Aus: Ausgabe vom 30.06.2018, Seite 4 / Inland

Eine Kämpferin ohne Heuchelei

Der Holocaust als Mahnung, die Solidarität mit den Palästinensern als Aufgabe. Nachruf auf Felicia Langer

Von Norman Paech
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Steter Einsatz für uneingeschränkte Menschenrechte: Felicia Langer

»Meine Lehre aus dem Holocaust bedeutet Menschlichkeit, Mitleid mit den Opfern und Ablehnung von Unrecht ... Ich habe das Leid der Palästinenser und ihre unerträgliche Lage mit eigenen Augen gesehen und mit ihnen gelitten. Dies sind meine Beweggründe bis zum heutigen Tag, mich für die Gerechtigkeit einzusetzen und meine Aufklärungsarbeit in Deutschland weiterzuführen. Ich versuche im Sinne der humanistischen Werte, die Menschenliebe bedeuten, zu handeln.« Mit diesen Worten bedankte sich Felicia Langer für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2009 durch den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Und sie fügte hinzu: »Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, dass diese wichtige Auszeichnung meines Lebens so die Universalität der Menschenrechte würdigt.« Doch war es immer ihr Schmerz, dass sich diese Würdigung nicht für die Menschenrechte der Palästinenser realisieren ließ.

Langer hatte viel Erfahrung mit Leid und Unrecht. 1939 musste sie mit ihren Eltern aus ihrer polnischen Heimatstadt Tarnow vor den Nazis in die Sowjetunion fliehen. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Israel, zusammen mit ihrer großen Liebe, Mieciu, der alle Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren hatte. Sie konnte Jura studieren und 1965 eine Praxis in Tel Aviv eröffnen. Ihre ersten Fälle waren arabische Demonstranten, Arbeiter, junge Kriminelle, von ihren Männern verlassene Frauen. Mit den zionistischen Zielen des Staates Israel konnte sie sich nie identifizieren und trat schon frühzeitig der Kommunistischen Partei bei. Nach dem Sechstagekrieg richtete sie 1967 ein Büro in Jerusalem ein, um die palästinensische Bevölkerung vor den Militärgerichten in Israel zu verteidigen. Doch 1977 schon wurde ihr dafür die Lizenz entzogen. Zudem konnte jedes Zivilgericht sie vom Prozess ausschließen, wenn das Verteidigungsministerium Sicherheitsbedenken vorbrachte. Sie war in ihrer Arbeit praktisch auf die Militärgerichte in den besetzten Gebieten beschränkt. Die Jerusalem Post schrieb 1983 in einer Reportage über Langer: »Diese Rechtsanwältin in einem Gespräch – selbst unter gebildeten Liberalen – erwähnen, erzeugt starke Äußerungen des Hasses und der Abneigung.« Die Anfeindungen waren so stark und die Arbeitsbedingungen in den vollkommen unkalkulierbaren Prozessverfahren so erschwert, dass sie 1990 ihre Praxis schloss und nach Tübingen zu ihrem Sohn Michael zog.

Es begann eine unermüdliche Vortrags- und Publikationstätigkeit. 14 Bücher schrieb sie insgesamt: »Die Zeit der Steine« (1990) über den palästinensischen Widerstand, die autobiographischen Bücher »Zorn und Hoffnung« (1991) und »Brücke der Träume« (1994), »Brandherd Nahost oder: die geduldete Heuchelei« (2004) oder die Sammlung von Reden und Interventionen »Bis zum letzten Atemzug« im vergangenen Jahr. Die Authentizität ihrer Kritik, ihre illusionslose Analyse und ihr ungetrübter Realismus brachten ihr nach dem Alternativen Nobelpreis für ihr Lebenswerk (1990) in Palästina zahlreiche weitere Preise ein: unter anderem den Hans-Litten-Preis, den Bruno-Kreisky-Preis, den Erich-Mühsam-Preis und vor allem den Palästinensischen Verdienstorden (2012). Doch versuchten ebenso viele Anfeindungen und Angriffe vor allem aus den jüdischen Reihen sie einzuschüchtern. Dass ihnen das nicht gelang, ist auch ihrem humorvollen Mieciu, ihrer »Klagemauer« zu verdanken, der sie auf ihren Reisen begleitete, bis er vor drei Jahren starb – der wohl schwerste Verlust in ihrem Leben.

Es ist die Tragik dieser großen Frau, dass all die Anerkennung und ihre internationale Bekanntheit nicht zu einem Umdenken der Politik in Israel und Deutschland geführt haben. Die ewige Berufung auf die Menschenrechte sollte auch für die Palästinenser Realität werden und nicht zur puren Heuchelei verkommen. Ihre Wirkung lag auf der anderen Seite, dort wo die Berufung auf Völker- und Menschenrechte sich mit der aktiven Solidarität mit den Palästinensern verbindet. Diese andere Stimme bestärkte sie in ihrer Kritik an der israelischen Politik, ja, forderte sie geradezu als Verpflichtung wegen der furchtbaren deutschen Geschichte heraus und nahm sie gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. »Ich bin eine Jüdin, Israelin, aber auch Deutsche und mein Mann ist Holocaustüberlebender«, sagte sie 2010 in einem Interview. Das gab ihr die Legitimation für ihre Kritik und ihre Mahnung an die Deutschen, aus dem Holocaust nicht die falschen Lehren zu ziehen. Am 22. Juni ist Felicia Langer gestorben, ihr Beispiel und ihre Mahnung leben fort.

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  • Emmo Frey: Lebensfreude und Zivilcourage Für den Nachruf auf Felicia Langer möchte ich Ihrer Zeitung ein großes Dankeschön sagen, selbstverständlich auch dem Autor Norman Paech! Wir hatten Frau Langer zweimal als Vortragende bei unserem ehem...

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