Aus: Ausgabe vom 10.07.2018, Seite 7 / Ausland

Am Fuße des Vulkans

Bauern in Guatemala wehren sich gegen Umweltzerstörung. Straßenblockaden als Terrorismus verfolgt

Von Thorben Austen, Quetzaltenango
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Protestierende Einwohner von San Juan Sacatepéquez demonstrieren 2013 gegen das Unternehmen Cementos Progreso

Südlich von Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, leben rund 50.000 Menschen in zehn Gemeinden am Fuß des Vulkans Santa Maria. Die meisten von ihnen sind Kleinbauern. Neben Mais, dem Hauptnahrungsmittel in dem zentralamerikanischen Land, bauen sie vor allem Zwiebeln, Sellerie und Blumenkohl an. Einige versuchen es auch ohne Pestizide. Früher hätten sie Chemikalien aus Deutschland eingesetzt, heute wende man biologische Methoden an, erzählt ein 65 Jahre alter Bauer aus der Gemeinde Xepache. Die Resultate sind gut, bis zu zwei Pfund wiegt eine Zwiebel. Die kleineren Exemplare verkauft er auf dem Markt in Quetzaltenango, die großen nach Costa Rica.

Zu schaffen machen ihm und seinen Nachbarn allerdings die Veränderungen der letzten Jahre. Drei Bergbauunternehmen haben Lizenzen erworben und beginnen systematisch damit, steinige Erde abzutragen. Diese ist das Resultat eines Ausbruchs des heute nicht mehr aktiven Vulkans im Jahre 1902 und dient als Grundstoff für Baumaterial. Riesige Lücken klaffen schon jetzt auf den ehemals bewaldeten Hügeln. Die Folge ist Wassermangel auf den Feldern. In der Trockenzeit führt der Staub zu Atemwegserkrankungen, und in der Regenperiode sind die Überschwemmungen viel stärker als früher, erzählt Mario López, Bürgermeister der Gemeinde Tierra Colorada Baja. Ein Mann verunglückte tödlich, als er beim Hüten seiner Schafe in eine ungesicherte Entwässerungsgrube stürzte. Die Unternehmen hätten danach die Gruben zugeschüttet und bestreiten jede Verantwortung, so López.

Nachdem zahlreiche Gespräche zwischen den Bergbaufirmen und Gemeindevertretern ergebnislos verliefen, haben die Einwohner beschlossen, ihren Forderungen mit gewaltfreien Straßenblockaden Nachdruck zu verleihen. Seit Mitte Mai versperren Tag für Tag überwiegend Frauen aus der Gemeinde die Zufahrtswege und lassen die Lastwagen nicht passieren. Eine junge Aktivistin, die ihren Namen nicht nennen will, legt aber Wert darauf, dass sie nur die Lkw-Durchfahrten sperren, der Alltag der Einwohner werde durch die Blockaden nicht beeinflusst. »Wir haben keine Lust mehr, uns von den leeren Versprechungen der Unternehmen hinhalten zu lassen, die sollen ihre Arbeit hier beenden«, betont sie.

Die Staatsanwaltschaft reagierte schnell. Gegen fünf Frauen und zwei Männer aus der Gemeinde ist unter anderem wegen Nötigung, Erpressung und Terrorismus Anklage erhoben worden. Ein Termin für den Prozess, der vermutlich in Quetzaltenango stattfinden wird, steht noch nicht fest. Den Beschuldigten drohen hohe Haftstrafen.

Doch die Anklagen sind nicht der einzige Versuch der Einschüchterung. Aktivisten berichten von Fahrzeugen mit verdunkelten Scheiben und ohne Kennzeichen, die immer wieder durch die Gemeinden fahren und an den Blockaden Beteiligte beobachten. Auch während der Recherchen für diesen Artikel tauchte ein solches Fahrzeug auf, mit dem das Geschehen beobachtet wurde.

Zu den größten der in dem Gebiet aktiven Unternehmen zählt Agreca, eine Tochterfirma des Zementherstellers Cementos Progreso und im Besitz der Familie Novella, einer der reichsten des Landes. Cementos Progeso reagiert brutal auf Proteste gegen ihr Geschäft. Als Betroffene gegen den Bau einer Zementfabrik in San Juan Sacatepequez auf die Straße gingen, wurden mehrere führende Aktivisten ermordet.

Spätestens seit Guatemalas Parlament 2005 per Gesetz ausländischen Bergbauunternehmen Tür und Tor geöffnet hat, eskalieren in vielen Regionen die Konflikte. Viele Gemeinden organisieren sich gegen Bergbau- und andere Megaprojekte. Zu den konsequentesten Vertretern der indigenen Bevölkerung gehört das Komitee für bäuerliche Entwicklung (Codeca). Damit ist die Organisation zum Ziel von Attentaten geworden. Allein seit dem 9. Mai wurden sieben Aktivisten der Codeca sowie des Bauernkomitees des Hochlandes (CCDA) im Zusammenhang mit ihren politischen Aktivitäten umgebracht. So wurde am 23. Juni Eugenio López, ein Mitglied der traditionsreichen Landarbeitergewekschaft CUC, durch mehrere Schüsse ermordet.

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