Berechnungen der Interessenvereinigung mehr Mittel in ihre nationalen Schienennetze als Deutschland. Schlusslichter in der Statistik sind Frankreich (38 Euro) und Spanien (32 Euro).

Seit 2014 hat der deutsche Staat diesen Angaben zufolge seine Investitionen von 49 Euro auf 69 Euro erhöht. »Die mageren Jahre hat unser Schienennetz zwar hinter sich«, sagte der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege. Eine echte »Verkehrswende« sei mit den aktuellen Aufwendungen jedoch nicht zu machen: »Wir brauchen es beim Netzausbau schon zwei Nummern größer.« Sonst sei keines der angepeilten Ziele realistisch, weder die Digitalisierung des Netzes noch der sogenannte Deutschland-Takt, die im Koalitionsvertrag festgehaltene Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 oder die versprochene systematische Rückverlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Flege bezifferte den Mindestbedarf für den Erhalt und eine gleichzeitige spürbare Modernisierung bzw. Ausweitung des Schienennetzes auf 80 Euro pro Kopf.

Nach wie vor fließe in der Bundesrepublik mehr Geld in den Straßenbau. Laut Allianz pro Schiene investierte die Bundesregierung 54 Prozent der relevanten Mittel in das Straßen- und 46 Prozent in das Schienennetz. Österreich hingegen investierte 37 Prozent in Straßen und 63 Prozent in Schienen, die Schweiz 40 Prozent in Straßen und 60 Prozent in Schienen. Deutschland schreibe die »straßenlastige Weichenstellung immer weiter fort« und wundere sich dann, wenn Umweltziele verpasst würden. Da die Regierung offiziell das Ziel verfolge, aus Umweltgründen Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, bekomme der Netzausbau eine immer größere Dringlichkeit, erklärte Flege. Amtlichen Verkehrsprognosen zufolge steht den Güterbahnen in den nächsten Jahrzehnten ein gewaltiges Wachstum bevor: »Um dafür gerüstet zu sein, sollte der Bund ab sofort mit der Schweiz und Österreich gleichziehen und seine Prioritäten auf die Schiene umstellen.« Das Netz müsse für 740 Meter lange Güterzüge ertüchtigt werden. Genauso wichtig seien die Engpassbeseitigung und der weitere Ausbau von Oberleitungen, um bis 2025 auf einen Elektrifizierungsgrad von 70 Prozent zu kommen. (AFP/jW)

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