Aus: Ausgabe vom 11.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Zerquetschte Münzen

Nix da, Pustekuchen: Eindrücke vom Ingeborg-Bachmann-Preis 2018 (Teil 2 und Schluss)

Von Peter Wawerzinek
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Lässt gerne mal einen Drachen steigen und stolpert hin und wieder: Jakob Nolte in Klagenfurt

In Klagenfurt, beim diesjährigen Bachmannpreiswettlesen, hätte Stephan Lohse nicht durchfallen dürfen. Er ist Jahrgang 1964, nur zehn Jahre jünger als ich, und erst ein Jahr lang Autor. Immerhin wurde er vom Jurychef Hubert Winkels höchstselbst vorgeschlagen und dann mit seinem erst zweiten Text nach der ersten Buchveröffentlichung im Leben auf die Büßerbank verwiesen. Soll er doch weiter in seiner Freizeit Skateboard fahren, da auf dem Dach seines Supermarktes, wie in der Broschüre zum Wettbewerb über ihn geschrieben steht.

Statt seiner wird immer wieder Anna Stern genannt, die Studentin der Umweltnaturwissenschaften ist und mich mit ihrem Text »Warten auf Ava« nicht erreicht hat. Im Videotrailer über sie werden klinische Gerätschaften, Reagenzgläser und Hände gezeigt, und es wird nicht ein Wort geredet. Auch der Text, den sie vorträgt, lässt nicht durchblicken, worum es geht. Um eine Suche vielleicht, kann man sich sagen, in einem Gelände, und einen Absturz damals, früher, morgen? Bis zum Ermüden heißt es dauernd nur »Paul sagt«, »Paul setzt sich«, »Paul blickt«, »Paul winkt«. Und zwischendurch spricht die Lesende ein paar englische Zeilen. Der Text endet mit: »found you lost myself«. Da habe ich längst schon die Lust am Zuhören verloren.

Bar, Eiswürfel, Lallen

Oder Joshua Groß, der den ersten Lesetag abschloss. Was bitte sehr ist daran Literatur, wenn der Ich-Erzähler kurz davor ist zu karamellisieren? Und warum simuliert ein Fastdreißigjähriger sich um des Textes willen in den Zustand eines Pubertierenden? Und was soll an seinen kindlichen Beschreibungen von jugendlicher Eifersucht und dem Abhängen in der Bar, Eiswürfeln, Musikbands und Lallen so interessant sein, dass man den Autor zu so etwas wie der spätpubertierenden männlichen Ausgabe einer immerhin wirklich damals jung gewesenen Helene Hegemann stilisiert? Was geht mich das Gequassel seiner Freundin über glatte oder rauhe Haut, das Unechte, das echt wird, und sonstiger Party­stuss an? Nichts.

Auch bei Corinna T. Sievers fragt man sich, wie sie hier hergekommen ist, ob es in Deutschland, der Schweiz und Österreich wirklich so bitterschlimm um literarischen Nachwuchs bestellt ist und an neuen Tönen, Texten und Talenten so sehr mangelt? Die Zahntechnikerin, die mit ihren hellen rosa Gummihandschuhen nichts weiter tut als das, was ein Dreigroschenroman an Text liefert, zieht dem Patienten zum Schluss wie erwartet die Hose herunter und bläst ihm einen. Dieser Billigtext wurde zudem noch im falschen Tonfall einer Bahndurchsage vorgetragen, was zusätzlich genervt hat. Wie konnte diese Autorin sich nur bis Klagenfurt vorbohren?

Und dann Ally Klein. Nichts gegen ihren Text und nichts gegen ihre herzergreifende, ach so wehleidige Jeremiade um Carter, wer immer das sei, und was an ihm ängstigt. Kleins Lamento kommt auf die Shortlist, sie drängt mindestens einen besseren Autoren weg von dem Platz, der ihm gebührt. Und wird von der Jury dann nicht einmal mehr erwähnt. Sie kann zu sich sagen, dass man sie aufs goldene Tuch gelegt hat, aber sie hat davon genausowenig wie die sieben Abgeurteilten, die man unter den Teppich geschoben hat, die nicht für die Shortlist zur Diskussion um die Preisvergabe zugelassen wurden. Klein ist am bösesten gelinkt und kaltgestellt worden. Dabei hat sie so viele angerührt und ergriffen. Aber das spielt hier keine Rolle.

Gelungene Rezeptur

Wie man es macht, zeigte Tanja Maljartschuk eindrücklich. Die Rezeptur bei ihr ist gelungenes Kalkül. Sie gewann den Bachmann-Preis mit dem Text »Frösche im Meer«. Es geht um das Passwesen und ein Personen­dokument, das absichtlich weggeworfen wird, und Frösche, die im Text herumspringen und quaken. Der Text erzählt eine wirklich gut gearbeitete Geschichte über eine Selbstauslöschung. Jemand aus der Jury meint sogar, er gehöre in jedes Schullesebuch. Nun ja, denke ich, für Schüler mag das etwas sein, aber mir ist die Sache viel zu punktgenau und zu sehr auf die Jury gezielt geschrieben, mit all den Geschichten in der Geschichte zu sattsam auf die heutige Situation Europas lehrerhaft gebastelt und eine Spur zu herkömmlich erzählt.

Bov Bjerg ist der heimliche Liebling aller Klagenfurt-Fans. Seine Lesung habe ich im Lendhafen (das ist in Klagenfurt die alternative Ausweichstelle zum doch eher etepetete schnuckeligen ORF-Garten) erlebt. Also unter Leuten, die etwas normaler sind, auf dem Teppich bleiben und eher nicht gesehen werden wollen, sondern in uriger Umgebung zuhören möchten. Und über Bov Bjerg hieß es an meinem Tisch nur, man wisse gar nicht, was er einem sagen wolle. Will er einen mit seinem Vater-Kind-Text anrühren und für sich gewinnen, oder hat er den Suizid nur hereingezirkelt, um mit diesem allzu gängigen Hausmittelchen die Jury zu betören? Man ist von seinem Text enttäuscht und gibt ihm insgesamt kaum eine Chance, erhört zu werden und einen Preis zu bekommen. Weit gefehlt. Bov landet mit seinem Coup auf dem zweiten Platz. Was will man mehr. Konzept aufgegangen. Und er hat es anderen gezeigt, wie man über die hohe Messlatte hüpft.

Den letzten Lesetag liege ich einige Kilometer weit vom Ort des Geschehens entfernt kränkelnd in Villach auf der Liege bei einem Freund vorm Fernseher und arbeite die Lesungen von außen her ab. Den Laptop auf meinen Knien, verfolge ich den Vortrag von Jakob Nolte, der mit Vorschusslorbeer reichlich bedacht hier herkam. Ein aufstrebender Theatermann. Sein Videoporträt ist ganz witzig. Im Wald singen die Vögel, Wasser plätschert, und es ertönt ein Klavier. Er legt wie ein kleiner Junge Münzen auf die Schiene, der Zug fährt drüber hinweg, er freut sich über die zerquetschten Münzen und lässt dann auch noch einen Drachen steigen.

Phosphoreszierende Algen

Die Lesung dagegen geriet ihm vollkommen daneben. Es geht wohl um phosphoreszierende Algen. Er verliest sich, kommt bei seinem eigenen Text mehrfach ins Stocken, als würde er einen Fremdtext lesen. Und Alfred, bei dem ich in Villach wohne, fragt mich, warum denn die Autoren beim Wettbewerb selber lesen müssen und nicht einfach ihren Schreibkram verlesen lassen.

Vor Lennardt Loß liest Özlem Özgül Dündar etwas über die Alten vor und stellt dabei fest, dass sie auch einmal alt sein wird und man sich bis dahin grüßt und nahe genug in die Quere gerät und die Gesichter schon die richtige Entfernung zueinander haben sollten, um Hallo zu sagen. Sie erzählt, dass man sich kennt, hier zusammenlebt, ein paar Worte wechselt oder eben nicht, übers Wetter redet, ehe dann im Text das Feuer ausbricht und die Familie brennt und in ihm verschwindet. Ihre handelnden Personen heißen »Mutter eins«, »Mutter drei«, »Mutter zwei«. Es geht um einen fiesen Brandanschlag, die Rolle von Tätermutter und Opfermutter, gepaart mit einer Medienschelte der Tätermutter. Ein richtiger, wichtiger Text, der zudem auf dem ihm würdigen und angemessenen dritten Platz landet.

Hätte Lennardt Loß zum Beispiel seinen Text im Tonfall von Özlem Özgül Dündar oder in ebendem der Siegerin vorgetragen, wäre er im Töpfchen gelandet und vielleicht anstelle von der Maljartschuk glatt durchmarschiert.

Der Publikumspreis geht an die Bergbauspezialistin Raphaela Edelbauer. Das Stadtschreiber-Stipendium für Klagenfurt bekommt sie obendrauf. Sie stammt aus Österreich, ihr Anreiseweg ist der kürzeste. Auch das ist bestimmt kein Zufall und ohne Frage, wenn man es so sehen mag, eine der vielen sonderbaren, gütlichen wie seltsam anmutenden Fügungen dieser Bachmanntage.

Peter Wawerzinek ist Schriftsteller aus Berlin, er gewann 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis

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