Aus: Ausgabe vom 26.06.2018, Seite 10 / Feuilleton

Ein Glas Wasser für alle

Bundespräsidenten können Sie woanders hören: Am Sonntag bekamen Pit Knorr und Wiglaf Droste in Göttingen den »Elch« für ihr Lebenswerk

Von Christof Meueler
Droste_Sprachsprechstunde_c_Sabine_Sieweke-Sturm.jpg
Kommt klar: Neu-Elch Wiglaf Droste, »ein Großer« (F. Küppersbusch)

»Liebe Gemeinde, liebes Brautpaar!« begann Gerhard Glück, der Zeichenkünstler mit dem krassen Namen, am Sonntag sein »Grußwort« für die »Elche 2018« Pit Knorr und Wiglaf Droste. Sie bekamen den bedeutendsten (weil auch einzigen) Satirepreis, der in der Bundesrepublik verliehen wird, für ihr Lebenswerk. Und zwar in und von Göttingen, einer der besseren deutschen Universitätsstädte. Das dauerte fast drei Stunden und war anrührend und lustig.

Glück hatte den »Elch«, der auf den Spruch des großen F. W. Bernstein zurückgeht (»Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche«) 2017 entgegengenommen. Nun musste er zu Beginn der Zeremonie offenbaren, dass er an »grußwortbezogenen Versagensängsten« leide. Allerdings schon seit Anfang der 60er Jahre, als er dem damaligen, halbdementen Bundespräsidenten Heinrich Lübke dabei hatte zuhören müssen, wie er damit rang, zu einem Publikum zu sprechen, ohne zu wissen, wo er sich befand: Auf einem Marktplatz in Helmstedt, Niedersachsen, wie die Menge dann skandierte. Damals sei sein »Lebenstraum«, Bundespräsident zu werden, zerplatzt, so Glück.

Im Deutschen Theater in Göttingen dachte er nun über »Kosenamen« für das Preisträgerpaar nach, vielleicht »Black und Decker« oder »Smith and Wesson«? Tatsächlich hängen Knorr (Jg. 1939) und Droste (Jg. 1961) irgendwie zusammen, über das Satiremagazin Titanic, das Pit Knorr 1979 zusammen mit vier anderen Autoren und Künstlern gegründet und in dem Wiglaf Droste vorübergehend als Redakteur gearbeitet hatte.

Mit beiden Preisträgern wurde am Sonntagvormittag recht liebevoll umgegangen. Als »Giganten des Wortes« wurden sie von Moderator Lars Wätzold aufgefordert, die 3.333,33 Euro in bar, die in einem Säckchen zusätzlich zur silbernen Elch-Brosche überreicht werden, anzunehmen: »Greift zu, noch ist das Geld da!« Und Hans Zippert, der ehemalige Titanic-Chefredakteur, eröffnete am Rednerpult seine Laudatio auf Pit Knorr mit der Frage, ob alle Vortragenden aus demselben Glas Wasser trinken müssten? Er nahm jedenfalls einen tiefen Schluck. An Knorr lobte er dessen Bescheidenheit: lieber aus dem Hintergrund agieren statt sich blöd aufzudrängen. Knorr hat nicht nur Titanic erfunden, sondern auch den Spitznamen »Birne« für Bundeskanzler Helmut Kohl ersonnen und gemeinsam mit Robert Gernhardt und Bernd Eilert die Gags für Otto Waalkes geschrieben.

Dank Knorr »können wir über Dinge lachen, von denen unsere Vorfahren nicht gewusst haben, dass sie lustig sind«, meinte Zippert. Dies nannte Knorr in seinem anschließenden Vortrag den Schritt von der gesellschaftskritischen, aber wenig überraschenden Komik in die »massenkompatible Lachunterhaltung«. Dann trug er zwei Texte vor, die ihren Witz durch artistische Tempovorstöße aus dem Banalen ins Absurd-Lustige entfalteten, ähnlich dem schnellen Umschaltspiel im modernen Fußball. Es ging um einen Mann, der bei der Polizei mit biblischen Worten seine verschwundene Ehefrau beschreibt, und um eine Geschichte, die fast nur mit Inselnamen erzählt wird.

»Vielleicht werde ich auch mal so gut«, sagte Droste über Knorr, als er die Bühne betrat. Zuvor hatte ihm der Fernsehproduzent Friedrich Küppersbusch in seiner Laudatio zugerufen: »Wiglaf, du bist ein Großer. Komm gefälligst damit klar!« Schon die Elch­jury hatte den täglichen jW-Kolumnisten in ihrer Begründung als den »Kurt Tucholsky von heute und Heinrich Heine unserer Tage« gepriesen. Droste sang dann die Cat-Stevens-Schnulze »Morning has broken« in seiner neuen Version (»Morgen hat brochen ... Schön ist Markknochen, / ich werd’ ihn kochen / Für Jochen und dich / und mich und Karlheinz«). Des weiteren trug der laut Küppersbusch »unumarmbare« Droste ein paar splendide Liebesgedichte und seinen Nachruf auf Harry Rowohlt vor, der 2015 in dieser Zeitung erschien. Der Übersetzer und scharfrichterliche Showmaker Rowohlt, der Droste mindestens ebenso beeinflusst hat wie sein Freund, der berühmte Koch Vincent Klink, und der linksradikale Krimischriftsteller Dashiell Hammett, hatte den »Elch« 2001 bekommen. Seine Witwe Ulla war am Sonntag da. Zum Schluss sang Wiglaf Droste ohne Mikro, an der Gitarre begleitet von Ralph Schüller, eine ergreifende Version von »Knockin’ on Heaven’s Door.«

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton