Aus: Ausgabe vom 09.07.2018, Seite 7 / Ausland

Gestürzt über Kokain

Drogenfund versetzt Algerien in Aufregung

Von Sofian Philip Naceur
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Für den Drogenschmuggel finden die Kriminellen immer neue Wege

Korruptionsvorwürfe gegen hochrangige Politiker, Beamte oder Geschäftsleute sorgen in Algerien regelmäßig für Schlagzeilen. Doch die aktuelle »Kokainaffäre« und damit in Verbindung stehende Entlassungen im Sicherheitsapparat könnten das Land noch Monate oder gar Jahre in Atem zu halten und Algeriens undurchsichtiges Machtgefüge nachhaltig aufmischen.

Erst in der vergangenen Woche mussten der Sicherheitschef der Provinz Algier, Noureddine Berrachedi, und der Leiter der einflussreichen und vom Militär kontrollierten Gendarmerie, Generalmajor Menad Nuba, überraschend abtreten. Schon eine Woche zuvor war der Generaldirektor der Landespolizeibehörde DGSN, Abdelghani Hamel, entlassen und durch den bisherigen Chef des Zivilschutzes, Mustafa El-Habiri, ersetzt worden.

Gründe dafür wurden seitens offizieller Stellen nicht genannt. Doch insbesondere Hamels Demission wurde von der algerischen Presse zügig mit dem spektakulären Fund von 701 Kilogramm Kokain im Hafen der Mittelmeerstadt Oran Ende Mai in Verbindung gebracht. Das in einem Container mit tiefgefrorenem Fleisch versteckte Rauschgift war per Schiff von Brasilien mit Zwischenstopp in der spanischen Hafenstadt Valencia nach Algerien transportiert und dort von den örtlichen Behörden beschlagnahmt worden. Schon am Folgetag saßen die ersten Verdächtigen hinter Gittern, unter ihnen der algerische Geschäftsmann Kamal Chikhi, für dessen Firma Dunya Meat der betroffene Container bestimmt war. Der in Algeriens Presse meist nur »der Fleischer« genannte Chikhi und vier weitere Verdächtige müssen sich nun wegen Drogenhandel, -import und -vertrieb, aber auch wegen Geldwäsche verantworten. Alle beteuern ihre Unschuld.

Pikant sind in dieser Affäre vor allem Chikhis Kontakte zu hochrangigen Politikern und Beamten. Mehrere beschlagnahmte Datenträger enthalten offenbar kompromittierende Videoaufnahmen von Treffen Chikhis mit algerischen Offiziellen. Schon im Juni wurden drei Richter am Flughafen von Oran aufgrund ihrer möglichen Verwicklung in die Affäre verhaftet. Doch auch Staatsanwälte, Bürgermeister und Kinder hochrangiger Politiker werden mit dem Fall in Verbindung gebracht.

Entsprechend provokant waren die Äußerungen des inzwischen entlassenen Polizeichefs Hamel, der auf einer Pressekonferenz Ende Juni die von Justizministerium und Gendarmerie durchgeführten Voruntersuchungen scharf kritisierte und den Ermittlern Regelverstöße attestierte. Vor allem ein Satz des seit 2010 amtierenden Polizeichefs sorgte für Furore: »Wer Korruption bekämpfen will, muss selbst sauber sein.« Am Tag nach dieser Stellungnahme war Hamel seinen Job los.

Überraschend sei, wie offen algerische Offizielle mit dem Fall in Verbindung gebracht werden, meint Matthew Herbert, Forschungsstipendiat der »Global Initiative Against Transnational Organized Crime«. »Normalerweise bleiben solche Affären eher im verborgenen«, so der Experte für Drogenschmuggel in der Region gegenüber junge Welt. Der Fall könne deshalb mit Machtkämpfen zwischen den verschiedenen Clans des Regimes in Zusammenhang stehen. Immerhin sollen im Frühjahr 2019 Präsidentschaftswahlen stattfinden.

Die Menge an Kokain, die im Mai in Oran gefunden wurde, impliziere zudem, dass es sich keineswegs um eine neue Route handele. »Man testet keine Route mit 700 Kilogramm«, so Herbert. Ein jahrelang genutzter Weg, bei dem Kokain von Südamerika nach Westafrika verschifft und dann von Schmugglern quer durch die Sahara nach Nordafrika transportiert wurde, gilt angesichts der Präsenz ausländischer Antiterroreinheiten in den Sahelstaaten Mali und Niger inzwischen als zu unsicher. Entsprechend weichen Schmuggler auf neue Routen aus und steuern offenbar Nordafrika vermehrt direkt an.

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