Aus: Ausgabe vom 26.06.2018, Seite 6 / Ausland

An ein Tabu gerührt

Sri Lanka: Ehemalige Kämpfer der LTTE bleiben geächtet

Von Thomas Berger
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Kaum Unterstützung für frühere Rebellen: Ein ehemaliger LTTE-Kämpfer (rechts) 2012 neben Soldaten der Armee Sri Lankas

Sri Lankas Minister für Rehabilitation, Wiederansiedlung und religiöse Angelegenheiten, Deva Manoharan Swaminathan, hätte wissen müssen, an welches Tabu er da rührte. In einem kurzen Satz einer umfangreicheren Kabinettsvorlage regte er an, auch ehemalige Kämpfer der »Befreiungstiger von Tamil ­Eelam« (LTTE) und deren Angehörige in Kompensationszahlungen und Rehabilitationsmaßnahmen einzubeziehen. Bei seinen Kabinettskollegen stieß er damit sofort auf Ablehnung, und auch Präsident Maithripala Sirisena wischte den Vorschlag ohne jede Debatte vom Tisch.

Im Mai 2009 hatte die Armee Sri Lankas eine finale Offensive gegen die LTTE gestartet, die noch einmal den höchsten Blutzoll des 25 Jahre dauernden Bürgerkriegs forderte. Auch die Vereinten Nationen haben in diesem Zusammenhang den damals Verantwortlichen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Allerdings war es dem Militär mit seinem Vorgehen gelungen, die »Befreiungstiger« zu zerschlagen, ihre komplette oberste Führungsriege fand dabei den Tod.

Bis heute gelten die LTTE nicht nur in Sri Lanka selbst, sondern auch in den meisten westlichen Staaten als Terrororganisation. Das reicht aus, selbst die Hinterbliebenen getöteter Kämpfer und die Familien kleiner Mitläufer der sich selbst als Befreiungsorganisation verstehenden Rebellen kollektiv zu ächten. Auch in der buddhistisch-singhalesischen Bevölkerungsmehrheit des südasiatischen Staates werden Hilfszahlungen für sie weitgehend abgelehnt.

Zwar herrscht seit neun Jahren Frieden in Sri Lanka, doch die alten Konfliktlinien sind bestenfalls verdeckt, nicht jedoch verschwunden. Schon aus Sorge, vernarbte Wunden neu aufzureißen und sich für eigenes Fehlverhalten verantworten zu müssen, ist der Konflikt mit der Minderheit der Tamilen in Sri Lanka ein weitreichendes Tabu. Auch die seit Anfang 2015 im Amt befindliche Regierungskoalition wagt sich offenkundig nicht an dieses Thema. Dabei waren Staatsoberhaupt Sirisena und sein Koalitionspartner, Premier Ranil Wickremasinghe, angetreten, nach der Abwahl von Mahinda Rajapaksa für einen umfassenden Neuanfang zu sorgen.

Tatsächlich jedoch ist die Koalition weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Ein Teil von Sirisenas Freiheitspartei SLFP hat aus Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik inzwischen eine neue Gruppierung. Zudem ist das Lager um Expräsident Rajapaksa weiter einflussreich und bereitet sich auf die Rückeroberung der Macht vor. In den Medien des Landes wird derzeit spekuliert, dass bei der nächsten Präsidentenwahl Gotabaya Rajapaksa in den Ring steigen könnte. Er war unter seinem Bruder Mahinda von 2005 bis 2015 Verteidigungsminister und einer der besonderen Scharfmacher im Krieg gegen die LTTE. So soll er im Mai 2009 befohlen haben, sich ergebende LTTE-Kämpfer hinzurichten. Der Exminister streitet das ab. Ein ehemaliger General, der diese Anschuldigungen erhoben hatte, wurde 2011 wegen der »Verbreitung von Gerüchten« verurteilt.

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