Aus: Ausgabe vom 06.07.2018, Seite 12 / Thema

Mit Pauke und Gummiknüppel

In kaum einer anderen Kunstform drückte sich die Proteststimmung der 1960er so deutlich aus wie im politischen Kabarett. Aber die Hoffnungen auf eine Aktivierung der Zuschauer erfüllten sich nicht

Von Jürgen Pelzer
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Den linken Kabaretts ging es vor allem um Aufklärung – »Schah-Happening« des Kabaretts »Die Hintertreppe« am 26. Oktober 1967 in der Nürnberger Innenstadt

Um die Studentenbewegung und die immer stärker werdende Proteststimmung der 1960er Jahre zu verstehen, muss man in die späten 1950er Jahre zurückgehen. Der westdeutsche Kanzler Konrad Adenauer saß fest im Sattel, die Wirtschaft florierte, keine Krise war in Sicht. Die Bundesrepublik gehörte seit 1955 zur NATO, die ersten Rekruten waren eingezogen, und man betrieb die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomsprengköpfen (angeblich nur eine »Weiterentwicklung der Artillerie«, so Adenauer). 1956 nahmen die Regierungsparteien eine Notstandsgesetzgebung in Angriff, um für einen eventuellen Kriegsfall gerüstet zu sein – so sollte, wie es hieß, eine »Lücke im Grundgesetz« geschlossen werden. Die bislang oppositionelle SPD strich 1960 die Segel: Sie akzeptierte die Remilitarisierung und den NATO-Beitritt, legte ihre auf Kooperation basierenden deutschlandpolitischen Pläne zu den Akten und beschränkte sich auf die Reform des Kapitalismus. Damit gab es im Bundestag praktisch keinerlei Opposition mehr, ja, es lässt sich feststellen, dass dort seit etwa 1960 viele wichtige Fragen gar nicht mehr diskutiert wurden. Jede ernsthafte Gegenkraft war also zwangsläufig außerparlamentarisch: die gegen Remilitarisierung und Kriegsvorbereitung gerichteten Ostermärsche (seit 1960) ebenso wie die Proteste des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der den Anpassungskurs der SPD nicht mitmachen wollte und deshalb von der Mutterpartei zunächst marginalisiert und dann ausgeschlossen wurde.

Zeit der Krisen

Doch die außerparlamentarische Opposition, die APO, wie sie bald hieß, ließ sich nicht mundtot machen. Dazu trugen vor allem die diversen Krisen bei, mit denen der CDU-Staat konfrontiert war: der Mauerbau vom August 1961 enthüllte das Scheitern der Adenauerschen Deutschlandpolitik, der amerikanische Präsident John F. Kennedy blockierte die Atomausrüstung der Bundeswehr und suchte die Verständigung mit dem Ostblock, und die sogenannte Spiegel-Affäre (1962) offenbarte nicht nur die Widersprüche der westdeutschen Verteidigungspolitik, sondern auch die grobe Missachtung der Pressefreiheit und den Machtmissbrauch einiger Politiker. Der – lange verzögerte – erste Frankfurter Auschwitzprozess, der 1963 begann, enthüllte das Ausmaß der nazifaschistischen Verbrechen und die Geschichtsvergessenheit, ja Geschichtsverleugnung in der Bundesrepublik. Nun war zumindest für kritische Geister die Kontinuität der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Eliten nicht mehr zu übersehen. Schließlich führte die erste Wirtschaftskrise – eine relativ milde Rezession – zur politischen Krise: Die zweite Koalitionsregierung unter Ludwig Erhard brach auseinander, der Neonazismus erhob sein Haupt (die neofaschistische NPD zog in diverse Landesparlamente ein), und es kam im November 1966 zur Bildung einer ersten Großen Koalition, die obendrein von Kurt Georg Kiesinger, einem ehemaligen Nazi geführt wurde.

Die APO, die eigentlich eine nur lose organisierte, dezentralisierte Bewegung war, gewann in der Folge immer stärker an demokratischer Legitimität und politischer Durchschlagskraft, ja an Massenbasis.

Von der Politisierung in den 1960er Jahren wurde auch das politische Kabarett erfasst, also jene szenische Kunstform, die direkt auf die politischen, sozialen und kulturellen Zeitumstände eingeht und sie mit satirischen oder komödiantischen Mitteln kritisch kommentiert und beleuchtet. In Deutschland – Ost wie West – existierte das Kabarett, das das ältere literarische oder varietemäßige Cabaret verdrängte, seit dem Sommer 1945. Es erlebte nach dem Krieg einen erstaunlichen Aufschwung, was sich daraus erklären lässt, dass es zum einen leicht zu organisieren ist – man braucht eigentlich nur ein Podium, Texte, Vortragende und ein Publikum – und zum anderen, weil es einem weitverbreiteten Bedürfnis nach Information, Selbstverständigung und Kommunikation entgegenkam. Doch die frühen Kabaretts, die gelegentlich alte Nazis, den deutschen Militarismus und andere deutsche Untugenden aufs Korn nahmen, oft aber lediglich das Ungewisse der unmittelbaren Nachkriegsjahre beklagten und, meist versteckt, die Behörden der jeweiligen Besatzungsmacht kritisierten, sollten bald verschwinden.

Drei Kabarettensembles wurden in den Wirtschaftswunderjahren der Adenauer-Ära stilbildend: das Düsseldorfer »Kom(m)ödchen«, die Westberliner »Stachelschweine« und die Münchner »Lach- und Schießgesellschaft«. Und durch das Mediums Fernsehen, das in die westdeutschen Haushalte einzog, erlangten sie bald überregionale Bedeutung. Hatte sich das alte Kabarett meist nur an einen kleinen, relativ exklusiven bürgerlichen Kreis gewandt und die Aura einer geheimen, augenzwinkernden, aber letztlich harmlosen Opposition kultiviert, so stiegen die genannten Kabaretts dank der medialen Breitenwirkung zu Massen- oder Unterhaltungskabaretts auf, die an Samstagabenden gelegentlich ein Millionenpublikum vor die Mattscheibe lockten.

Die dort geäußerte Kritik hielt sich nicht nur wegen der allgegenwärtigen und nicht selten brachial einschreitenden Zensur in engen Grenzen. Man konnte zwar brenzlige Themen aufgreifen, die Politik und Presse verschwiegen, doch verlegte man sich zumeist auf eine Personalisierung der Probleme, d. h. auf eine komödiantische Karikierung führender Politiker, die oft selbst im Publikum saßen und damit beweisen konnten, wie liberal oder humorvoll – bzw. wie wichtig sie waren, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen haben musste. Populär war der mehr oder weniger satirische Rundumschlag, bei dem alle Gruppierungen ihr Fett abbekamen. Tiefergreifende Probleme wurden allenfalls angedeutet, wobei schon das Rühren an Tabuthemen als besonders wagemutig galt. Eine klare politische Linie oder eine Art Fernziel gab es kaum, sieht man davon ab, dass die meisten Kabarettisten irgendwie mit der SPD sympathisierten.

»Bunter Abend für Revolutionäre«

Anfang der 1960er Jahre trat dann eine jüngere Generation von Kabarettistinnen und Kabarettisten auf den Plan und griff gesellschaftliche Probleme auf, ohne gleich auf die Medienpräsenz zu schielen. Dies gilt etwa für Hannelore Kaubs »Bügelbrett«, das in Heidelberg gegründet wurde, aber sehr bald nach Westberlin übersiedelte, für die »Leid-Artikler« aus Hannover, aus deren Reihen später Dietrich Kittner hervorging; oder das Solokabarett von Wolfgang Neuss. Ausschlaggebend für das satirische Engagement und die verschärfte Opposition war der Mauerbau. So schrieb etwa Neuss: »Am 13. August 1961, am Tage des Berliner Mauerbaus, erkannten viele Kabarettisten, auch ich, was man von 1945 bis 1961 falsch gemacht hatte. (…) Eine Regierung, die in der Deutschlandpolitik so menschenfeindliche Fehler gemacht hat wie die unsrige (die Opposition ist ›nur‹ mitgelaufen) – eine Regierung, die diese Fehler ununterbrochen ausbaut und auf ihr Recht pocht (…), eine solche Regierung steckt mit ihrer Krankheit das Volk an. Und so ist auch das Kabarett, in dem der Grundtenor ›Drüben sitzen die Bösen, bei uns die Besseren‹ vorherrscht, leider ein schändliches Kabarett, schändlich wie die falsche Politik.« Neuss plädierte konsequenterweise für ein Kabarett, das zu den Wurzeln der politischen Misere, wie sie besonders in Westberlin spürbar war, vordringt. Er versuchte dies in spektakulären Soloprogrammen wie »Das jüngste Gerücht« (1962), »Neuss Testament« (1965), »Asyl im Domizil« (1967) sowie »Marxmenschen« (1968).¹

Als Solokabarettist verzichtete Neuss auf das traditionelle Nummernprogramm und lieferte statt dessen einen an den aktuellen Ereignissen orientierten Politkommentar, den er mit Schlagzeug, einer Pauke und im letzten Programm aus aktuellem Anlass mit einem Gummiknüppel pointierte. Kalauer, raffinierte, oft schockierende Wort- und Satzkaskaden wurden eingesetzt, ohne auf das Niveau gaghafter Unverbindlichkeit abzusinken. Neuss’ unversöhnliche Oppositionshaltung gegenüber allem Reaktionären, Heuchlerischen, Spießigen blieb stets erkennbar. In »Neuss Testament« trat er als Nachfolger François Villons auf und zeichnete aus der Außenseiterperspektive ein satirisches Gesellschaftspanorama, in dem alle jene Gruppen versammelt waren, die er für den desolaten Zustand von Politik und Gesellschaft verantwortlich machte, namentlich die »Topmanager mit den Luxusnutten«, »Minister mit der großen Koalitze zu der Hose«, die »hagren Beutemacher Oetker, Flick und Krupp (das Wolfsgesindel)«, die »Funktionäre«, »die im Arsch von Fabrikanten ihr Schäfchen trocknen«, »Sozialfaschisten« und überhaupt die ganze, opportunistische »Kleinbürgersippe«. Mit Springers Medienmacht legte Neuss sich früh an, und im letzten Programm, dem »Bunten Abend für Revolutionäre«, thematisierte er die Ausbeutung der »Dritten Welt« und rief zu aktivem Engagement auf, was auch mit Geldsammlungen für die vietnamesische Guerilla einherging.

Hannelore Kaubs »Bügelbrett«, das als traditionelles Ensemblekabarett auftrat, setzte sich vom Wohlstandskabarett (»Satire im Fett«) ab und wollte keine »Supershow für volle Kassen« liefern, sondern statt dessen echte Tabus aufgreifen und das Publikum mit »vollauf exakten, doch brutalen Fakten« konfrontieren. Die absehbare Verärgerung nahm Kaub in Kauf. Eines ihrer Hauptthemen war das Scheitern der Bonner Regierungspolitik. Kaubs berühmter, ja legendärer »Mauersong« stellte die westdeutsche Mitverantwortung für den 13. August offen heraus und fragte »Warum darf man es nicht laut und offen sagen? Das da drüben ist ein zweiter deutscher Staat.« Mit der Folge, dass dieser Song wie auch auch andere brisante Texte prompt der Fernsehzensur zum Opfer fielen. Kaub ließ sich davon jedoch nicht entmutigen, sondern stellte weiterhin die Widersprüche zwischen offizieller Ideologie und Realität heraus, ohne die Wirkung einer solch »ernsten Satire« durch Gags oder humoristische Pointen zu verspielen.

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»Der Faschismus ist eine Spielart der freien Marktwirtschaft.« Der Kabarettist Wolfgang Neuss am 9. April 1966 in der Gruga-Halle in Essen

Erste Ansätze zu einer zielgerichteten Systemkritik wiesen dann eine Reihe Kabaretts auf, die um 1965/1966 als Studentenensembles gegründet wurden. Herausgegriffen seien hier drei der bekanntesten: das Münchner »Rationaltheater«, der Kölner »Floh de Cologne« und das Westberliner »Reichskabarett«. Das »Rationaltheater« führte erstmals das Mittel der Dokumentation (Filmausschnitte, Dias, Tonband, Statistiken usw.) ein, um dem satirischen Angriff mehr Authentizität und damit mehr Durchschlagskraft zu verleihen. So stellte man etwa im ersten Programm »Henkerswahlzeit« einerseits, in satirischer Karikierung, eine typische Bundestagssitzung samt ihren verschleiernden Rederitualen und Floskeln dar und kontrastierte dies mit eingeblendetem dokumentarischen Material, um so die ernsten Konsequenzen der satirisch herausgestellten Heucheleien und Irreführungen zu betonen. Ein einfaches Verlachen oder ein »Retten in den Applaus« sollte vereitelt werden. Als ruchbar wurde, dass der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke früher als Architekt am Entwurf von KZ-Baracken beteiligt war, stellte man die entsprechenden Informationen gleich in einem Schaukasten am Eingang der Spielstätte aus – mit enormer Resonanz. Die dokumentarische Technik wandte man sehr bald auch auf Themen an, die Aufschlüsse über das kapitalistische System versprachen, etwa zur Ausbeutung von Lehrlingen oder zum angeblich bereits überwundenen Mangel an Chancengleichheit. Das »Rationaltheater« behielt diesen Kurs auch noch nach den APO-Jahren bei, etwa indem es bestimmte gesellschaftliche Randzonen – z. B. die Situation im Strafvollzug – in den Mittelpunkt stellte.

SimSAladimbambaSAladUSAladim

Der »Floh de Cologne« lässt sich dagegen, vor allem in seinen Anfängen, als Provokations- und Schockkabarett charakterisieren. 1967 kamen die Kölner mit einem Programm zum Vietnamkrieg heraus. Die »Revue« mit dem Titel: »SimSAladimbambaSAladUSAladim« stellte in schonungsloser Offenheit die Unterdrückungsgeschichte Vietnams und die Grausamkeit der US-amerikanischen Kriegführung heraus. Auch hier arbeitete man mit dem Kontrast von dokumentarischen Zitatencollagen und Augenzeugenberichten, um so die verantwortlichen Politiker sich selbst entlarven zu lassen. Auch hier galt es zu verhindern, dass sich das Publikum »in den Applaus rettete« oder gar das Thema Vietnam »als ästhetisches Problem« verharmlost wurde. Statt Amüsement sollte ein solches Programm den Ansatzpunkt zu politischer Arbeit liefern. Provokativ war auch die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in der BRD, wobei man etwa die christliche Verbrämung des Kapitalismus und die bewusste politische Verdummung herausstellte. Schonungslos wurde das opportunistische Versagen der SPD betont. Die Parteienkonstellation des Jahres 1966 kommentierte man so: »Deutsche Parteien sind Präservative / Preis verschieden / Verpackung verschieden / Inhalt durchsichtig / Aufgeblasen sehen sie alle gleich aus. / Und alle verhindern, dass was bei rauskommt.«

Unter dem Einfluss des antiautoritären Flügels der Studentenbewegung konzentrierte man sich in den folgenden Programmen, etwa in »Zwingt Mensch raus«, auf Themen wie Konsumzwang und Triebunterdrückung, die als äußerst wirksame Herrschaftsinstrumente entlarvt wurden. So wurde etwa ein »Recht auf sexuelle Verklemmung« postuliert. Noch weiter trieb man Überlegungen dieser Art im »7. Programm«, wobei man Ordnungshysterie, Vorurteile und andere autoritäre Verhaltensweisen auf Triebunterdrückung zurückführte. Doch gleichzeitig stellte dieses Programm eine Art Wendepunkt dar, da man erkannt hatte, dass ein traditionelles, d. h. ein »liberal-konservatives Kabarettpublikum« auch mit Schockmethoden nicht aus seiner Amüsierhaltung herauszulocken war. »Diese Leute lassen sich sogar anpissen«, heißt es aggressiv-enttäuscht, »wenn es formal gut gelöst ist«. Folgerichtig ging man dazu über, neue Publikumsschichten, z. B. Jungarbeiter und Lehrlinge, anzusprechen und nutzte dabei Musik als Transportmittel.

Die wohl interessanteste Westberliner Kabarettneugründung war das »Reichskabarett«, das unter der Leitung von Volker Ludwig zwar als eher traditionelles Ensemble (mit hervorragender Musikbegleitung) auftrat, doch frühzeitig antikapitalistische und antiimperialistische Haltungen einnahm. Auch hier begann man, mit Dokumentationen zu arbeiten, da man sich nicht auf die Vorinformationen des Publikums verlassen wollte. So lieferte man im Programm »Bombenstimmung« (1966) erst einmal die historischen Hintergründe zum Vietnamkrieg – die Kritik an der US-amerikanischen Kriegführung sollte so fundiert und so konkret wie möglich ausfallen, um dem, vor allem durch die Springer-Presse geschürten Antikommunismus und einer abstrakten Freiheitsrhetorik entgegenzuwirken. Die vorherrschende Technik des »Reichskabaretts« bestand darin, von gängigen reaktionären Parolen auszugehen, um sie satirisch durchzuspielen – bereits die Programmtitel verraten dies, etwa »Kein schöner Land« (1965), »Wir kennen keine Parteien mehr (1966)« oder »Hab Bildung im Herzen« (1967). Dabei wurden zwangsläufig Zusammenhänge sichtbar, etwa zwischen dem von Bonn unterstützten Vietnamkrieg und der Notstandsgesetzgebung, die nicht nur als vorübergehende Einschränkung der parlamentarischen Demokratie, sondern als potentieller Wegbereiter in einen autoritären, unternehmerfreundlichen Staat dargestellt wurde. Man scheute sich nicht, die geplanten (und im Mai 1968 mit den Stimmen der SPD – »So ’ne Partei deprimiert« – verabschiedeten Gesetze) in die Nähe des Ermächtigungsgesetzes von 1933 zu rücken und dokumentierte dies, indem man aus beiden Gesetzestexten parallel rezitierte. Doch am radikalsten trat das »Reichskabarett« mit dem Programm »Der Guerilla lässt grüßen« (1968) auf, um die Mechanismen der »kapitalistischen Weltherrschaft« zu demonstrieren. Man ließ eine Gangsterclique – eine »Organisation für freies Unternehmertum« – auftreten, die stets dort interveniert, wo es zu Revolutionen, Befreiungsbewegungen oder anderen Protestbewegungen kommt.

Das leidige Publikum

Freilich machte auch hier der enorme Erfolg – der nicht nur dem Inhalt, sondern ebenso der musikalisch brillant untermalten Darstellung geschuldet war, die Autoren stutzig. Selbst die liberale Presse war voll des Lobes – und dies in einer durch und durch antikommunistischen Stadt, in der die Polizei hemmungslos gegen Demonstranten vorging und die Bevölkerung, aufgehetzt durch die Springer-Presse, Jagd auf Langhaarige machte. Volker Ludwig erklärte das Kabarett daher zum »Papiertiger«. Es täusche eine Macht vor, die es einfach nicht habe. Die Erwartungshaltung des nach wie vor bürgerlichen Publikums laufe, das ließ sich nicht ändern, auf Amüsement hinaus, während es doch – und hier sind die Parallelen zum politischen Theater greifbar – darauf ankomme, Wissen und Erkenntnisse zu vermitteln und zum Handeln zu motivieren. Ludwig zog daraus die Konsequenz, statt Kabarett Theater für Kinder zu machen, gründete er später das Grips-Theater.

Der »Floh de Cologne« ging dazu über, die kritischen Inhalte in Rockopern zu verpacken. Am längsten hielt wohl Dietrich Kittner – der bei den »Leid-Artiklern« begonnen hatte – am Kabarett und an den Möglichkeiten der engagierten Satire fest. Sein jahrzehntelanger Erfolg beruht dabei sicher auch darauf, dass er sich – wann immer möglich – sein Publikum selbst suchte.

Anmerkung:

1 »Marxmenschen« erschien als Platte 1968 bei Bellaphon. Der Mitschnitt der Liveaufnahme findet sich auch im Internet (http://t1p.de/hfat). Der Text des gesamten Programms ist abgedruckt in: Volker Kühn (Hg.): Der totale Neuss. Gesammelte Werke, München 1997, S. 533–618

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. Mai 2018 über Bertolt Brechts Stück »Furcht und Elend des Dritten Reiches«.

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Debatte

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  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 6. Juli 2018 um 07:35 Uhr)

    Die Erkenntnisse des "ollen Bullerkopfs" und "roten Feuerwehrmannes" Dietrich Kittner haben bis heute ihre Gültigkeit behalten. Beispiel: "Vom Denken bekommt man Beulen." Seine Begründung: " Wer denkt, wird links - wer links ist, demonstriert - wer demonstriert, bekommt den Knüppel - logischerweise bekommt man also vom Denken Beulen." Hamburg läßt grüßen.

  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 6. Juli 2018 um 07:37 Uhr)

    Die Erkenntnisse des "ollen Bullerkopfs" und "roten Feuerwehrmannes" Dietrich Kittner haben bis heute ihre Gültigkeit behalten. Beispiel: "Vom Denken bekommt man Beulen" Seine Begründung: " Wer denkt, wird links - wer links ist, demonstriert - wer demonstriert, bekommt den Knüppel - logischerweise bekommt man also vom Denken Beulen." Hamburg läßt grüßen.

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