Aus: Ausgabe vom 27.06.2018, Seite 11 / Feuilleton

Viel Sinn fürs Delikate

Vorwärtsdrang, Klamauk und himmlisches Geklingel: Tobias Kochs Einspielung sämtlicher Klavierstücke Beethovens

Von Stefan Siegert
Tobias Koch
Tobias Koch

Abgesehen von einer kürzeren Periode minderer Produktivität in Folge einer persönlichen Krise verbrachte Ludwig van Beethoven 44 seiner 57 Lebensjahre damit, Musik von unbegrenzter Halbwertzeit hervorzubringen. Neben den Orchesterwerken, einer Oper, der Kammermusik – Schwerpunkt Streichquartett – komponierte er vor allem für sein Instrument, er war ein erstaunlicher Virtuose am Klavier.

32 Sonaten stehen im Vordergrund, gefolgt von Variationszyklen wie dem von Verleger Anton Diabelli veranlassten, unter ihnen Leuchttürme der Klavierliteratur. In ihrem Schatten, bis heute vom großen Publikum traurig wenig bemerkt: eine Vielzahl grandioser »Klavier­stücke«. Vier verschiedene Flügel der Beethoven-Zeit benötigte der auf alte Klaviere spezialisierte Pianist Tobias Koch, um alle Rondos, Adagios, Präludien, Bagatellen und eine – die einzige – Fantasie Beethovens auf Tonträger zu bannen.

Der Knabe Beethoven lernte auf einem Cembalo. Die frühen Kompositionen lässt Koch auf einem noch recht cembalonahen Tangentflügel (das Alltagsinstrument Mozarts) und auf einem Fortepiano von 1805 erklingen. Es handelt sich um die ersten zehn Tracks seiner drei CDs; darunter ein früher Fugenversuch. Alles noch ohne den später für Beethoven charakteristischen aggressiven Druck, den formenden Vorwärtsdrang.

Der dämmert und hämmert in der zweiten, auf einem Conrad-Graf-Hammerflügel von 1827 präsentierten Abteilung. Das Rondo a Capriccio, bekannt unter dem Namen »Die Wut über den verlorenen Groschen«, wird da zum lustigen Schock. Denn mittels der bei damaligen Klavieren gebräuchlichen speziellen Pedale konnte man – und Koch tut das in diesem Stück mit hörbar großem Vergnügen – tuschartige Schlagzeug- und Beckengeräusche, also »echte Stimmung« erzeugen. Den in der Klassik bislang als No Go verachteten Klamauk scheut Koch nicht, wenn er im ersten Abschnitt des Rondo a Capriccio die »Hereinspaziert!«-Atmosphäre und den Hau-auf-den-Putz-Lärm eines Jahrmarkts heraufruft.

Besonders bedauerlich ist das Schattendasein der Fantasie op. 77. Verstörend an ihrem Beginn ein zweiteilig unwirsches Arpeggio (wie ich es kürzlich erstaunt ganz ähnlich am Beginn von Scarlattis Sonate K2 wiedergefunden habe). Beethoven war schon als Jugendlicher berühmt für unerschöpfliches Improvisieren. Op. 77 erscheint exemplarisch. Immer neu setzt das Stück an. Die Arpeggien wirken wie der nasse, immer neue Kreideversuche wegwischende Schwamm auf einer Tafel. Dessen Wasserspur selbst wird zum Bildelement, die Arpeggien verändern sich. Erst nach der Hälfte des Stücks wird seine Grundtonart H-Dur und mit ihr sein fabelhaftes Variationen-Thema erreicht. Der pedalverzauberte Hammerflügel variiert seinen Klang mit jedem neuen Einfall – von transparent und luzide bis zu melancholisch umflort.

Am Beginn beethovenscher Meisterschaft der erste Bagatellen-Zyklus op. 33. Phantastisch, wie Tobias Koch die gestochene Schärfe und zugleich köstliche Elastizität des Anschlags der Hammerklavierkopie eines Flügels aus der Werkstatt der guten Beethoven-Freundin Nannette Streicher von 1827 ausspielt; er trifft mit viel Sinn fürs Delikate den Eigenwillen des Sprachgebrauchs gleich der ersten Bagatelle. Die zweite klänge, auf einem modernen Instrument gespielt, langweilig wie eine Etüde. Auf dem alten Flügel aber lässt Koch mit beethovenschem Humor die sich rhythmisch verschiebenden Leittöne im Bass knallen, im Minore-Teil löst sich die angestaute Energie wohlig im leicht verschleiernden Pedal.

Die zweimal 16 Takte der zunächst verführerisch seicht wirkenden Terz- und Sextgänge der Nummer 2 der späten Bagatellen op. 119 bleiben in der einen Minute, die das Stück dauert, nur dem Anschein nach unverändert. In Wirklichkeit verschieben sich andauernd kaum merklich alle möglichen Parameter. In den rhythmisch variierten 8 Takten Coda, vom alten Klavier obertonreich beflügelt, erklingt ein für den späten Beethoven typisch himmlisches Geklingel. In den in den letzten Monaten seines Lebens entstandenen Bagatellen op. 126 führt Beethoven die Kunst auf die Spitze, eine alles durchdringende Kantabilität subversiv und auf engstem Raum mit raffiniertester Polyphonie zu verschmelzen.

Beethovens Klavierstücke sind in ihrer Gesamtheit nicht nur ein faszinierender Querschnitt durch sein Komponistenleben. Man hört sich mit dieser Produktion auch durch eine wichtige Phase der Klavierbauentwicklung: industrielle Revolution in der Musik. Historisch gehöhtes Klangvergnügen am Beispiel der von einem begnadeten Tastensensoriker musizierten Klavierwerke des Meisters.

Beethoven: Sämtliche Klavierstücke (3 CDs) – Tobias Koch (Cavi/Harmonua Mundi)

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