Aus: Ausgabe vom 23.06.2018, Seite 15 / Geschichte

Rote Fahnen über Paris

Als die französische Regierung im Juni 1848 die Nationalwerkstätten schließen ließ, kam es zum Aufstand

Von Gerd Bedszent
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Den 40.000 Aufständischen standen 100.000 Soldaten gegenüber – Barrikadenkämpfe in der Rue Soufflot am 24.6.1848 (Gemälde von Horace Vernet)

Im Februar 1848 hatte die Pariser Bevölkerung König Louis ­Philippe von Orléans nach mehrtägigen erbitterten Straßenkämpfen zur Abdankung gezwungen. Der 1830 an die Macht gekommene »Bürgerkönig« war ein Interessenvertreter der Bankiers, Fabrikanten und Kaufleute. Innerhalb des Kleinbürgertums hatte er durch das Festhalten an einem rigiden Zensuswahlrecht alle Unterstützung verloren. Zudem geriet Frankreich 1847 in eine Wirtschaftskrise. Massen ruinierter Kleinproduzenten strömten in die Pariser Vorstädte, die Zahl der erwerbslosen Proletarier wuchs an. Das Regime Louis Philippes, gekennzeichnet durch eine nicht enden wollende Kette von Skandalen und Korruptionsaffären, war weder gewillt noch in der Lage, dieser Situation Herr zu werden. Friedrich Engels konstatierte, in Frankreich sei »seit der Revolution von 1830 die Herrschaft der Bourgeoisie so vollkommen errichtet (…), dass die herrschenden Klassen nichts anderes tun konnten als sich selbst zugrunde zu richten.«

Als im Februar 1848 Kleinbürger und Gewerbetreibende gegen das sie benachteiligende Wahlrecht aufbegehrten und sich zwischenzeitlich mit den Arbeitern der Vorstädte verbündeten, brach die morsch gewordene Monarchie binnen weniger Tage zusammen. Eine provisorische Regierung übernahm die Macht und proklamierte die »Zweite Republik«. Engels schrieb euphorisch: »Ehre den Pariser Arbeitern! Sie haben der Welt einen Stoß gegeben, den alle Länder der Reihe nach fühlen werden«.

Die Revolutionsregierung konnte wegen der unterschiedlichen Interessenlagen der sie repräsentierenden Schichten nicht von Dauer sein. In den wenigen Monaten ihres Bestehens wurden immerhin einige soziale Mindeststandards in die republikanischen Verfassung aufgenommen: das Recht auf Arbeit, auf Bildung und auf soziale Unterstützung. Die tägliche Arbeitszeit wurde gesetzlich begrenzt und die Gründung von Gewerkschaften zugelassen. Diese Sozialgesetzgebung ging hauptsächlich von Louis Blanc (1811–1882) aus, der im Revolutionskabinett den Posten des Arbeitsministers bekleidete. Blancs Schriften haben später die Programmatik der sozialdemokratischen Parteien stark beeinflusst.

Recht auf Arbeit

Das bürgerliche Eigentum wurde von der provisorischen Regierung nicht angetastet; das Recht auf Arbeit sollte in Gestalt sogenannter Nationalwerkstätten umgesetzt werden. Karl Marx verglich letztere mit den Zucht- und Arbeitshäusern Großbritanniens. Tatsächlich hatten diese Einrichtungen nur die Funktion, einkommenslose Arbeiter für eine lächerlich niedrige Entlohnung in öffentlichen Bauprojekten zu beschäftigen. Angesichts ihrer hoffnungslosen Situation strömten dennoch mehr als hunderttausend Erwerbslose in die Nationalwerkstätten.

Marx nannte das innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft garantierte Recht auf Arbeit zwar einen »Widersinn« und »elenden frommen Wunsch«, meinte aber gleichzeitig, »hinter dem Recht auf Arbeit steht (…) die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses.« Das sah das Bürgertum ähnlich und übte sich in Hasstiraden auf die proletarischen Tagediebe, welche sich angeblich auf Kosten der öffentlichen Hand bereicherten. Nachdem im Mai eine rechtsbürgerliche Regierung an die Macht gekommen war, begann diese unverzüglich mit der gnadenlosen Schleifung aller sozialen Errungenschaften der Februarrevolution. Der neue Arbeitsminister Ulysse Trélat verkündete in der Nationalversammlung unter dem Beifall der bürgerlichen Mehrheit, man wolle »die Arbeit auf ihre alten Bedingungen zurückführen«.

Die Regierung veröffentlichte am 21. Juni ein Dekret, wonach die Pariser Nationalwerkstätten geschlossen und die Erwerbslosen entweder zum Militär eingezogen oder in die Provinz abgeschoben werden sollten. Am Folgetag brach der Aufstand los. Unter roten Fahnen marschierten vier Kolonnen bewaffneter Arbeiter in die Innenstadt, skandierten Losungen wie »Brot oder Tod!« und »Eine demokratisch-soziale Republik!«. Ihr Ziel war das Pariser Stadthaus, die politische Zentrale der Zweiten Republik.

Die Aufständischen waren gut organisiert, von ihnen besetzte Wohnquartiere wurden unverzüglich durch den Bau von Barrikaden gesichert. Die Regierung unterschätzte anfangs den Aufruhr, weil sie glaubte, es mit einer planlos agierenden Masse Unzufriedener zu tun zu haben. Armee und Nationalgarde konnten den Vormarsch der Kolonnen zwar stoppen und mehrere Hauptstraßen unter ihre Kontrolle bekommen. Die verbarrikadierten Gassen und Nebenstraßen blieben dem Militär aber verschlossen. Schon am nächsten Tag breitete sich der Aufstand weiter aus und drang bis in die unmittelbare Nähe des Stadthauses vor. Die zu Tode erschrockene Regierung verlieh General Louis-Eugène Cavaignac, einen bei der Aufstandsbekämpfung in Algerien erfahrenen Militär, diktatorische Vollmachten und beauftragte ihn, die Erhebung unverzüglich niederzuschlagen. Aufgrund seiner grausamen Gründlichkeit nannte man ihn später den »Schlächter von Paris«.

5.000 Tote

Cavaignac warf den etwa 40.000 Aufständischen 100.000 Soldaten und Nationalgardisten entgegen. Die Barrikaden in den Wohnquartieren wurden rücksichtslos mit schwerer Artillerie beschossen, die aufständischen Gebiete voneinander isoliert und dann einzeln erobert – meist mussten die umzingelten Arbeiter aus Mangel an Munition aufgeben. Am 26. Juni kapitulierte das letzte Wohngebiet.

Auf Regierungsseite fielen in diesen Tagen etwa 1.500 Soldaten, darunter mehrere Generäle. Die Zahl der toten Arbeiter wird auf etwa 5.000 geschätzt, darunter 1.500 ohne Gerichtsurteil erschossene Gefangene. 25.000 Aufständische landeten im Gefängnis oder wurden nach Übersee deportiert.

Einem großen Teil der Bevölkerung entzog man in der Folge das Wahlrecht, stellte die Presse unter Zensur, die Bildung unter Aufsicht des Klerus, schaffte das Arbeitsministerium ab und tilgte alle sozialistisch angehauchten Artikel aus der Verfassung. Karl Marx schrieb im Jahre 1851: »Ist es da ein Wunder, wenn das französische Volk auf die Stunde des Aufstands wartet«. Die nächste Erhebung ließ allerdings noch mehr als 20 Jahre auf sich warten. Zunächst kam der unter dem »servilen Bravo« (Marx) des industriellen Bürgertums vollzogene Staatsstreich des Louis Bonaparte und damit das Zweite Kaiserreich. Erst auf dieses diktatorische Regime folgte dann die Pariser Kommune.

Die Pariser Arbeiter sind erdrückt worden von der Übermacht, sie sind ihr nicht erlegen. Sie sind geschlagen, aber ihre Gegner sind besiegt. Der augenblickliche Triumph der brutalen Gewalt ist erkauft mit der Vernichtung aller Täuschungen und Einbildungen der Februarrevolution, mit der Auflösung der ganzen alt-republikanischen Partei, mit der Zerklüftung der französischen Nation in zwei Nationen, die Nation der Besitzer und die Nation der Arbeiter. (…) Die Fraternité, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, von denen die eine die andere exploitiert, diese Fraternité, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben auf die Stirne von Paris geschrieben, auf jedes Gefängnis, auf jede Kaserne – ihr wahrer, unverfälschter, ihr prosaischer Ausdruck, das ist der – Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit flammte vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. (…) Aber die Plebejer, vom Hunger zerrissen, von der Presse geschmäht, von den Ärzten verlassen, von den Honetten Diebe gescholten, Brandstifter, Galeerensklaven, ihre Weiber und Kinder in noch grenzenloseres Elend gestürzt, ihre besten Lebenden über die See deportiert – ihnen den Lorbeer um die drohend finstere Stirn zu winden, das ist das Vorrecht, das ist das Recht der demokratischen Presse.

Karl Marx »Die Junirevolution«, Neue Rheinische Zeitung, 29.6.1848 (MEW, Bd. 5, S. 133–137)

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